Dr. Jürgen Struck zur Tierhaltung

Die Nachricht lässt aufhorchen: Große Fleischvermarkter in den USA wollen Schlachtunternehmen nach EU-Standard werden. Die Information stammt aus den Niederlanden. Überbracht wurde sie auf der Mitgliederversammlung der Schweinehalter Deutschlands (ISN) in dieser Woche. Die irritierende Begründung lautet, dass die US-Unternehmen ein zunehmendes Absatzpotenzial in der EU sehen. Zwar wird dort bisher in mehr als ausreichender Menge Schweinefleisch erzeugt und große Exportländer wie beispielsweise Deutschland arbeiten erfolgreich auf dem Weltmarkt. Aber nach Einschätzung der US-Fleischverarbeiter wird der gesellschaftliche Druck auf die Tierhaltung in Europa und speziell in Deutschland weiter stark steigen. Dadurch könne die Fleischerzeugung rapide sinken und die Eigenversorgung nicht mehr gedeckt sein. Auf knapp 110 Prozent wird sie derzeit für Europa beziffert, zwischen 120 und 130 Prozent soll sie in Deutschland betragen.

Die deutschen Fleischvermarkter sehen dies völlig anders. Sie planen den weiteren Ausbau ihrer Schlachtkapazitäten. Um rund 20 Prozent sollen sie nach Untersuchungen der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in den kommenden Jahren in Deutschland erweitert werden. Diesen Vorwärtsdrang teilen die Schweinehalter nicht. Nach Jahren ungebrochenen Wachstums in der Erzeugung und großer Erfolge im Export verweisen sie auf eine Abschwächung in der Produktion. Der Aufwärtstrend bei den Schlachtzahlen setzt sich nicht fort. Sie bewegen sich – abhängig von der Saison – seit 2010 auf einem Niveau von etwa 900000 Tieren pro Woche seitwärts, tendenziell sinkt er sogar. Die Erzeuger führen gewichtige Gründe für ihre skeptische Haltung an. Ein stichhaltiges Argument ist der immer stärker werdende Widerstand gegen den weiteren Ausbau der Stallanlagen in den Veredelungsregionen. Die theoretisch bestehende Möglichkeit, in veredelungsschwachen Regionen neue Kapazitäten zu errichten, scheitert ebenfalls am Protest der Bevölkerung, dem Genehmigungsbehörden nur allzu gern nachgeben. Immer schärfere Haltungsauflagen werden besonders kleine und mittlere Betriebe zur Aufgabe zwingen. So ist damit zu rechnen, dass innerhalb dieses Jahres noch bis zu 50 Prozent der Sauenhalter ihre Produktion einstellen, trotz hoher Ferkelpreise. Damit hätten auch die Mäster und die nachgelagerten Bereiche ein richtiges Problem. Ob die US-Fleischvermarkter mit ihren Erwartungen zur Entwicklung in Europa richtig liegen, vermag derzeit niemand zu sagen. Aber die Tatsache, dass sie sich darauf vorbereiten, sollte als Wetterleuchten für die gesamte Tierhaltung hierzulande gedeutet werden. Vielleicht denken die US-Unternehmer weitaus realistischer als viele politische Entscheidungsträger. Wie auch immer: Der europäische Markt für Schweinefleisch ist attraktiv und wird es bleiben. Alle für den Fleischsektor Verantwortlichen sollten Sorge tragen, dass auch die hiesigen Produzenten ihre Chancen darin nutzen.
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