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Wissenschaftler sind zur umfassenden Beratung der Politik aufgefordert

18. April 2001; Brigitte Stein, Frankfurt am Main

Eine Steigerung des Öko-Landbaus auf 20 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche bis 2010, wie Bundeslandwirtschaftministerin Renate Künast als Ziel genannt hat, ist durchaus möglich. Darüber waren sich Agrarökonomen und Praktiker bei einer Tagung der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) in Braunschweig einig. Doch ist ein ganzes Bündel abgestimmter Initiativen notwendig, wenn Angebot und Nachfrage gleichmäßig wachsen sollen. Nur so kann ein dauerhaft stabiler Markt etabliert werden.

Die klassischen Instrumente der landwirtschaftlichen Marktpolitik, wie Prämien, Quoten und Fördergelder, reichen zur nachhaltigen Ausdehnung des Öko-Landbaus nicht aus. Sie führen lediglich zu einer Angebotssteigerung. Daneben müssen auch andere Sektoren bedacht und gefördert werden, fasste Prof. Stephan Dabbert, Institut für Landwirtschaftliche Betriebslehre der Universität Hohenheim, die Beiträge der Tagung zusammen. Notwendig sei eine umfassende Nachfrageförderung, die sowohl verbraucherorientierte Maßnahmen enthält als auch Verbesserungen in der Vermarktungskette. Erheblicher Bedarf an Unterstützung bestehe ebenfalls bei Forschung und Beratung zum Öko-Landbau. Hinzu kommen müsse auch auf EU-Ebene eine breite Zustimmung zur Förderung des Öko-Landbaus sowie ein Abbau von Handelshemmnissen. Dazu müssen alle interessierten und strategisch bedeutsamen Gruppen in einem Bündnis für Öko-Landbau gemeinsam eine Strategie mit klar definierten Zielen ausarbeiten. Allein dieser Prozess könne schon katalytisch auf das weitere Wachstum des Öko-Landbaus wirken, vermutet Dabbert. Die Einrichtung eines Kompetenzzentrums für den Öko-Landbau könne Wissen und Initiativen strukturieren und bündeln.

Die landwirtschaftliche Forschung und insbesondere die Agrarökonomen sollten sich bemühen, die Agrarpolitik bei der Erreichung der neu gesteckten Ziele zu beraten, meinte Dabbert. Eine grundsätzliche Ablehnung der Förderung der ökologischen Landwirtschaft als politisches Ziel, die sich in einer Unterschriftensammlung manifestierte, sei im Grunde unverständlich. Schließlich erstelle der Öko-Landbau ein öffentliches Gut, den Umweltschutz. Die Förderung einer solchen Aufgabe werde eben auch in der allgemeinen wirtschaftswissenschaftlichen Theorie als notwendig anerkannt.

Der Öko-Landbau könne unter mehreren Aspekten ein förderwürdiges Ziel sein, beschrieb Dabbert. Er verwies auf Studien, die nachgewiesen haben, dass der Öko-Landbau ein kostengünstiger Weg sei, unterschiedliche Umweltschutzmaßnahmen zu erreichen. Mit dem Öko-Anbau als Gesamtkonzept seien beispielsweise aufwändige Kontrollen von Einzelmaßnahmen zum Tier- oder Gewässerschutz wie etwa Bodenproben nicht mehr notwendig. Außerdem seien mit der ökologischen Landwirtschaft Einsparungen bei den Ausgaben für Marktordnungen wie etwa für die Beseitigung und Lagerung von Überschüssen verbunden, da im Öko-Anbau auf Grund niedrigerer Erträge keine Überschüsse produziert würden. Dabbert erwähnte Kalkulationen, die errechneten, dass diese Einsparungen bis zu 46 Prozent der Fördermittel für den Öko-Landbau betragen können. Allerdings beschränkten Quotenregelungen für einige Märkte derzeit den Produktionsrückgang. Doch wies Dabbert auch darauf hin, dass vom Öko-Landbau nicht zu viel erwartet werden könne, was die Beschäftigungsförderung oder die Verbesserung der landwirtschaftlichen Einkommen anbelange. Nicht immer liege das Einkommen der Öko-Betriebe über dem ihrer konventionellen Kollegen. Auch sei Öko-Landwirtschaft keinesfalls gleichzusetzen mit kleinbäuerlichen Strukturen.

