az-Interview mit Dr. Ludger Breloh

„Wir wollen auf GVO verzichten “

Dr. Ludger Breloh Strategie & Innovation Rewe-Agrar.
-- , Foto: Rewe group
Dr. Ludger Breloh Strategie & Innovation Rewe-Agrar.

az: Warum greift die Rewe Group so stark in die landwirtschaftliche Produktion ein?

Breloh: Das Thema Nachhaltigkeit ist ein wesentlicher Bestandteil unseres genetischen Codes. Die nutztierbasierten Lieferketten haben dabei für uns eine besondere Bedeutung, weil im Warenbereich tierischer Produkte unsere Eigenmarken einen hohen Anteil haben. Außerdem findet die Tierhaltung im Wesentlichen in unserer Kulturlandschaft statt und steht deshalb ganz besonders im gesellschaftlichen Fokus.

Seit 2014 ziehen Sie für das Programm Spitz & Bube die Bruderhähne der Legehennen auf. Sehen Sie darin ein Vorbild für die gesamte Eierproduktion?

Breloh: Die Rewe Group hat als erstes Handelsunternehmen Eier von Legehennen mit ungekürzten Schnäbeln angeboten. Bei unseren Eigenmarken findet man heute nur noch Eier von Hennen mit unversehrten Schnäbeln. Wir haben auch gezeigt, dass es möglich ist, Bruderhähne zu mästen. Heute bekommen unsere Kunden in jedem Rewe- und Penny-Markt Eier, bei denen die Bruderhähne aufgezogen wurden. Es ist uns klar, dass die Bruderhahnmast von verschiedenen Seiten beurteilt werden kann. Zum einen können wir mit diesen Konzepten zwar das Töten der männlichen Küken eliminieren, zum anderen müssen wir aber auch anerkennen, dass eine Bruderhahnmast im Vergleich zur klassischen Hähnchenmast weit weniger effizient ist, da in diesem Verfahren erheblich mehr Futter zur Fleischerzeugung verwendet werden muss.

Die auf diese Art und Weise entstehenden Mehrkosten können lediglich durch veränderte Verkaufspreise der Schaleneier aufgefangen werden. Mittelfristig sehen wir aber sowohl in der Bruderhahnmast als auch in der stärkeren Verbreitung von 2-Nutzungs-Rassen einen wertvollen Weg, um speziell im Biosektor dem Kükentöten zu begegnen.

Welche Lösung sehen Sie für die konventionelle Eierproduktion?

Breloh: Im Massenmarkt können wir das Kükentöten primär und möglicherweise in einer längeren Überbrückungsphase nur über die Geschlechtsbestimmung im Ei beenden. Deshalb arbeiten wir seit 2013 mit Frau Prof. Dr. Einspanier von der Universität Leipzig zusammen. Um die Grundlagenforschung in die Praxis zu überführen, hat die Rewe Group zu Beginn des Jahres mit einem niederländischen Technologieunternehmen das Joint Venture SELEGGT gegründet. Bis zum Ende des Jahres unterziehen wir die neueste Version eines Prototypen diversen Stresstests. Unser intensives Engagement aus der universitären Grundlagenforschung, ein praxistaugliches Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Brutei zu entwickeln, kommt einem Paradigmenwechsel gleich. Dieses Beispiel zeigt, dass wir als Rewe Group auch bereit sind, aktiv an Problemlösungen zu arbeiten, die ganz zu Beginn einer Lieferkette auftreten.


Komplexe Techniken kommen zum Einsatz. Hier zum Beispiel, um schon vor dem Schlüpfen das Geschlecht der Hühnerküken zu erkennen.
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Komplexe Techniken kommen zum Einsatz. Hier zum Beispiel, um schon vor dem Schlüpfen das Geschlecht der Hühnerküken zu erkennen.

Der Lebensmittelhandel hat in den vergangenen Jahren mehr tierische Produkte mit dem Siegel „Ohne Gentechnik“ eingeführt. Soll das Sortiment in Zukunft weiter ausgebaut werden?

