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ED-Interview : Jan Henke setzt bei Biomasse auf das Prinzip „book and claim“

Agrarzeitung Ernährungsdienst 2. Juni 2007; Von Dietrich Holler , Frankfurt a.M.

Die Entwicklung eines Zertifizierungssystem für nachhaltige Biokraftstoffe ist die Aufgabe des Beratungsunternehmens Méo Consulting Team, Wiesbaden. Dr. Jan Henke erläutert die verschiedenen Ansätze.

Ernährungsdienst: Welche Kriterien gelten für Biokraftstoff-Zertifikate?

Henke:Es dürfen keine Primärwälder oder Flächen mit hoher Biodiversität in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt werden. Außerdem gelten die Kriterien der guten landwirtschaftlichen Praxis, wie zu Düngemittelgaben oder Boden- und Wasserschutz. Ein Ausschlusskriterium ist die Treibhausgasbilanz. Wenn die nicht stimmt, spricht alles dagegen, Biokraftstoffe zu zertifizieren.

Die WTO lehnt verpflichtende Zertifikate für Biokraftstoffe ab.

Henke: Wir sind generell für eine Zertifizierung, die zu den Ansprüchen der Welthandelsorganisation WTO passt und keine Handelshemmnisse aufbaut. Darum lassen sich in den Zertifikaten wohl kaum soziale Aspekte durchsetzen. Für Umweltauflagen sieht das anders aus. Da ist die WTO prinzipiell mit dabei. In einer Nachhaltigkeitsverordnung zum Biokraftstoffquotengesetz kann jedoch festgelegt werden: Nur nachhaltig produzierte Biokraftstoffe dürfen auf die Quote angerechnet werden. Und die Nachhaltigkeit muss mit einem Zertifikat belegt werden. Die Biokraftstoffpolitik der EU zielt in die gleiche Richtung. Die einzelnen Mitgliedstaaten der Gemeinschaft können dies aber unterschiedlich interpretieren.

Wie soll das System in der Praxis funktionieren?

Henke: Das Ganze läuft nach dem Prinzip „book and claim“: Die tatsächlichen Warenströme und die Zertifikate sind getrennt. Es gibt einen Marktplatz für die Zertifikate, die eine nachhaltige Produktion in einem bestimmten Umfang garantieren. Die Erzeuger bieten die Papiere an und wer Rohstoffe verarbeiten will, kauft die Zertifikate. Damit ist sicher gestellt, dass in dem zertifizierten Umfang entsprechend bestimmter Kriterien produziert wird. Weder Landwirt noch Verarbeiter müssen eine genau festgelegte Partie bewegen. Eine chargengenaue Rückverfolgbarkeit ist nicht notwendig. Ein Verarbeiter mit Zertifikaten garantiert, dass Biomasse nachhaltig produziert wird, selbst wenn er Rohstoffe einsetzt, die nicht zertifiziert sind. Dieses System kann im Vergleich zu anderen Varianten leicht im internationalen Commodity Handel angewendet werden.

Das klingt nach Ablasshandel.

Henke: Von der ökologischen Wirkung her ist es doch egal, welche Ware tatsächlich verarbeitet wird, solange die Zertifikate garantieren, dass Landwirte klimaschonend Biomasse produzieren. Dem Verbraucher ist das zugegebenermaßen schwierig zu vermitteln. Aber das Prinzip ist einfach: Wer Bioenergie aus zertifzierter Produktion verwendet, sorgt dafür, dass die äquivalente Menge tatsächlich erzeugt wird. Die nachhaltige Produktion findet dort statt, wo sie am günstigsten zu bekommen ist.

Kombiniert man Energiebilanz und Kosten, ist brasilianisches Ethanol nachhaltiger als heimische Biotreibstoffe: Muss der Einfuhrzoll für Ethanol auch aus ökologischen Gründen fallen?

Henke: Mit den Zertifizierungen können und wollen wir die Zölle nicht beeinflussen. Davon ausgehend, dass Brasilien nachhaltig Ethanol produziert, würde dessen Wettbewerbsfähigkeit ohne Zoll auf dem europäischen Markt sicher erheblich steigen. Die brasilianische Ethanolproduktion kann aber indirekt die Landnutzung verändern: Weideland wird zum Zuckerrohranbau genutzt und für die weichende Viehhaltung werden dann Regenwälder abgeholzt.

Der bisherige Emissionshandel lässt den Transportsektor außen vor: Kommt Ihnen die Lücke gelegen?

Henke: Fossile Treibstoffe fördern nun mal den Klimawandel. Wir wollen mit unserem Zertifizierungssystem Anreize schaffen, damit Treibhausgasbilanzen von Biokraftstoffen immer besser werden. Mittelfristig müssen unsere Zertifikate einen Platz im übergeordneten europäischen Dekarbonisierungssystem finden.

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