Verbreitung der Bakteriellen Ringfäule wird mit Sorge betrachtet

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In der Kartoffelwirtschaft auch handelspolitische und einzelbetriebliche Interessen berücksichtigen

13. September 2000; Mechthilde Becker-Weigel, Agrarjournalistin, Bonn

Die Fälle bei denen deutsche Kartoffeln auf Grund von Bakterieller Ringfäule beanstandet wurden, haben im vergangenen Jahr zugenommen. Damit ist der Exportstatus Deutschlands gefährdet. Die Quarantänekrankheit wurde vor allem an Lieferungen in das europäische Ausland - insbesondere in die Niederlande - festgestellt. Mit einem nennenswerten Anteil waren darunter Speise- und Wirtschaftskartoffeln aus Nordrhein-Westfalen vertreten. Nun werden Möglichkeiten gesucht, die Verbreitung der Bakteriellen Ringfäule zu unterbinden. Verbände arbeiten auf zahlreichen Ebenen daran, die Ausbreitung einzudämmen und Betroffenen wirtschaftliche Unterstützung anzubieten.

Die Bakterielle Ringfäule (Clavibacter michiganensis ssp. Sepedonicus) zählt zu den meldepflichtigen Kartoffelkrankheiten. Auf Grund der seit Juli 1981 gültigen Kartoffelringfäule-Verordnung ist jeder Kartoffelerzeuger verpflichtet, das Auftreten von Verdachtsfällen der zuständigen Behörde zu melden. Die Bakterielle Ringfäule verursacht Ernteverluste durch Auflaufschäden, die bis zu 20 Prozent betragen können, während bei der Lagerung Verluste bis zu 60 Prozent ermittelt wurden. Maßnahmen zur Bekämpfung dieser als gefährlich einzustufenden Kartoffelkrankheit sind derzeit Pflanzenhygiene, die Verwendung gesunden Pflanzgutes, und die Beachtung der Quarantäne-Bestimmungen.

Das Auftreten von Bakterieller Ringfäule wurde in der Ernte 1999 in insgesamt sechs Mitgliedstaaten den Europäischen Union festgestellt. Zu den betroffenen Staaten gehören laut Erhebungen der Biologischen Bundesanstalt (BBA) in Braunschweig Dänemark, Deutschland, Griechenland, Niederlande, Finnland und Schweden. Im Vergleich zu den übrigen Mitgliedstaaten hat Deutschland bei Pflanzkartoffeln noch immer die meisten Befallsfälle. In der Ernte 1999 wurden 36 betroffene Partien registriert, gegenüber sechs in Dänemark. In den übrigen EU-Mitgliedstaaten wurde kein Befall von Pflanzkartoffeln festgestellt. Bei Speise- und Wirtschaftskartoffeln liegt Deutschland mit 106 Befallspartien hinter Griechenland (Kreta) mit 183 Befalls-partien nach wie vor an zweiter Stelle. Aus Finnland stammten 8 befallene Partien, aus den Niederlanden 3 Partien und aus Schweden 2 Partien.

Hinter den Zahlen für Deutschland verbirgt sich, dass im Vergleich zum Vorjahr der Testumfang anstiegen ist. Insgesamt wurden in Deutschland 18.091 Proben der Ernte 1999 (1998: 16.561 Proben) im Immunfluoreszenz-Test (IF-Test) auf Bakterielle Ringfäule untersucht. Dabei stammten 13.194 Proben aus der Pflanz- und 4.571 aus der Speise- und Wirtschaftskartoffelproduktion, zusätzlich 326 Proben aus Genbanken und Züchtungsmaterial. Unter Berücksichtigung des Ausgangspflanzgutes und von Schwesterpartien wurde der Erreger nach Angaben der BBA in insgesamt 55 Fällen ermittelt. Dabei entfielen 14 Fälle auf Pflanzkartoffeln und 41 auf Speise- und Wirtschaftskartoffeln. Im Pflanzkartoffelbereich wurden circa 1.000 Proben mehr als im Vorjahr (11.109) im Labor getestet.

