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Bedeutend im Schweine- und Geflügelfutter - Gesetzlicher Klärungsbedarf für praktikablen Einsatz

15. Mai 2001; Hermann Steffen, Bonn

Seit vielen Jahrzehnten wird dem Futter von Nutztieren Fischmehl in geringen Mengen beigefügt. Auf Grund des besonders hohen Proteinanteils gilt es als ernährungsphysiologisch wertvoller Bestandteil im Futter für Schweine und Geflügel sowie für Fische in Aquakulturen. Nach der Wiederzulassung von Fischmehl in Deutschland für die Schweine- und Geflügelfütterung wünschen sich Veredelungsbetriebe eine umsetzbare EU-Gesetzgebung.

Über den Einsatz von Fischmehl als reines Fischfutter gibt es wenige Diskussionen, entspricht es doch den natürlichen Nahrungsgrundlagen der Fische. Doch nur 35 Prozent des weltweit erzeugten Fischmehls wird tatsächlich an Fische verfüttert, der Rest entfällt mit 29 Prozent auf Schweine, 24 Prozent auf Geflügel und 3 Prozent auf Wiederkäuer (siehe Grafik). Als die Bundesregierung im Dezember vergangenen Jahres im Zuge der BSE-Krise bei dem im Eilverfahren erlassenen Verfütterungsverbot von tierischem Eiweiß Tiermehle und Fischmehl gleichermaßen verbot und nur noch die Verwendung von Fischmehl als Fischfutter zuließ, rief dies Unverständnis hervor. Immerhin konnte in anderen europäischen Ländern weiterhin Fischmehl verfüttert werden.

Da die EU-Kommission in ihrer Entscheidung eindeutige Kontrollmaßnahmen für die Herstellung und das Inverkehrbringen von Fischmehl definierte und das Risiko von Verunreinigungen mit Tiermehl nachhaltig einschränkte, wurde am 13. April dieses Jahres Fischmehl als Futtermittel für Schweine und Geflügel in Deutschland wieder zugelassen. Für Wiederkäuer blieb das Verfütterungsverbot in Übereinstimmung mit dem EG-Recht unverändert bestehen. Bisher fand jedoch noch keine Wiederaufnahme der Verfütterung von Fischmehl statt, da bei der praktischen Umsetzung der EU-Regelung noch Klärungsbedarf besteht. In der Praxis häufen sich Klagen, dass es schwierig sei, dieses traditionelle Futtermittel zu ersetzen. In vielen Veredelungsbetrieben wünscht man sich sehnlichst, Fischmehl wieder als feste Größe in den Rationen einplanen zu können.

Vor allem die nachweislich verbesserte Immunlage der Tiere wird von den Befürwortern von Fischmehl als Fütterungsargument ins Feld geführt. Daraus resultiere ein möglicher geringerer Einsatz von umstrittenen vorbeugenden Arzneimitteln. So belegen Untersuchungen, dass der Fischmehleinsatz bei der Putenaufzucht das Immunsystem der Jungtiere stimuliert und sie weitaus weniger anfällig gegen die bakterielle Geflügelkrankheit Coccidiose macht.

In der praktischen Fütterung wurde daher dem Futter der Jungputen in den ersten drei Wochen bis zu 5 Prozent Fischmehl zugesetzt. Durch die äußerst geringe Antigenizität des Fischproteins und die entzündungshemmenden Eigenschaften gilt Fischmehl auch als ideale Komponente im Ferkelaufzuchtfutter. In der Starterphase wurden den Ferkeln im Abschnitt zwischen 7 und 27 kg Lebendgewicht in der Praxis häufig zwischen 4 bis 8 Prozent, zum Teil sogar bis zu 10 Prozent des täglichen Futters als Fischmehl gegeben.

