Report Pflanzenschutz im Frühjahr

Wenn der Raps blüht, wird der Glanzkäfer zum Nützling

Vielfalt auf dem Acker: Die Fruchtfolge hat Bernd Kneer um Winterackerbohnen erweitert.
-- , Foto: Privat
Vielfalt auf dem Acker: Die Fruchtfolge hat Bernd Kneer um Winterackerbohnen erweitert.

„Ich bin ein Querdenker und mache mir Gedanken, ob alle Maßnahmen nicht nur vom finanziellen Aufwand, sondern auch vom Umweltgedanken her notwendig sind. Inzwischen bin ich so weit, dass ich auf einige Behandlungen ganz verzichte – nicht nur auf meinem Betrieb, sondern auch, wenn ich als Lohnunternehmer für Berufskollegen unterwegs bin“, umreißt Bernd Kneer seine Grundeinstellung zum Pflanzenschutz. Seit sein Betrieb 2013 als Demonstrationsbetrieb integrierter Pflanzenschutz ausgewählt wurde, geht er das Thema Pflanzenschutz noch sensibler an.

Starre Schadschwellen sind kein Maßstab mehr

Der 200-ha-Betrieb liegt am Rande des Bergischen Landes im Städtedreieck Düsseldorf, Wuppertal, Essen und wird als GbR mit den Flächen seines Partners Alfons Kuhles bewirtschaftet. Die Arbeitserledigung liegt in den Händen von Kneer, der darüber hinaus auch noch Lohnarbeiten und Pflanzenschutzdienstleistungen für andere Betriebe durchführt. Da der größte Teil seiner Flächen erosionsgefährdete Hanglagen sind, wirtschaftet er seit Langem pfluglos. Die Technik des Betriebes ist hochmodern, GPS-gestützt, mit Ertragskartierung sowie Teilbreitenschaltung des Düngerstreuers und einer Pflanzenschutzspritze mit 27m Arbeitsbreite. Mit dem Projekt Demonstrationsbetrieb sei er auch mutiger geworden, bekennt er.

Für ihn gibt es keine starren Schadschwellen, sondern er entscheidet von Fall zu Fall, ob eine Pflanzenschutzmaßnahme notwendig ist. Integrierter Pflanzenschutz fängt für ihn schon bei der Aussaat und Sortenwahl an. Soweit es die ökonomischen Erfordernisse zulassen, setzt er auf gesunde Getreidesorten, die wenig anfällig gegen Krankheiten sind. Durch die hohen Niederschläge von mehr als 1000 mm jährlich gibt es in der Region ein ausgesprochen großes Mehltaurisiko. Um einen Befallsdruck durch zu dichte Bestände von vornherein zu vermeiden, sät er sein Getreide mit niedriger Saatstärke aus oder setzt beim Weizen auf eine frühe und eine späte Sorte, um das Risiko zu splitten.

So bekam nach seinen Beobachtungen die frühe Weizensorte Premio regelmäßig „weiße Füße“. Mit einer günstigen Gabe der Fungizide Vegas oder Talius im Frühstadium gegen Mehltau konnte er die zweite Maßnahme verzögern und eine intensive erste Fungizid-Behandlung einsparen. Weizen wird in der Regel zweimal, manche Sorten aber auch dreimal mit Fungiziden behandelt. Der Einsatz von Wachstumsreglern in Getreide ist durch die hohen Niederschläge obligatorisch. Im Raps erfolgt in der Regel im Herbst eine Behandlung mit Wachstumsregler, um die Pflanze für den Winter zu stabilisieren. Im Frühjahr reicht meistens eine Maßnahme.

Das Zeitfenster für die Ausbringung von Herbiziden ist beschränkt durch den häufigen Regen und eine Minimalstrategie verbietet sich. Winterweizen wird in der Regel bis Mitte November im Vorauflauf, sehr später Rübenweizen erst im Frühjahr behandelt. In dieser Saison könnte der trockene Herbst 2016 aber zumindest eine teilflächenspezifische Frühjahrsbehandlung notwendig machen, befürchtet Kneer. Die Unkrautpopulation ist normal, Ackerfuchsschwanz kein großes Problem und bisher ließen sich keine Resistenzen beobachten.

