Report Pflanzenschutz im Herbst

„Verlasst die Scholle und stellt euch der Diskussion“


Als Landwirt weiß Heinz Breuer, wo in der Praxis der Schuh drückt. Als Unternehmenssprecher erlebt er, dass die Kommunikation komplexer wird. Im Interview mit der agrarzeitung (az) fordert er mehr Schulterschluss in der Branche.


„Gemeinsam wird man mehr erreichen“, ist Heinz Breuer überzeugt. Das gilt für ihn auch im Wetteifern um die besten Nachhaltigkeitskonzepte.
-- , Foto: Bayer Crop Science
„Gemeinsam wird man mehr erreichen“, ist Heinz Breuer überzeugt. Das gilt für ihn auch im Wetteifern um die besten Nachhaltigkeitskonzepte.

agrarzeitung: Sie sind Landwirt und gleichzeitig Kommunikationsleiter. Wie bekommen Sie das unter einen Hut?

Breuer: Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich beides verbinden kann. Einen authentischeren Zugang zu unseren Kunden, aber auch zu Journalisten, politischen Entscheidungsträgern und weiteren auch kritischen Interessenvertretungen gibt es nicht. Zeit ist allerdings hin und wieder ein begrenzender Faktor.

Was hat sich im Rückblick in Ihrer Arbeit am meisten geändert?

Breuer: Als ich 1996 als Produktmanager für Herbizide startete, waren Marketing und Vertrieb die Faktoren, die fast allein über den Erfolg bestimmten – vorausgesetzt natürlich, das Produktportfolio stimmte. Die Industrie hat ihre Botschaften gesendet. Empfänger waren Landwirte, Handel und Berater. Eine professionelle Kundenansprache ist zwar auch heute noch essenziell für ein innovatives Unternehmen. Zugenommen hat aber die Komplexität der Kommunikation. Gesellschaftliche Akzeptanz und einhergehende politische Entscheidungen werden mehr und mehr zum Flaschenhals für wirtschaftlichen Erfolg. Speziell im Pflanzenschutz erleben wir eine Abkehr von einer Risiko-basierenden Bewertung. Es kommt zu einem Rückgang von Innovationen und zu Wettbewerbsnachteilen für die gesamte Wertschöpfungskette. Mit dem Blick nach vorne besteht für mich die große Herausforderung darin, im Schulterschluss der Branche eine mehr proaktive Gangart an den Tag zu legen.

Was bedeutet das für die Kommunikation?

Breuer: Wir müssen heute verstärkt Antworten auf neue gesellschaftliche Fragestellungen geben und gleichzeitig klarmachen, wofür eine moderne, nachhaltige Landwirtschaft steht. Die traditionellen Kommunikationsmuster tragen alleine nicht mehr. Wir müssen den Dialog mit neuen Zielgruppen führen. Die Geschwindigkeit der Kommunikation und Vielfalt der Kanäle hat zugenommen. Die Diskussion wird vermehrt emotional und weniger wissenschaftlich geführt.

Was raten Sie Landwirten beim Thema Öffentlichkeitsarbeit?

Breuer: Möglichst viele Landwirte sollten sich engagieren. Jeder, wie er oder sie kann, mit Maßnahmen, die den eigenen Neigungen und Möglichkeiten entsprechen. ‚Verlasst hin und wieder die Scholle und tretet in den Dialog. Stellt Euch der Diskussion in Eurem Umfeld. Ihr selbst seid die besten Botschafter‘, lautet mein Credo, wenn ich auf Veranstaltungen über Akzeptanz von Landwirtschaft und Öffentlichkeitsarbeit spreche.

Haben Sie konkrete Vorschläge?

Breuer: Das können einfache Dinge sein wie Leserbriefe an die Lokalpresse. Andere Landwirte organisieren lieber einen Nachmittag für Schulklassen oder Kommunalpolitiker. Wieder anderen liegt die Kommunikation über die Sozialen Medien. Manch einer engagiert sich bei der Pflanzenschützer-Aktion ‚Schau ins Feld‘. Der Strauß der Möglichkeiten ist riesengroß. Da sollte für jeden etwas dabei sein.


Zur Person
Heinz Breuer (Jahrgang 1968) ist gelernter Landwirt mit eigenem Betrieb. Er hat Landbau in Soest und Betriebswirtschaftslehre in Mönchengladbach studiert. In der Pflanzenschutzindustrie war Breuer im Marketing, in der Beratung und im Projektmanagement tätig, bevor es 2006 zum Wechsel in die Unternehmenskommunikation der deutschen Bayer Crop Science kam. Seit 2016 betreut Breuer zusätzlich die Themen Nachhaltigkeit und Food Chain Partnership. (db)

Reicht es, wenn Landwirte sich engagieren?

Breuer: Mehr Geschlossenheit in der gesamten Branche ist wünschenswert. Dazu ein Beispiel. Wenn der Lebensmitteleinzelhandel noch niedrigere als die gesetzlichen Rückstandshöchstwerte für Pflanzenschutzmittel verlangt, dann darf sich die Wertschöpfungskette nicht zugunsten vermeintlicher kurzfristiger Wettbewerbsvorteile auseinanderdividieren lassen. Das Einsteigen auf solche Sekundärstandards führt spätestens dann in eine Sackgasse, wenn Kulturen aufgrund von Resistenzen nicht mehr angebaut werden können.

Und was können Pflanzenschutzhersteller tun?

Breuer: Selbstkritisch wetteifern wir in der Industrie manchmal um die ‚schönsten‘ Blühstreifen oder Nachhaltigkeitskonzepte. Auch wenn jeder gute und berechtigte Initiativen hat, wie wir zum Beispiel Bayer Forward Farming, sind es eher keine direkten Wettbewerbsthemen. Gemeinsam wird man mehr erreichen.

Welches Leitbild streben Sie an?

Breuer: Landwirtinnen und Landwirte leisten seit vielen Generationen gute Arbeit. Und das Ziel, die Menschen zu ernähren, stand zu jeder Zeit ganz oben an. Das muss auch so bleiben. Landwirtschaft, Handel und Industrie zeigen ihr Gesicht und erheben ihre Stimme. Die Agrarwirtschaft ist Teil unserer Gesellschaft.

Die Fragen stellte Dagmar Behme
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