Report Pflanzenschutz in der Saison

„Wir dürfen nicht in Öko-Nostalgie abgleiten“

Landwirte sind in der Pflicht, mehr für den Erhalt von Biodiversität zu tun, meint Friedrich Dechet vom Industrieverband Agrar (IVA). Im Gespräch mit der agrarzeitung (az) nennt er sinnvolle Maßnahmen und begründet, warum Extensivierung mehr schaden als nutzen kann.


Friedrich Dechet klärt, wo immer sich – wie hier auf den DLG-Feldtagen – die Gelegenheit bietet, über sinnvolle Biodiversitätsmaßnahmen auf.
-- , Foto: IVA
Friedrich Dechet klärt, wo immer sich – wie hier auf den DLG-Feldtagen – die Gelegenheit bietet, über sinnvolle Biodiversitätsmaßnahmen auf.

agrarzeitung: Ist es nicht nur ein Feigenblatt, wenn sich die Pflanzenschutzindustrie mit Biodiversität befasst?

Dechet: Nein, für uns alle im IVA besteht keinerlei Zweifel daran, dass für den Erhalt und Schutz der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft größere Anstrengungen unternommen werden müssen. Landwirtschaft steht dabei im Mittelpunkt, sie ist Teil der Vielfalt und beeinflusst sie.

Ökologische Vorrangflächen oder Ökolandbau? Was bringt für den Schutz von Biodiversität den höheren Nutzen?

Dechet: Ich glaube, das sind die falschen Ansätze. Wir haben doch Erfahrungen mit einer umfangreichen Flächenstilllegung, in den neunziger Jahren waren wir schon einmal bei 15 Prozent – damals zur Marktentlastung. Trotz des über Jahre hohen Anteils stillgelegter Fläche trat kein nennenswerter Anstieg des Indikators Artenvielfalt auf. Zur vermuteten Vorzüglichkeit des ökologischen Landbaus hat Dr. Steffen Noleppa in diesem Jahr eine Studie vorgelegt. Er hat nachgewiesen, dass Ökolandbau – bezogen auf die Anbaufläche – die Artenvielfalt zwar weniger stark beeinträchtigt als konventioneller Landbau. Bezogen auf den Ernteertrag – zum Beispiel eine Tonne Weizen – geht aber bei ökologischer Bewirtschaftung deutlich mehr Biodiversität verloren. Ursache sind die wesentlich höheren Erträge in der konventionellen Landwirtschaft.

Und was ist mit Extensivierung?

Dechet: Das ist der gleiche Effekt. Wenn wir flächendeckend extensivieren oder in Deutschland 100 Prozent Biolandbau anstreben, müssen wir dafür Teile der kasachischen Steppe oder des brasilianischen Urwalds opfern. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass extensive Formen der Landwirtschaft für den Schutz und Erhalt der Biodiversität per se vorteilhaft sind. Das ist eine verengte Sichtweise, die globale Implikationen völlig außer Acht lässt.

Was schlagen Sie vor?

Dechet: Wenn ich Biodiversität fördern will, ist die Bewertungsebene wichtig. Ein einzelner Ackerschlag ist eine ungeeignete Bezugsgröße, denn hier muss die Biodiversität niedrig gehalten werden, wenn ich etwa sortenreinen Weizen ernten will. Nationale oder gar globale Ziele sind zwar als Rahmen wichtig, für konkrete Maßnahmen aber viel zu abstrakt. Ideal für konkrete, praktische Biodiversitätsmaßnahmen ist der Naturraum.

Zu häufig gibt es aber völlig unkoordinierte Maßnahmen, etwa wenn in Feuchtgebieten Blühstreifen angelegt werden, die regelrecht absaufen. Deswegen müssen wir diesen Naturräumen ein Schutzziel zuordnen. Und wir sollten schauen, ob die bisherigen Schutzgebiete bereits optimiert sind und die bisherigen Biodiversitätsmaßnahmen überhaupt aufeinander abgestimmt sind. Zu den konzeptionellen Aufgaben gehört aber auch die Definition von ökologischen Leitbildern, die zukunftsorientiert ausgerichtet sind. Die Landwirtschaft im Jahr 2020 wird nicht die des Jahres 1970 sein! Wir dürfen nicht in Öko-Nostalgie abgleiten.


Zur Person
Dr. Friedrich Dechet möchte moderne und umweltschonende Landwirtschaft vereinbaren. Er versucht, dabei frei von Ideologie seinem „grünen Gewissen“ zu folgen. Der promovierte Biologe ist seit 25 Jahren für den IVA tätig und heute Referent für Fragen von Technik und Umweltwirkungen des Pflanzenschutzes. Er hat in Weihenstephan Landwirtschaft und in Hohenheim Agrarbiologie studiert. Nach der Promotion in Kaiserslautern arbeitete Dechet zunächst an der Lehr- und Forschungsanstalt in Neustadt/Weinstraße, bevor er zum IVA wechselte. (db)

Sollen Landwirte also warten, bis sich die Experten und die Politiker einig sind?

Dechet: Nein, das wäre fatal. Landwirte sind schon jetzt in der Pflicht, etwas zu tun. Da gibt es genug praxiserprobte Maßnahmen, viele davon sind nicht sehr aufwendig, aber wirkungsvoll. Das gilt etwa für Blühstreifen, wenn es um die Förderung von Pollinatoren geht. Sehr hilfreich ist es darüber hinaus, wenn Landwirte in ihrer Flur nach Teilflächen suchen, die ohne größere Einbußen für die Biodiversität genutzt werden können – die sogenannten ‚Eh-da-Flächen‘. Im Gegensatz zu ökologischen Vorrangflächen in der Ackerfläche, die von Jahr zu Jahr neu gestaltet werden, können sich in diesen dauerhaften Strukturen Populationen stabilisieren.

Wie beurteilen Sie Blühstreifen, die ein oder zwei Jahre stehen?

Dechet: Auch wenn solche keine dauerhaften Strukturen bilden, sollten Landwirte sie, wo immer möglich, anlegen, nicht nur wegen der Biodiversität und ihrer Funktion als Bienenweide. Sie sind auch eine Augenweide. So etwas hilft, um das Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Bevölkerung zu verbessern.

Glauben Sie, dass wir mit der Biodiversität weiterkommen?

Dechet: Ja, wenn wir im landwirtschaftlichen Kontext einige Grundsätze beherzigen. Was auch immer getan wird, muss gründlich gemacht werden. Naturschutzmanagement und Monitoring brauchen klare, erreichbare Schutzziele. Wer Imkerei betreibt, muss alle Maßnahmen zur Förderung der Honigbienen ergreifen. Landwirtschaft braucht beste fachliche Praxis. Dazu gehört auch der korrekte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, und zwar unabhängig davon, ob es sich um ökologische, integrierte oder konventionelle Bewirtschaftungsweisen handelt.

Das Gespräch führte Dagmar Behme
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