Reaktionen der EU befürchtet

Bei den Beanstandungen von Lieferungen aus Deutschland handelt es sich bislang nahezu ausschließlich um Wirtschaftskartoffeln zur Verarbeitung. Bisher wurde angenommen, dass dies vor allem auf die intensivere Untersuchungsaktivität bei Zu- und Einfuhren in den betreffenden Staaten zurückzuführen ist. Dennoch sind als Folge verstärkter Befallsnachweise Reaktionen der EU abzusehen. Das zumindest fürchten Wirtschaftsverbände der Kartoffelerzeugung und der Deutsche Bauernverband (DBV), Bonn. Handelsbeschränkungen würden die gesamte exportierende Kartoffelwirtschaft schwer belasten. Somit handelt es sich nicht mehr um ein rein einzelbetriebliches Problem. Aus Sicht der Saatgut-Treuhandverwaltung, Bonn, muss die Sicherung der Versorgung der Stärkefabriken, des Veredelungs- und Speisesektors mit hochwertigem Rohstoff sicher gestellt sein. Ein umfassendes Vorsorgeprogramm der Kartoffelwirtschaft sieht vor, dass der Befall mit Bakterieller Ringfäule vor allem durch einen erhöhten Pflanzgutwechsel, beziehungsweise kontrollierten Anbau im Stärkekartoffelbereich eingedämmt wird. Für die Stärkeerzeuger existieren bereits Modelle, die die Abgabe von Z-Saatgut an die Landwirtschaft zu Mindestpreisen vorsehen, erläuterte Karl-Heinz Rechenburg, Geschäftsführer der Saatgut-Treuhandverwaltung zu diesem Thema. Ein ähnliches Modell kann man sich von Seiten der Saatgut-Treuhand für den Speisesektor vorstellen. "Die Versorgung mit gesundem Pflanzgut zählt zu den wichtigsten Punkten in der Bekämpfung der Bakteriellen Ringfäule," so Rechenburg. Hier liege eine große Verantwortung bei den Züchtern.

Wirtschaftlicher Schaden

Kommt es dennoch zu einem Befall, stellt sich die Frage, was mit den betroffenen Betrieben geschieht. Ziel der EU-Kommission ist es, unter allen Umständen die Ausbreitung des Erregers zu verhindern beziehungsweise ihn auszurotten. Aus diesem Grund muss das Auftreten des Erregers dem Pflanzenschutzdienst gemäß Kartoffelschutzverordnung gemeldet werden. Der Befall wird dann von den zuständigen Pflanzenschutzdiensten festgestellt. Danach muss sich der betroffene Betrieb den Hygienemaßnahmen unterziehen.

Wenn der gesamte Maßnahmenkatalog der Kartoffelschutzordnung zu greifen beginnt, ist die Bakterielle Ringfäule für die Kartoffelerzeuger ein existenzielles Problem. Deshalb arbeiten mittlerweile verschiedene Gremien aus berufsständischen Verbänden sowie die Versicherungswirtschaft an Modellen die Existenzgefährdungen für Erzeuger einzugrenzen. Das Thema wird noch prekärer, wenn man sich vergegenwärtigt, welche wirtschaftlichen Gefahren die Produkthaftung birgt. Es bestehen gesetzliche Regelungen, die bislang noch nicht praktiziert wurden, die aber ungeahnte Folgen annehmen können, sobald der erste Verarbeiter Schaden geltend macht. Denn wenn es in Verarbeitungsbetrieben zu Kontaminationen durch Bakterielle Ringfäule kommt, müsste der gesamte Produktionsprozess stillgelegt und desinfiziert werden.

