Report Pflanzenschutz

„Wir müssen weg von der Rezept-Landwirtschaft“

Der BÖLW-Vorsitzende wundert sich, warum nicht viel mehr Landwirte auf ‚Bio‘ umstellen. Rechnen tut es sich schon heute, dank höherer Preise und staatlicher Förderung. Der Pflanzenschutz ist im Ökolandbau allerdings eine Herausforderung, weiß Felix zu Löwenstein.


-- , Foto: Privat

az: Sie haben bis 1992 konventionell gewirtschaftet und dann umgestellt. Wie ist es Ihnen denn ohne Chemie ergangen?

Löwenstein: Im Ökolandbau ist der Verzicht auf synthetische Pflanzenschutzmittel nur ein einziger Baustein. Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Als wir unseren Betrieb umgestellt haben, konnten wir das Rübensaatgut nicht mehr mit Insektiziden beizen. Dann tauchte ein seltener Schädling auf, der die jungen Rübenpflanzen gefressen hat. Wir mussten umbrechen. Da hatte ich noch den konventionellen Impuls: ‚Wie bringe ich die Viecher um?‘ Und habe mich auf die Suche gemacht, ob es irgendwo im Ökolandbau ein zugelassenes Mittel gibt, das ich einsetzen kann. Das gab es aber nicht.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Löwenstein: Mir hat zu denken gegeben, dass auf der anderen Seite des Weges ebenfalls ungebeiztes Saatgut gesät wurde. Dort war der Schädling wohl auch, hat aber die Rüben nicht weggefressen. Das war für mich das Aha-Erlebnis, weil es gezeigt hat, wie eigentlich unsere Problemlösung aussieht. Es geht darum, mit ackerbaulichen Maßnahmen einen Zustand herzustellen, bei dem Schädlinge vorhanden sein dürfen, ohne dass sie Schaden anrichten. Um solche stabilen Systeme zu bauen, muss ich das gesamte Ökosystem einbeziehen – die Vorfrucht, den Bodenzustand, die Begleitflora.

Auch konventionelle Landwirte denken in diese Richtung. Reicht das nicht?

Löwenstein: Den konventionellen Ansatz nenne ich die Rezept-Landwirtschaft. Über den Düngersack und die Pflanzenschutzspritze wird der Reparaturbetrieb in Gang gesetzt. Der ökologische Landbau ist hingegen auf stabile Systeme angewiesen. Da es sie aber nicht gibt, muss jeder einzelne Landwirt, der seinen Betrieb umstellt, sie selbst entwickeln. Das ist die Pionieraufgabe des Ökolandbaus.

Ökolandwirte spritzen aber doch auch.

Löwenstein: Natürlich brauchen wir auch Pflanzenschutzmittel. Und wir müssen noch viel mehr forschen, um andere Lösungen zu entwickeln als wir sie heute haben. Denn ganz ohne Probleme werden wir natürlich auch im Ökolandbau nie sein. Wir haben längst keine stabilen Systeme, schon gar nicht im Obst-und Weinbau.

Deswegen hatten die Öko-Winzer 2016 ja auch Totalausfälle.

Löwenstein: Das war die Folge von politischen Versäumnissen. Ausgerechnet in einem Problemjahr wie 2016 stand Kaliumphosphonat nicht mehr zur Verfügung. Es war aus der Kategorie als Pflanzenstärkungsmittel herausgefallen, aber nicht als Pflanzenschutzmittel für den Ökolandbau zugelassen worden. Mit dem Kaliumphosphonat hätten wird die Probleme besser in den Griff bekommen, jedenfalls so gut wie die konventionellen Kollegen, die bei der anhaltend feuchten Witterung auch nicht immer rechtzeitig in ihre Weinberge fahren konnten.

Mit der Verwendung von Kupfer machen sich Ökolandwirte aber angreifbar.

Löwenstein: Wir fahren in Deutschland seit Jahren eine Kupferminimierungsstrategie – und wir sind in Europa die einzigen, die das tun. Man muss die Kirche aber auch im Dorf lassen. Kupfer ist nicht per se ein Gift, sondern für viele Kulturpflanzen sogar ein essenzieller Spurennährstoff. Natürlich haben hohe Kupferkonzentrationen im Boden das Potenzial, Ökosysteme zu schädigen. De facto haben wir Probleme nur dort, wo wir Altlasten haben. Heute bringen wir bis zu drei Kilogramm Kupfer pro Hektar aus, wir waren früher in den Weinbergen aber bei 30 bis 40 Kilo pro Hektar – und das fast ein Jahrhundert lang.

Wie sehen Sie die Zukunft des chemischen Pflanzenschutzes?

Löwenstein: Ich bin sicher, dass wir in 15 Jahren nicht mehr über Herbizide reden. Dann werden kleine Roboter über die Äcker schwärmen und die unerwünschten Pflanzen ausreißen. Als nächstes werden wir solche Roboter durch die Kartoffeläcker schicken und die Gelege von Kartoffelkäfern sammeln oder die Blätter mit Phytophthora-Befall entfernen. Dann werden wir die Roboter so ausstatten, dass sie im Getreide das Fungizid nur lokal auf die Mehltaupusteln ausbringen statt die Blattoberfläche zu bedecken. Wir werden immer weniger Mittel brauchen.

Ist das nicht eine Wunschvorstellung?

Löwenstein: Wir brauchen natürlich politische Weichenstellungen. Im Moment ist es wirtschaftlicher, Insektizide auszubringen, als nach Alternativen zu suchen. Die volkswirtschaftliche Sicht ist jedoch eine andere. Wenn wir in Nordrhein-Westfalen innerhalb von 15 Jahren 80 Prozent der Insektenbiomasse verloren haben, muss uns das alarmieren. Hier brechen Ökosysteme zusammen. Wir müssen dafür sorgen, dass die, die externe Kosten verursachen, diese bezahlen. Dazu gehört eine Abgabe auf Pflanzenschutzmittel, um mit dem Geld mehr Forschung zu finanzieren.

Der Ökolandbau soll noch stärker als bisher gefördert werden?

Löwenstein: Natürlich. Ökolandbau ist das effizienteste und billigste Instrument, um stabile Systeme zu schaffen. Weil er obendrein einen Markt für seine Produkte hat, finanzieren die Verbraucher diese Pionierarbeit mit. Aber solange die Märkte nicht alle realen Kosten abbilden, muss der Staat eingreifen.

Warum stellen nicht mehr Landwirte um?

Löwenstein: Das fragen wir uns auch. Zumal in den vergangenen 15 Jahren nach den Zahlen des Testbetriebsnetzes des Bundeslandwirtschaftsministeriums die Ökobetriebe nur in zwei Jahren schlechter dastanden als die konventionellen. Das hätte doch dazu führen müssen, dass alle rational denkenden Bauern umstellen. Aber nach wie vor haben wir psychologische Hindernisse. Dann gibt es Betriebe, die gar nicht umstellen können, weil sie stark in eine Richtung investiert haben – extrem in der Tierhaltung, aber auch bei Biogas. Dann kommt das Durchschnittsalter der Betriebsleiter hinzu – in Deutschland Anfang 50. Da sagen viele: ‚Ich stelle jetzt nicht mehr um.'

Das Gespräch führte Dagmar Behme
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