Bedeutend in der Aufzucht

Der günstigen Kombination der Inhaltsstoffe messen Fütterungsexperten besonders bei der Aufzucht von Geflügel und Ferkeln große Bedeutung zu, da die Futteraufnahmefähigkeit der Tiere in der Starterphase begrenzt ist und das Futter eine entsprechende Konzentration der Nährstoffe aufweisen muss. Zwar lässt sich Fischmehl durchaus durch andere Komponenten substituieren, jedoch scheint dies nicht einfach zu sein. Obwohl es nicht repräsentativ sein dürfte, haben Aufzeichnungen in einer norddeutschen Ferkel-Erzeugergemeinschaft dokumentiert, dass nach Absetzen des Fischmehls im Zuge des Verfütterungsverbotes die Zunahmeraten der Jungferkel in der gesamten Phase zwischen 7 und 27 kg Gewicht um 40 g/Tag zurückgingen.

Der Wert des Fischmehls wird auch in der Schweinezucht und bei der Eberfütterung nachhaltig geschätzt. Befürchtungen, dass es nach dem Absetzen der üblichen Fischmehlgaben in Höhe von 7 bis 8 Prozent der täglichen Futterration bei der Leistungsfähigkeit der Eber Probleme geben könnte, haben sich bisher noch nicht bestätigt. In der Sauenhaltung fördert Fischmehl nach langjährigen Erfahrungswerten in der "heiklen Phase" der hormonellen Umstellung nach dem Absetzen der Ferkel die Fruchtbarkeit und stimuliert die Rausche. Die üblichen Gaben betrugen etwa 4 bis 5 Prozent Fischmehl in der täglichen Ration. Die Zusammenstellung alternativer Fütterungs-Komponenten für Eber und Sauen gestaltet sich nach Aussagen von Fütterungsberatern besonders in der Eberfütterung zurzeit noch recht schwierig. Die Alternativen sind teurer als die Beigaben von Fischmehl.

Bei der Schweinemast hatte Fischmehl zuletzt nur eine untergeordnete und regionale Bedeutung. Fütterungsversuche haben ergeben, dass sich in der Mast mit der Verfütterung von Fischmehl kaum noch wirtschaftlich vertretbare Gewichtszunahmen erzielen lassen. Dafür ist Fischmehl zu teuer, denn zuletzt kosteten 100 kg 64er Fischmehl ab Bremen beim Großhandel etwa 102 DM, während sich 44/7er Sojaschrot ab Hamburg zu rund 44 DM beschaffen ließ. Damit lagen die Kosten pro Prozent Protein beim Fischmehl etwa 0,60 DM über dem von Sojaschrot. Dies lässt sich aber durch die höhere Proteinqualität begründen.

Praktikables EU-Recht

Wohin die Zukunft des Fischmehleinsatzes gehen wird, lässt sich aus den Prognosen der Vereinigung internationaler Fischmehl- und Fischölhersteller (Ifoma) ableiten. Danach wird sich in den nächsten zehn Jahren der Einsatz des Fischmehls in der Fischfütterung vervielfachen. Die Bedeutung für den übrigen Nutztierbereich wird zwar abnehmen, doch eine wichtige Größe in der Schweine- und Geflügelfütterung bleiben.

Daher gilt es auf europäischer Ebene die rechtlichen Rahmenbedingungen so zu formulieren, dass ein praktikabler Einsatz überhaupt möglich ist. Die derzeitigen Anforderungen an die Trennung der Produktions- und Logistikwege und an die Nulltoleranz gegenüber anderen Futtermitteln erfordern zudem vom Handel und der Mischfutterindustrie erhebliche Umstellungen, will man der Landwirtschaft auch künftig ein Futtermittel mit einem sehr guten Image zur Verfügung stellen.



Vorbehalte begründet?

