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Hermann Steffen zum Rapsgeschäft

Die einen haben es ja schon immer gewusst, dass der Raps kommen musste. Die anderen sind vom Preisanstieg überrascht. Einig sind sich aber alle darin, dass der Raps zurzeit keine Eigenleistung bringt, sondern die treibende Kraft einzig und allein die Sojabohne ist. Die Aussichten für die Bohnen sind für die kommenden Monate stramm „bullisch“. Bei permanent reduzierten Ernteerwartungen in Südamerika, knappen Endbeständen in den USA, anhaltenden Käufen Chinas und wiedererwachtem Interesse der Fonds ist das Ende der Soja-Rallye in Chicago höchstwahrscheinlich noch nicht in Sicht. Seit etwa vier Wochen setzt Raps die Sojavorlagen eins zu eins um und könnte im Windschatten der Bohne noch ein Stück mitlaufen. Das Gespenst der großen europäischen Rapsbestände zum Saisonende hat an Schrecken verloren und eine relativ problemlose Übernahme in die neue Ernte gilt als machbar.

Weitaus schwieriger bleibt der Rübölabsatz. Eine Wiederbelebung des B-100-Marktes ist nicht in Sicht. Hierfür müssten die Mineralölpreise auf mindestens 70 US-$/Barrel steigen und Raps- sowie Rübölkurse stagnieren. Selbst in der Beimischung hat Rapsmethylester gegenüber Biodiesel aus Soja- oder Palmöl in den warmen Sommermonaten schlechte Karten. Die Biodieselanlagen fahren derzeit nur noch mit einer Auslastung von 30 Prozent. Für Raps als Nahrungsmittel stockt die Nachfrage ebenfalls. Die Lebensmittelindustrie ist mit der Kontraktabnahme mehrere Wochen im Rückstand. Die Rübölpreise am Rotterdamer Papiermarkt sind zwar angezogen und die Ölmühlen können dadurch zumindest ihre Margen absichern, produzieren ihr Öl aber zu einem Großteil für die Vorratstanks. Schätzungen zufolge müsste in Europa rund eine halbe Mio. t Rüböl mehr verbraucht werden, um den Markt nachhaltig zu entlassen.

Der Rapsmarkt gilt derzeit zwar generell als freundlich, aber der Auftrieb steht auf wackligen Füßen. Es ist mehr als fraglich, ob die anziehenden Aktienkurse und die etwas gestiegenen Rohölpreise schon das Ende der Finanz- und Wirtschaftskrise und den Aufschwung der Agrarmärkte einläuten. Die höheren Rapspreise haben die Verkäufe der Landwirte beflügelt, doch viele warten noch immer und wollen nun eine ‚3’ vor dem Erzeugerpreis sehen. Beim Spiel um den höchstmöglichen Preis zocken sie eventuell sogar noch weiter. Verdenken kann es ihnen nach der jüngsten Preisentwicklung keiner. Die Großbetriebe im Osten haben sicherlich gut daran getan, einen Grundstock ihrer Ernte abzusichern, denn auch unter 300.€/t sollte sich mit Raps Geld verdienen lassen. Mit dem Rest kann immer noch spekuliert werden. Der Erfassungshandel wird nach dem schmerzhaften Preisverfall 2008 ein konsequentes Risikomanagement fahren und überschaubare Long-Positionen halten müssen. Das es bisher nicht mehr Pleiten im Handel gegeben hat, grenzt im Nachhinein an ein Wunder.
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