Dr. Angela Werner zur Nachhaltigkeit

 
Unternehmen und Politik schmücken sich gerne mit dem Attribut der Nachhaltigkeit. Die meisten Großkonzerne verfassen seitenreiche Nachhaltigkeitsberichte, um ihre Bestrebungen zu dokumentieren. Auch in der Politik ist man um Vorgaben bemüht - wie etwa die Nachhaltigkeitsverordnung für Biomasse. Dies alles erscheint jedoch nur als Stückwerk. Jeder kocht sein eigenes Süppchen, doch daraus wird noch lange kein gelungener Eintopf. Der Begriff Nachhaltigkeit ist komplex und facettenreich.

Definiert ist er als Dreiklang zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten einer Wirtschaftsweise. Diese einfach klingende Beschreibung mit Leben zu füllen, ist schwierig, wie die Diskussionen während der Agrarmarketingtage in Berlin gezeigt haben. Klar ist: Alle Unternehmen beschäftigen sich damit. Denn sie versprechen sich langfristig Wettbewerbsvorteile davon. Dabei setzen die Firmen eigene Schwerpunkte. Die Ansätze sind ebenso verschieden wie die Unternehmen selbst. Die einen legen den Schwerpunkt auf die Ermittlung des CO2-Fußabdrucks für die verschiedenen Fleischarten. Andere wiederum beschäftigen sich mit Energieeffizienz und weitgehend geschlossenen Kreisläufen oder betonen die Natürlichkeit ihrer Produkte.

Was fehlt, sind transparente Konzepte und allgemein verbindliche Kriterien, nach denen Nachhaltigkeit überhaupt sinnvoll und stringent bewertet werden kann. Dies ist zugegeben zwar schwierig, da die Ziele und Produktionsweisen in der Wirtschaft sehr vielfältig sind. Es ist aber der einzige Weg, glaubwürdig und transparent zugleich zu sein. Denn was nützt es, wenn jedes Unternehmen, jeder Unternehmer seine Produkte mit seinem Nachhaltigkeits-Logo oder Slogan bewirbt? Das schafft nur Verwirrung bei den Verbrauchern und keineswegs Vertrauen. Rund 180 verschiedene Nachhaltigkeitslabels gibt es zurzeit. Wer soll sich da noch zurechtfinden. Innerhalb der Wirtschaft gibt es bereits ein funktionierendes System mit Prozess-Standards. Wie Globalgap vormacht, können Basiskriterien entwickelt werden mit entsprechenden Erweiterungen für die einzelnen Zweige der Agrarbranche. Wichtig ist dabei eine breite Basis, die auch international tragfähig ist.

Bei der Entwicklung dieser Standards könnten sich neben Forschungseinrichtungen vor allem die Verbände des Agribusiness profilieren. Davon ist jedoch bislang wenig zu lesen - und wenn, bringt es kaum Klarheit. Hier ist ein stufenübergreifender Dialog entlang der Wertschöpfungskette gefragt. Um Nachhaltigkeit darüber hinaus in der Bevölkerung zu verankern, muss aber nicht nur ein wissenschaftlicher, sondern insbesondere ein gesellschaftlicher Konsens gefunden werden. Unternehmen und Agrarverbände täten gut daran, auch die Umweltschutzorganisationen mit ins Boot zu holen, die über eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung verfügen. Nachhaltigkeit bedeutet aber auch Verantwortung und mehr, als nur den eigenen Unternehmenserfolg im Blick zu haben. Nachhaltigkeit darf nicht zum reinen Marketinginstrument verkommen.
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