Trotz der nachweislichen Vorzüglichkeit des Fischmehls in der Fütterung gibt es aus den unterschiedlichsten Gründen eine Reihe von Vorbehalten gegen die Herstellung und den Einsatz dieses Futtermittels. Am wenigsten begründet scheinen dabei Befürchtungen über eine mögliche Salmonellen-Einschleusung in die Nahrungskette. Obwohl der Verbrauch von Fischmehl in Deutschland seit einigen Jahren bei etwa 100000 t stagniert und die Menge im Verhältnis zu anderen Proteinträgern bescheiden ausfällt, gehört Fischmehl zu den am besten untersuchten Futtermitteln. Um zu verhindern, dass bestimmte Infektionserreger wie Salmonellen aus Übersee in den europäischen Nahrungskreislauf gelangen, wird bereits in den Ursprungsländern nach Erhitzung und Trocknung im Herstellungsprozess die Salmonellen-Freiheit des Fischmehls nach Stichprobenziehungen amtlich dokumentiert. Bevor das Fischmehl in Deutschland eingeführt werden darf, findet eine nochmalige, intensive Beprobung und Untersuchung in einem staatlichen Veterinäruntersuchungsamt statt. In Bremen, über das mehr als 50 Prozent aller europäischen Fischmehlimporte erfolgen, stellten die Veterinärbehörden von 50000 bis 60000 Proben in der Zeit von 1985 bis 1995 lediglich bei drei Proben Verunreinigungen mit Salmonellen oder Säugetieranteilen fest, wobei die Partien nicht aus den herkömmlichen Ursprungsländern, sondern aus einem nordafrikanischen Land stammten.

Bereits seit längerem in der Diskussion steht die Dioxin-Belastung im Zusammenhang mit Fischmehl. Hierzu wies EU-Agrarkommissar Franz Fischler allerdings kürzlich in einem Interview darauf hin, dass es nicht stimme, Fischmehl sei generell mit Dioxin belastet. Probleme gebe es im Wesentlichen nur in der Ostsee, nicht aber in allen anderen Meeren der Welt, aus denen der Hauptanteil des in den europäischen Ländern verfütterten Fischmehls komme. Zudem habe eine Arbeitsgruppe der Kommission kürzlich Vorschläge für Dioxin-Obergrenzen beim Einsatz von Fischmehl ab 1. Januar 2002 vorgelegt und für Fischmehl 1,25 Nanogramm (ng) als Höchstwert und 1,0 ng als Aktionswert genannt. Ab 1. Januar 2006 solle sich der Höchstwert auf 0,75 ng reduzieren. Nach Einschätzung der Importeure ist dies realisierbar, da die Werte für Fischmehl aus Südamerika niedriger liegen und die skandinavischen Länder in der Lage sein sollten, sich darauf einzustellen. Das in Deutschland eingesetzte Fischmehl stammt nur zum kleinsten Teil aus der Nord- und Ostsee sowie den Gewässern um Island oder aus Abfällen, die bei der Herstellung von Filets und Konserven anfallen. In erster Linie stammt es aus den Fischfängen Perus und Chiles an der Westküste Südamerikas.

Die Fischbestände, von denen Fische zur Fischmehlgewinnung gefangen werden, werden seit Jahren laufend in Monitoring-Programmen gemessen und beobachtet, um ein Überfischen bestimmter Meeresgebiete zu vermeiden und um sicher zu stellen, dass sich die Bestände nach einem Naturphänomen wie zum Beispiel El Niño vor der pazifischen Küste erholen können. International überwachte Fangstopps für alle Fischarten limitieren zudem die Fangmengen der verwendeten Fischarten. So gelten zum Beispiel Sandaal, Lodde, Stintdorsch und Anchovis nach FAO-Richtlinien nicht als überfischt und sind für die menschliche Ernährung aus geschmacklichen Gründen oder wegen des sehr hohen Grätenanteils kaum verwendbar. Trotz aller Kontrollen gibt es aber mahnende Stimmen, die darauf hinweisen, dass viele Bestände an der Grenze der Ertragsfähigkeit befischt werden. (St)