Die potenzielle Nachfrage nach Öko-Produkten wird längst noch nicht ausgeschöpft, war sich Prof. Ulrich Hamm, Fachhochschule Neubrandenburg, sicher. Insbesondere bei Geflügel, Eiern, Obst und Gemüse sei das Angebot der begrenzende Faktor für die Marktentwicklung. Doch berge eine Förderung der Erzeugung allein über Flächenprämien immer die Gefahr von Fehlentwicklungen zwischen unterschiedlichen Betriebszweigen oder einzelnen Regionen, warnte Hamm. Bei einer massiven Ausweitung des Öko-Anbaus seien anschließende Engpässe in Kontrolle und Beratung zu befürchten, die schließlich auch die Glaubwürdigkeit der Produkte gefährde.

Eine durchdachte Steuerung der Marktentwicklung sei unbedingt notwendig, wenn die Politik diesen Markt nachhaltig etablieren wolle. Doch fehlten zuverlässige Daten. Politische Eingriffe ohne verlässliche Datenbasis glichen einer Navigation im Blindflug, so Hamm. Aus seinen Studien, in die Befragungsergebnisse aus mehreren europäischen Ländern eingeflossen sind, sieht er den Hauptengpass für den deutschen Markt in der Vermarktung. Die Produkte würden noch immer nicht in ausreichender Sortimentsbreite dort angeboten, wo die Verbraucher sie finden wollten, nämlich im Supermarkt. Ein nationales Öko-Kennzeichen könnte den Verbrauchern als sicheres Erkennungszeichen dienen. Auch eine größere Markttransparenz auf allen Ebenen, für die beispielsweise die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle (ZMP), Bonn, sorge, könne die Bemühungen der Marktbeteiligten unterstützen.



Öko könnte ins Sortiment passen

Lebensmitteleinzelhandel stellt Bedingungen

Braunschweig/brs - Der Lebensmitteleinzelhandel und auch der klassische Agrarhandel stehen Öko-Produkten nicht ablehnend gegenüber. Die konkreten Bedingungen, um miteinander ins Geschäft zu kommen, wurden bei der Tagung der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig (FAL) deutlich. Der Naturkostgroßhandel sieht sich beispielsweise als Alternative zum konventionellen Lebensmitteleinzelhandel.

"Da treffen zwei verschiedene Welten aufeinander," wenn Einkäufer von Edeka mit Anbietern von Öko-Produkten ins Gespräch kommen, sagte Reinhard Holleschovsky, zuständig für das Marketing von Eigenmarken der Edeka-Zentrale AG, Hamburg. Dabei passe das Image von Edeka - "Qualität und Frische" - bei den Verbrauchern eigentlich gut zu Öko-Produkten. Doch lege Edeka bei der Auswahl der Lieferanten großen Wert auf stetige Verfügbarkeit gleich bleibender Qualitäten, professionelle Produktaufbereitung, ausreichende Abpackkapazitäten, kostengünstige Logistik, gültige Zertifikationen nach EG-Verordnung sowie korrekte Deklaration der Waren. Auch sollten Anbieter, die mit dem Lebensmitteleinzelhandel ins Geschäft kommen wollten, selbstständige Produktpräsentationen unter anderem auf Messen betreiben sowie fertig konzipierte Displays (Präsentation im Verkaufsregal) anbieten. Auch müssten die angebotenen Produkte national zu einheitlichen Preisen in einheitlicher Verpackung erhältlich sein.

Edeka setze bei Öko-Produkten auf seine Eigenmarke Wertkost, weil Eigenmarken einen konstanten Packungsauftritt auch bei einem Lieferantenwechsel ermöglichen. Daher müssten sich interessierte Lieferanten auch zur Einhaltung der Gestaltungsvorgaben für die Eigenmarke verpflichten. Im Bereich Obst und Gemüse unter der Marke Wertkost erzielte die Edeka im vergangenen Jahr eine Umsatzsteigerung um 1 436 Prozent, berichtete Holleschovsky. Er betonte, dass Öko-Produkte für den Lebensmitteleinzelhandel eben nur ein mögliches Produkt unter vielen anderen sind, mit denen ein Laden seine Angebotspalette erweitern kann. Hier konkurrieren Öko-Produkte nicht nur mit konventionellen Lebensmitteln, sondern auch mit Non-Food-Artikeln.

