Report Nutztierhaltung

„Wir haben schon seit drei Jahren einen nationalen Alleingang“

Tierhalter haben viele bürokratische Hürden zu überwinden. Daran will das Agrar- und Ernährungsforum (AEF) im Oldenburger Münsterland etwas ändern. Um zukünftige Märkte muss sich die Veredelungswirtschaft aber mehr bemühen, meint Uwe Bartels. Nur über Qualität sei die Akzeptanz wieder zurückzugewinnen.


-- , Foto: AEF

az: Einerseits beklagen Sie zu viel Bürokratie, andererseits haben Sie selbst den Interministeriellen Arbeitskreis, kurz IMAK, gegründet. Was soll eine weitere Institution?

Bartels: Der IMAK ist genau das Gegenteil von Bürokratie. Wir wollen die Widersprüchlichkeit in den Rechtsvorschriften auf Landes- und Bundesebene, Blockaden, unnötige Auflagen bei zu kosten- und zeitaufwendigen Gutachten feststellen und abbauen. Dazu sollen konkrete Aufträge – wenn möglich mit Änderungsvorschlägen – an die Verantwortlichen auf Landes- und Bundesebene formuliert werden.

Wann kommt der versprochene Abschlussbericht?

Bartels: Aufgrund der Neuwahl in Niedersachsen konnte die Arbeit des IMAK leider nicht zum Abschluss gebracht werden. Der Wille zur Fortsetzung nach der Wahl ist aber ausdrücklich vorhanden. Eine Reihe von Vorschlägen konnte bereits zum Abschluss gebracht werden, wie der Erlass der Genehmigungsbehörden zum Bau von Güllebehältern in Ackerbauregionen.

Deutschen Tierhaltern werden immer strengere Regeln auferlegt ...

Bartels: ... das wird sich auch nicht mehr umkehren. Der Lebensmitteleinzelhandel ist der größte Treiber in diesem Punkt. Ohne Rücksicht auf Verluste setzt er Erzeugern Rahmenbedingungen und fordert beispielsweise Fleisch ohne Antibiotika in der Mast. Der Handel ist auch früher eingestiegen beim Schnabelkürzen. So etabliert Kaufland eine neue Premiumstufe. Schwierig ist für den Landwirt, das in der Kürze der Zeit überhaupt zu leisten. Der Lebensmitteleinzelhandel geht voran. Wir müssen in diesem Zusammenhang höllisch aufpassen, dass Mehrkosten auch über den Lebensmitteleinzelhandel honoriert werden.

Anfang 2017 wurde über die Fleischsteuer gestritten. Was halten Sie davon?

Bartels: Es gibt immer Betroffene, wenn etwas finanziert werden muss. Der Verbraucher wäre die Ideallösung, wenn er bereit wäre, mehr zu bezahlen. Wir wissen aber, dass er das nicht macht, sondern auf Billigangebote ausweicht, und dass der Lebensmitteleinzelhandel nicht aufhört, solche Lockvogelangebote zu machen. Deshalb glaube ich nicht daran, mittelfristig über den Verbraucher die nötigen Gelder zu erhalten, um den Umbau derart zu gestalten, dass die Gesellschaft sagt: ‚Genau das haben wir uns vorgestellt und jetzt akzeptieren wir die Tierhaltung in Deutschland so, wie sie ist.‘

Also muss die Wertschöpfungskette mitwirken, aber in Gänze, und nicht wie bei der Tierwohlinitiative nur ein Glied der Wertschöpfungskette. Denn das kann nicht funktionieren. Die 130 Millionen Euro sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das ist im Moment bedauerlicherweise die einzige Geldquelle, die dem Landwirt überhaupt einen zusätzlichen Erlös gibt.

Wo soll das Geld denn sonst herkommen, wenn nicht vom Verbraucher und dem Handel?

Bartels: Ich denke hier an eine Fleischabgabe, die, ähnlich dem EEG bei der Energie, auf je in Deutschland gehandeltes Kilogramm Fleisch erhoben wird. Damit erfasse ich auch Importware. Die Finanzmittel aus dem Fonds könnten die Investitionen in der Tierhaltung finanziell ausgleichen. Sollte eine Fleischabgabe aus politischen Gründen nicht zustande kommen, muss der Bundeshaushalt die Mittel zur Verfügung stellen.


Vom Fach
Uwe Bartels ist mit den Strukturen der Agrarbranche in Niedersachsen vertraut. Er war bis 2003 niedersächsischer Agrarminister und anschließend bis 2011 Bürgermeister von Vechta. Seit 2013 sitzt er dem Agrar- und Ernährungsforum (AEF) Oldenburger Münsterland vor. Ziel des Vereins, der 2006 gegründet wurde, ist die Stärkung des Agribusiness mit seinen vor- und nachgelagerten Segmenten. Die AEF erarbeitet Strategien für Problemfelder der Veredelungswirtschaft wie die Verbesserung von Tierwohl und Tiergesundheit oder des Nährstoffmanagements. Etwa 90 Unternehmen, Verbände und Interessengemeinschaften zählen zum Netzwerk. (AW)

Wie sehen Sie die Veredelung in Zukunft in Deutschland?

Bartels: Wir haben eine gute Perspektive. Sie muss aber erarbeitet werden. Wir sind auf gutem Weg mit den Überlegungen zur Tiergesundheit, zu den Tierwohlaktivitäten und zu den Haltungssystemen. Wir können damit die höheren Erwartungen des deutschen Verbrauchers bedienen und haben damit gleichzeitig die Chance, wieder Vertrauen und Akzeptanz der Gesellschaft zurückzugewinnen. Ich bin ziemlich sicher, dass es eine kaufkräftige Käuferschicht gibt, die bereit ist, für Produkte ‚Made in Germany‘ höhere Preise zu bezahlen.

Wir können uns auch nur im globalen Markt von den Billigangeboten abheben, indem wir den Verbrauchern im Ausland eindeutig zusagen, dass wir auf hohem Niveau der Lebensmittelproduktion, aber auch der Tierhaltung produzieren. Das sind die Märkte der Zukunft. Nicht umsonst wirbt zum Beispiel Tönnies mit ‚Made in Germany‘, weil dies auch außerhalb Europas einen klangvollen Namen hat.

Tönnies produziert aber vermehrt im Ausland.

Bartels: Das wird man nicht verhindern können. Entscheidend ist, dass unsere oder vergleichbar hohe Standards in diesen Ländern eingehalten werden. Wenn das nicht so ist, werden wir in diesen Märkten nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Zu den Niedrigpreisen, zu denen dort produziert wird, werden wir nicht zurückkehren können. Das wird unsere Gesellschaft nicht zulassen.

Deshalb muss man der deutschen Öffentlichkeit gegenüber, aber auch den deutschen Landwirten klar sagen, dass wir – ob wir es wahrhaben wollen oder nicht – schon seit drei Jahren einen nationalen Alleingang im Bereich der Tierhaltung vorgenommen haben, ohne uns darum gekümmert zu haben, wie dieser nationale Alleingang tatsächlich finanziell abgefedert und wie verhindert wird, dass wir aus den Märkten herausfliegen. Das ist das große Manko und bereitet mir Sorgen. Denn jeder weitere Tag ohne klare Regelung über einen finanziellen Ausgleich bedeutet einen weiteren Strukturwandel und Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.


Das Gespräch führte Dr. Angela Werner
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