Hoher Futterwert von Fischmehl

Fischmehl und insbesondere Fischöl sind wegen der hohen Anteile an mehrfach ungesättigten Fettsäuren und deren ausgewogenen Anteilen zueinander die einzige Quelle für Omega-3-Fettsäuren in der Fütterung. Omega-3-Fettsäuren sind Bestandteil des Fischöls und abhängig vom Ölgehalt des jeweiligen Fischmehls. Im Schnitt liegen sie bei etwa 30 Prozent je Prozent Öl bei einem Ölanteil im Fischmehl zwischen 4 und 12 Prozent. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass diese langkettigen, mehrfach ungesättigten Fettsäuren wirksame Stoffe zur Reduzierung von Infektionen und Entzündungen sind, zur Verbesserung des Immunstatus beitragen und in der embryonalen Entwicklung als bestimmende Faktoren bei der Ausbildung von Nervengewebe fungieren. Durch den sehr hohen Anteil von mehrfach ungesättigten Fettsäuren mit hoher Verdaulichkeit lässt sich daher mit geringen Mengen Fischmehl der Bedarf an essentiellen Fettsäuren bei Schweinen und Geflügel decken, bei gleichzeitig höherem Energiegehalt als bei anderen Proteinträgern.

Omega-3-Fettsäuren finden sogar in der Humanmedizin vorbeugend gegen Herz-Rhythmus-Störungen und zur Minderung des Herzinfarktes Anwendung. Dr. med. vet. H.-H. Kornau von der Marine Protein Consulting, Verein der Getreidehändler an der Hamburger Börse e.V., und langjährigen Leiter der Importkontrollen für tierische und marine Proteine in Bremen, kommt gar zu der Erkenntnis: "Fleisch, Milch und Eier von Tieren, die mit Fischmehl gefüttert worden sind, können auch beim Menschen einen wichtigen Beitrag für die Aufnahme der langkettigen Omega-3-Fettsäuren leisten. Die belegte Wirkung von Fischölen in der traditionellen Medizin und bei Personengruppen mit überdurchschnittlich hohem Fischverzehr spricht also für den Einsatz von Fischmehl in der Tierfütterung."

Deutlich wird der hohe Futterwert in der Kombination verschiedener Faktoren. Der hohe Eiweißanteil, der je nach Sorte und Normtyp bei 60 oder 64 Prozent bei südamerikanischem oder sogar bei 70 bis 72 Prozent bei skandinavischem Fischmehl liegt, basiert auf einer optimalen Balance von essentiellen Aminosäuren. So liegen die Lysin-Gehalte in 65er Ware nach aktuellen Futterwerttabellen bei etwa 7,7 Prozent, die Methioninwerte bei 2,8 Prozent, die Methionin- und Cystingehalte zusammen bei 3,7 Prozent, die Threoningehalte bei 4,2 Prozent und die Werte für Tryptophan bei 1,1 Prozent. Damit wird nach Ansicht von Fütterungsexperten eine nahezu optimale Aminosäurenstruktur im Futter erreicht. Hinzu kommen die Bestandteile der Folgeaminossäuren Isoleucin, Valin, Histamin und Leucin, die sich nicht synthetisch herstellen lassen. Bei gleichzeitig sehr hoher Verdaulichkeit des Proteins, das nach englischen Untersuchungen zwischen 70 und 80 Prozent liegt, reichen somit bereits geringe Anteile zur Bedarfsdeckung der notwendigen essentiellen Aminosäuren, die nicht vom Organismus selbst produziert werden.

Als wertvoll gelten auch die beachtlichen Jod- und Selenkonzentrationen, das Vorhandensein anderer Spurenelemente und Mineralstoffe sowie ein hoher Phosphoranteil von 2,5 bis 3 Prozent, der in hoch verdaulicher Form vorliegt. Im Weiteren weist Fischmehl eine deutlich höhere Konzentration bei den Vitaminen des B-Komplexes mit Cholin, Biotin Vitamin B 12 und den Vitaminen A und D als andere hoch proteinreiche Futtermittel auf. (St)
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