Breloh: Der Gesetzgeber verlangt, dass gentechnisch veränderte Rohstoffe, die unmittelbar zur Nahrungsmittelproduktion eingesetzt werden, auch entsprechend gekennzeichnet sein müssen. Hingegen ist es nicht erforderlich, Milch, Fleisch und Eier zu kennzeichnen, wenn Nutztiere gentechnisch veränderte Futtermittel wie zum Beispiel Sojaschrot zu fressen bekommen. Da die Mehrheit der Konsumenten eine Verwendung von gentechnisch veränderten Agrarrohstoffen in der Nahrungsmittelproduktion ablehnt, ist es unser Bestreben, diesen Kundenwünschen konsequent nachzukommen und im Zeitablauf auch die Verfütterung von zum Beispiel gentechnisch verändertem Sojaschrot aus Übersee in unseren Lieferketten zu eliminieren. Hierzu bedienen wir uns der „Ohne Gentechnik“-Kennzeichnung, einem staatlichen Siegel, welches vom VLOG, dem Verband Lebensmittel ohne Gentechnik, vergeben wird.

Bereits im Jahre 2012 haben wir eine veröffentlichte Leitlinie formuliert, dass wir in unseren Eigenmarken langfristig auf die Verfütterung von GVO verzichten wollen. Bei Geflügelfleisch und bei Eiern haben wir das bereits erreicht. Im Moment erleben wir eine sehr intensive Entwicklung zur GVO-freien Fütterung in der Milcherzeugung. Dieser Sachverhalt bedingt, dass zum Zeitpunkt des Schlachtens der GVO-frei gefütterten Milchkühe auch zukünftig zunehmend Rindfleisch aus GVO-freier Fütterung und mit einer entsprechenden Auslobung am Markt verfügbar sein.

Welche Entwicklung erwarten Sie beim Schweinefleisch?

Breloh: Wenn Eier, Rind- und Geflügelfleisch und Eier „Ohne Gentechnik“ angeboten werden, werden sich die Schweinehalter nicht die Blöße geben, als die Einzigen mit GVO-Futtermitteln zu produzieren. Neben den bereits intensiven Umstellungen im Geflügelsektor wie auch in der Milcherzeugung beginnen nun auch die Schweinehalter, dem aktuellen Trend zu folgen – und erste Projekte einer GVO-freien Schweinemast werden bereits im Markt eingeführt.

Wenn die Systemumstellung hin zu GVO-freien Fütterungssystemen in Deutschland auch zukünftig mit der Dynamik weiter vollzogen wird, wie es sich aktuell abzeichnet, so ist anzunehmen, dass möglicherweise in Zukunft ein sogenannter Tipping Point erreicht werden kann. Von da an ist es für die gesamte Futtermittelbranche möglicherweise kostengünstiger, nur noch GVO-freie Rohstoffe einzusetzen, als die Zusatzkosten der physischen Trennung und der unterschiedlichen Lieferketten zu tragen.

Wie sollen mehr Tierwohl und mehr Nachhaltigkeit bezahlt werden?

Breloh: Die Rewe Group gehört zu den Initiatoren der Initiative Tierwohl. Leider haben wir es nicht geschafft, alle Vertriebspartner, wie die Exporteure, die Wursthersteller, die Metzger und die Gastronomie, in das System einzubinden. Langfristig kann der Lebensmitteleinzelhandel - kurz LEH - nicht allein die finanzielle Last tragen. Betrachtet man das wissenschaftliche Gutachten zur Zukunft der Nutztierhaltung in Deutschland, sind die jährlich 135 Millionen Euro, die der deutsche LEH ab 2018 der Initiative Tierwohl zur Verfügung stellt, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Im Gutachten wird über Milliardenbeträge gesprochen.

Wir müssen, um langfristig erfolgreich sein zu können, das benötigte Geld anders einsammeln. Eine erfolgversprechende Finanzierung muss breit aufgestellt sein. Es muss sichergestellt werden, dass jeder Vertriebsweg – und eben nicht nur der LEH – paritätisch mitfinanziert. Ebenso müssen Nämlichkeiten erzielt werden, damit auch der Konsument durch seine Einkaufsentscheidung einen Teil der Finanzierung übernimmt. Auch kann ich mir vorstellen, dass öffentliche Gelder stärker in die Kofinanzierung von Tierwohl fließen sollten. Denn Tierwohl ist ein gesellschaftlicher Anspruch – und somit könnten auch öffentliche Finanztransfers gerechtfertigt werden.


Die Fragen stellte Steffen Bach
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