Glyphosat kommt bei ihm nur bei nicht richtig abgefrorenen Zwischenfrüchten oder bei spätem Rapsdurchwuchs zum Zuge. Sollte der Wirkstoff für gängige Einsatzzwecke nicht mehr zugelassen werden, sieht er aufgrund des pfluglosen Systems und der Hanglagen Probleme auf den Betrieb zukommen.

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Insektizide kommen wesentlich seltener zum Einsatz

Den Einsatz von Insektiziden hat Kneer inzwischen erheblich reduziert. Bei seinen Entscheidungen orientiert er sich an den Zuflugdaten des regionalen Warndienstes Isip oder von der Proplant GmbH. Ist beispielsweise ein Zuflug von Rapsglanzkäfern zu erwarten, kontrolliert er alle drei Tage die Rapsbestände. „Wenn die Käfer an den Knospen eine kritische Anzahl erreicht haben, muss ich behandeln. Blüht der Bestand dagegen, dann sind die Glanzkäfer für mich Nützlinge, die bei der Befruchtung der Blüten helfen“, so Kneer. Er ist stolz darauf, dass er durch seine sorgfältigen Beobachtungen in den vergangenen drei Jahren auf allen Rapsflächen sowie in den Jahren 2013 und 2014 auch im Getreide auf Insektizide verzichten konnte. Lediglich in den Zuckerrüben war in dieser Zeit eine Behandlung gegen die Rübenblattlaus notwendig. Im vergangenen Jahr war allerdings eine Insektizid-Spritzung in der Gerste notwendig. Minimierte Aufwandmengen bei Insektiziden sind aufgrund des Resistenzmanagements kein Thema für ihn. Durch den Wegfall der Neonicotinoide wird er voraussichtlich künftig aber kaum um eine teilflächenspezifische Behandlung gegen den Erdfloh im Raps herumkommen, befürchtet er. Die intensive Beobachtung der Bestände ist und bleibt für ihn das wichtigste Gebot.

Seit dem Vorjahr wurde die Fruchtfolge Getreide, Raps, Zuckerrüben im Rahmen des Projektes „Ackerbauvielfalt“ um Leguminosen und speziell um die Ackerbohne erweitert.

Experimente mit Fruchtfolgen und anderen Kulturen

Der Wülfrather Landwirt ist experimentierfreudig, aufgeschlossen für Neues und lotet seit zwei Jahren außerdem Chancen für den Sojabohnenanbau aus. Angebaut wird die Sojabohne bisher als Versuch in Streifensaat. Die Erträge von 4t/ha konnten sich sehen lassen. Doch der späte Erntezeitpunkt im Oktober könne an den Nerven zehren, räumt er ein. Um Erfahrung mit nachhaltiger Stickstoffdüngung und neue Möglichkeiten gegen Rapsschädlinge zu sammeln, experimentierte er zwei Jahre lang mit Untersaaten im Raps. Doch das Verfahren war ihm zu aufwendig.

Für das Projekt Demonstrationsbetrieb hätte er sich mehr Unterstützung durch das Julius Kühn-Institut (JKI) gewünscht, kritisiert Kneer. „Die Impulse und neuen Ideen kamen in erster Linie durch die sehr fruchtbare Zusammenarbeit mit der Ackerbauberaterin von der Landwirtschaftskammer NRW zustande“, resümiert er.

Seine Erkenntnisse transferiert er unter anderem über den Arbeitskreis Ackerbau des Landkreises Mettmann an Berufskollegen. Mit ihnen diskutiert er über seine Treppenversuche mit unterschiedlichen Fungizid-Maßnahmen, die er jährlich für jede Ackerbaukultur auf drei verschiedenen Feldern anlegt.

Im ersten Jahr des Projektes besichtigten zudem die für den Pflanzenschutz zuständigen Referenten der Landwirtschafts- und Umweltministerien aller Bundesländer seinen Treppenversuch über Gelbrost. In diesem Jahr steht ein Treffen mit Vertretern der unteren Wasser- und Bodenschutzbehörden auf seinem Betrieb an. Kneer informiert aber nicht nur Fachleute. Im Wahljahr 2017 will er darüber hinaus Politiker aller Parteien einladen und sie über den integrierten Pflanzenschutz informieren. Die ersten Politiker haben bereits zugesagt. (St)
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