Modelle der Versicherungen

Die Vereinigte Hagelversicherung hat in Zusammenarbeit mit der R+V-Versicherung im Jahre 1998 ein Deckungskonzept als Erweiterung der Hagelversicherung für kartoffelproduzierende Betriebe entwickelt. Heute bieten neben der Vereinigten Hagelversicherung auch die VGH in Hannover, die Bayerische Versicherungskammer und die Münchner und Magdeburger Hagelversicherung eine entsprechende Versicherungslösung an. Allerdings ist der Abschluss einer Versicherung gegen Bakterielle Ringfäule gekoppelt an das Bestehen einer Hagelversicherung. Diese Bedingung hat den Zuspruch von Seiten der Landwirtschaft vor allem aus Gebieten mit geringer Hagelgefährdung gebremst.

Annahmevoraussetzung:
- Der gesamte Kartoffelanbau einer Verwertungsart muss versichert werden;
- Verwendung von amtlich anerkanntem Saatgut (Z-Saatgut oder Basissaatgut) oder 1. Nachbau mit negativem Testergebnis;
- Innerhalb der vergangenen drei Jahre darf in dem Betrieb oder auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen die Bakterielle Ringfäule weder im Pflanzenbestand noch im Lager, einer Sendung oder Partie festgestellt worden sein und keine Sicherheitszone wegen Bakterieller Ringfäule errichtet worden sein;
- Laufzeit maximal 5 Jahre;
- ha-Wert der Versicherung von Schäden an Kartoffeln durch Bakterielle Ringfäule und ha-Wert der Hagelversicherung müssen gleich hoch sein.

Haftungsumfang:
- Bei Speisekartoffeln, Wirtschaftskartoffeln und Pflanzkartoffeln ohne nachfolgenden Ertragsausfall werden die Verluste des jeweiligen Anbaujahres bis zu einem Höchstwert ersetzt. Zusatzkosten werden mit einem pauschalen Wert der Versicherungssumme aus dem Anbaujahr angesetzt.
- Bei Pflanzkartoffeln mit nachfolgendem Ertragsausfall werden die Verluste des jeweiligen Anbaujahres bis zu einem Höchstwert ersetzt. Zusätzlich wird für den Ausfall wegen des Anbauverbotes im Folgejahr ein weiterer festgesetzter Teil der Versicherungssumme aus dem Anbaujahr erstattet. Zusatzkosten werden mit einem pauschalen Wert der Versicherungssumme aus dem Anbaujahr ersetzt.

Höchstentschädigung:
- Bei Speise-, Wirtschafts- und Pflanzkartoffeln ohne nachfolgenden Ertragsausfall maximal 80 Prozent der Versicherungssumme;
- Bei Pflanzkartoffeln mit nachfolgendem Ertragsausfall maximal 100 Prozent plus 50 Prozent der Versicherungssumme;
- Bei allen Varianten für anfallende Zusatzkosten jeweils maximal 10 Prozent der Versicherungssumme.

Im Jahre 1998 wurden nach einem Bericht von Heiner Wolff von der Vereinigten-Hagel, Gießen, innerhalb von zwei Monaten 3.363 ha mit einer Haftungssumme von 39 Mio. DM versichert. Die Begleichung der gemeldeten Schäden ergab dem Bericht zufolge, eine Schadenquote von deutlich über 100 Prozent. Auch für das Jahr 1999 zeigte sich, dass die Versicherer von den Einnahmen aus dieser Versicherung keine Mark übrig behalten. In den vergangenen zwei Jahren hat sich herausgestellt, dass die existenzbedrohenden Folgen zu einer zunehmenden Nachfrage nach Versicherungsschutz führen. Parallel zu der Versicherungslösung wurde auch in den einzelnen Bundesländern mit unterschiedlicher Intensität eine Fondslösung angeboten. Der Bayerische Bauernverband hat bereits in der Saison 1997/98 einen Solidaritätsfonds für Kartoffelerzeuger aufgelegt. Die Beiträge lagen bei 60 DM/ha für Pflanzkartoffeln und bei 30 DM/ha für sonstige Kartoffeln. Im ersten Jahr beteiligten sich über 300.000 Landwirte an dem Solidaritätsfonds, im zweiten waren es lediglich noch 200. Die Entschädigung im Schadensfall wurde in Abhängigkeit der Beiträge bestimmt. Der Versuch den Fonds an eine Versicherung zu koppeln, scheiterte durch die Auflage einer zusätzlichen Hagelversicherung. Der Ruf nach einem Solidaritätsfonds oder der Einrichtung einer Versicherung wird erst aktuell, wenn das Problem spürbar ist, kommentierte ein Vertreter des Bayerischen Bauernverbandes das bisherige Scheitern der Absicherungslösung.

