Report Zukunft der Nutztierhaltung

Wo das Tier im Mittelpunkt steht

-- , Foos: JLSTRUCK

„Wir gehen unseren eigenen Weg“, sagt Dr. Jens van Bebbar, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Dr. Katja Bodenkamp den mehr als 800 Jahre alten Familienbetrieb Hof Bodenkamp bewirtschaftet. Vor einigen Jahren entschieden sich die in der Tierzucht promovierten Agrarwissenschaftler zur Übernahme des konventionellen Ackerbaubetriebes mit ehemals rund 10000 Mastschweinen plus Bullenmast. Ziel ist die Umgestaltung der Schweinehaltung mit konsequenter Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Tiere.

Daraus entstanden ist ein anspruchsvolles Großprojekt in der Grafschaft Bentheim. Es umfasst viele Facetten der Erzeugung von Schweinen, beginnend mit dem Tiermaterial, Aufzucht- und Mastverfahren, die Haltung der Tiere bis hin zur Vermarktung – die gesamte Wertschöpfungskette.

Dabei folgen sie ausschließlich ihrem eigenen Antrieb, nicht von Umwelt- und Tierschutzorganisation formulierten Forderungen, betont van Bebbar. Diese seien häufig unrealistisch und nicht selten geprägt von idealisierten Wunschvorstellungen. Die eigentliche Herausforderung sehen die Betreiber des Hofes Bodenkamp in der Schaffung tiergerechter Bedingungen auf einer tragfähigen ökonomischen Basis. Hinzu kommen ganz eigene Vorstellungen der tierzüchterischen Arbeit.


Dr. Jens van Bebbar arbeitet auf Hof Bodenkamp am Stall der Zukunft.
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Dr. Jens van Bebbar arbeitet auf Hof Bodenkamp am Stall der Zukunft.

Studien an alten Rassen

Ein Kernelement ist die Zucht der noch bis vor wenigen Jahren vom Aussterben bedrohten alten Rasse des „Bunten Bentheimer Schweins“. Neben dem Aufbau einer kleinen Zuchtherde zur Existenzsicherung der Rasse dienen die Tiere als Studienobjekte. Im Vordergrund stehen die Verhaltensweisen der Tiere und der Einfluss verschiedener Faktoren auf ihre Entwicklung.

Doch die wirtschaftliche Grundlage des Betriebs Bodenkamp ist die Erzeugung einer besonderen Zuchtlinie unter dem eigenen Label „Duke of Berkshire“ (DOB). Dabei handelt es sich um Kreuzungstiere der Mutterrasse Deutsches Landschwein (DL) und Ebern der Rasse „Berkshire“, der ältesten britischen Edelschweinrasse. Die Kreuzungsferkel bezieht der Hof Bodenkamp von einem Kooperationspartner in Ostfriesland. Dort werden DL-Sauen von einem Berkshire-Eber gedeckt und wachsen überwiegend im Freiland auf. Mit etwa 30 kg Gewicht gelangen sie anschließend auf den Hof Bodenkamp und werden unter den dort entwickelten Haltungsbedingungen auf Schlachtgewicht gemästet.

Das Besondere hier: ein Offenstall mit Luft- und Lichteintritt sowie ein in Funktionsbereiche gegliedertes Haltungsabteil. Im Randbereich an der Außenwand ist der Kotbereich angelegt mit einer zum nahegelegenen Güllekanal leicht abfallenden Schräge. So wird die Entstehung von Ammoniak wirksam vermieden.

In der Mitte der Bucht wird gefüttert, aus dem Automaten mehrfach täglich direkt auf den Boden. Am anderen Ende befindet sich der Liege- und Ruhebereich. Etwas Stroh und tägliche Heugaben dienen sowohl der Beschäftigung der Tiere als auch als wärmende Einstreu. Ein über dem Liegebereich absenkbarer Deckel gewährleistet auch im Winter ausreichend Wärme für die in Gruppen liegenden Tiere. Kosten für Be- und Entlüftung sowie Heizung entstehen nicht. Dies spart 100000 Kilowattstunden Strom pro Stall im Jahr, sagt van Bebbar.

Ringelschwanz bleibt dran

Und die Tiere? Ihnen bekommen Umgebung und geringere Besatzdichte offenbar gut. Indikator dafür ist der Ringelschwanz. Auf dem Hof Bodenkamp bleibt er unversehrt. Die Vermarktung erfolgt unter dem Label „Duke of Berkshire“ über das Unternehmen Handelshof sowie im Internet.

Nach dem Pilotstall sollen sukzessive die anderen vorhandenen Ställe umgebaut werden. Voraussetzung ist die Kooperation der Genehmigungsbehörden. Denn bei ihnen stieß van Bebbar zu Beginn auf erhebliche Widerstände. Grund dafür waren insbesondere Umweltaspekte beim Offenstall. Doch die positiven Aspekte sind im neuen Stall konkret erkennbar geworden. Sie überzeugen die Fachwelt und nicht zuletzt die Politik. (jst)
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