Der klassische Agrarhandel verfüge bereits über langjährige Erfahrung mit Öko-Produkten, berichtete Nikolaus von Veltheim, Raiffeisen Hauptgenossenschaft Nord AG, Hannover. Die RHG Hannover vertreibe beispielsweise schon längere Zeit Kartoffeln aus ökologischem Anbau. Doch gestalte sich der Absatz wegen des deutlich höheren Preises schwierig. Für eine effiziente Logistik bei der Vermarktung von Öko-Getreide seien die Partien oftmals zu klein und zu uneinheitlich. Eine Marktentwicklung sei aber keinesfalls unmöglich.
Der Naturkostgroßhandel kann sich mit den Umsätzen des Lebensmitteleinzelhandels im Öko-Segment durchaus messen. Darauf wies Sascha Hinkes vom Naturkostgroßhandel Weiling GmbH, Coesfeld, hin. Das überwiegend regional arbeitende Unternehmen werde in diesem Jahr einen Umsatz von 100 Mio. DM erzielen, bundesweite Wettbewerber setzten mit Öko-Produkten noch mehr um. Daher sollte der Naturkostgroßhandel in seiner Bedeutung, die er für eine Marktausdehnung spielen könne, nicht unterschätzt werden. Zudem könne der Fachgroßhandel bei der Behandlung der Öko-Produkte langjährige Erfahrung und Kompetenz aufweisen. Ein deutliches Wachstum des Absatzes von Öko-Produkten über die Naturkostfachgeschäfte hielt Hinkes für möglich. Notwendig sei eine aktivere Kommunikation mit den Verbrauchern, wie Weiling sie mit Radio und Print-Werbung betreibe.



Umstellung lohnt oft nicht
Berater sehen wenig Anreize für Landwirte

Braunschweig/brs - Die Umstellung auf den ökologischen Landbau bringt für Landwirte oftmals keine finanziellen Vorteile, aber eventuell Nachteile mit sich. Wenn mehr Landwirte umstellen sollen, muss neben der Förderung für die Umstellung auch die Beratung und Forschung angepasst werden.

Betriebe, die auf Zuckerrüben und Stärkekartoffelerzeugung fußten, haben wenig Interesse an einer Umstellung auf die ökologische Wirtschaftsweise, berichtete Hans Hohenester, Vorsitzender der Landesvereinigung für den ökologischen Landbau in Bayern bei der Tagung der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) in Braunschweig. Sie hätten mit der derzeitigen Agrarpolitik ein sicheres Auskommen. Zudem schneide die Förderung für die Umstellung zum Öko-Landbau im Vergleich zu Programmen für integrierte Landwirtschaft schlecht ab.
Bei einem Vergleich des bayerischen Kulap-Programms mit dem für Öko-Landbau konnte 1999 ein Beispielsbetrieb in beiden Programmen die gleiche Fördersumme erhalten. Dabei bot das Kulap-Programm wesentlich mehr Freiheiten, etwa beim Zukauf von Düngemitteln oder bei der Anwendung von Medikamenten in der Tierhaltung.

Nach Einschätzung von Hohenester beachteiligt auch die Förderstruktur der derzeitigen Agrarpolitik die ökologischen Betriebe: Nur 74 Prozent der im Öko-Landbau angebauten Ackerfrüchte seien förderfähig, wogegen für 83,7 Prozent der konventionellen Ackerfrüchte Fördermittel vorgesehen seien. Hohenester gab ferner zu bedenken, dass seitens der Forschung auf viele Fragen im ökologischen Anbau keine Antworten gesucht würden. Diese Lücken würden in der Beratung immer wieder deutlich.
Für eine umfassende Umstellungsberatung stehen derzeit kaum genügend Berater zur Verfügung, berichtete Jan Plagge, Geschäftsführer der Bioland-Beratung in Bayern. Denn die Betriebe seien in ihrem Beratungsbedarf äußerst unterschiedlich, je nach Größe, Lage oder Betriebsausrichtung. Neben der rein landwirtschaftlichen Beratung müsse auch über Unsicherheiten der künftigen Rahmenbedingungen, ungelöste produktionstechnische Fragen, Knappheit der Futtermittel sowie fehlende Vermarktungsstrukturen gesprochen werden. Zudem sei eine Art Sozialberatung erforderlich, da sich ein Landwirt bei der Umstellung auf ökologische Wirtschaftweise in seinem sozialen Umfeld oft ganz neu positionieren müsse. Ökonomisch betrachtet lohne sich eine Umstellung auf ökologische Landwirtschaft für solche Betriebe gar nicht, die beispielsweise Schweinemast oder intensiven Ackerbau betreiben.
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