Niederländisches Fondsmodell

In den Niederlanden bietet die Versicherungsgesellschaft OWM PotatoPol B.A., Den Haag, die 1997 gegründet wurde, gemeinsam mit dem niederländischen "Ackerbauverbund", eine spezielle Versicherung gegen Bakterielle Ringfäule und Schleimfäule an. Versichert werden Pflanzkartoffeln, Speise- und Stärkekartoffeln. Die Versicherung beruht auf Gegenseitigkeit und hat "Fondscharakter". 1999 wurden 5.300 Mitglieder gezählt, der Versicherungsumfang betrug 1,3 Mrd. hfl (Wert der versicherten Kartoffeln). Es wurden 75 Schadensfälle mit einem Wert von 7,3 Mio. hfl registriert. 1998 wurden 200 Schadenfälle mit einer Schadensumme von 7,0 Mio. hfl registriert.

Voraussetzungen:
- Der Pflanzenschutzdienst erarbeitet Bedingungen für Versicherungsnehmer.
- Nur in den Niederlanden erzeugte Kartoffeln werden verwendet.
- Nur zertifiziertes Pflanzgut darf ausgebracht werden. Dabei unterliegt dieses nicht der Verpflichtung zur Kontrolle auf Bakterielle Ringfäule.
- Pflanzkartoffeln ausländischer Herkunft müssen separat auf den Befall mit Bakterieller Ringfäule und Schleimfäule kontrolliert worden sein.
- In Gebieten, in denen Bakterielle Ringfäule festgestellt wurde, ist keine Versicherung möglich.
- 10 Prozent Selbstbeteiligung, grundsätzlich gebunden an den Anbau von maximal fünf verschiedenen Sorten. Wenn mehr als fünf verschiedene Sorten angebaut werden, beträgt die Selbstbeteiligung bis zu 20 Prozent. Die Prämien sind gestaffelt nach Pflanz-, Speise- und Veredelungskartoffeln und Stärkekartoffeln. Dabei gibt es zusätzlich zu einer Vorauszahlung eine Nacherhebung je nach Schadensverlauf.

Die Entschädigungs- oder Auszahlungshöhe unterscheidet sich nach tatsächlich befallenen Partien und unter Befallsverdacht stehenden Partien und beruht auf der Einschätzung des Pflanzenschutzdienstes. Die Vernichtungskosten befallener Partien betragen rund 60 bis 85 hfl/t und sind in der Versicherungssumme enthalten. Die Vernichtung befallener Partien ist obligatorisch. Das niederländische Fondsmodell von PotatoPol konnte auf eine zweijährige Anschubfinanzierung zurückgreifen, die unter anderem von der Rabo-Bank und staatlicher Seite getragen wurden. Insgesamt wurden 2 Mio. hfl zur Verfügung gestellt.

In Deutschland engagieren sich unterschiedliche Verbände auf verschiedenen Ebenen für eine Lösung dieses Problems. Die verschiedenen Gremien, darunter der DBV, arbeiten intensiv an einer Lösung zur Absicherung für die Erzeugerseite. Hierbei könnte die Einführung einer effizienten Versicherungslösung durchaus auch als Wettbewerbskriterium angesehen werden. Offen sind sicherlich Fragen inwieweit Beteiligungen etwa nach dem niederländischen Muster möglich sind und in Frage kommen. In jedem Falle könnte sich die Ausbreitung der Bakteriellen Ringfäule zu einem Handelsproblem entwickeln und damit die gesamte Branche treffen, nämlich dann, wenn die Exportmöglichkeiten versiegen.
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