Report Pflanzenschutz in der Saison

Wo der Zweck das Mittel heiligt


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„Glyphosat ist ein Wirkstoff, den wir unbedingt behalten müssen und wollen“, sagt Hubertus Velder. Er äußert die Befürchtung, dass manche noch zu leichtfertig damit umgehen. „Die Landwirtschaft muss begreifen, dass Glyphosat verantwortungsvoll und nicht als Ersatz für eine Bodenbearbeitung eingesetzt wird“, appelliert der Ackerbauer aus dem rheinischen Rommerskirchen an seine Kollegen.

In die gleiche Kerbe stößt Georg Kopp, Landwirt aus Ober-Erlenbach im Norden von Frankfurt. Für nicht akzeptabel hält er es, wenn gesamte Getreidebestände mit dem Wirkstoff abgereift werden. „Aber wenn die Zwischenfrüchte im milden Winter nicht abfrieren und wir Rüben drillen wollen, sind wir froh, wenn uns Glyphosat zur Verfügung steht“, begründet der Ackerbauer den Nutzen der Anwendung.

Falsche Schuldzuweisung

Verärgert ist Kopp darüber, dass Rückstände, die in Kläranlagen gefunden werden, automatisch der Landwirtschaft angelastet würden. Er sieht andere Quellen. Privatanwender brächten den Wirkstoff – auch aus Unwissenheit – immer noch auf versiegelten Flächen aus. Der größte Teil davon gelange direkt mit dem Regenwasser in die Kanalisation. Eines steht aber für Kopp außer Frage: „Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse über eine Gesundheitsgefährdung vorliegen, nehmen wir das selbstverständlich ernst. Wir wollen ja gesunde Lebensmittel produzieren.“

Der „unprofessionelle Einsatz bei Hobbygärtnern“ ist Markus Bamberger ein Dorn im Auge.
-- , Foto: da
Der „unprofessionelle Einsatz bei Hobbygärtnern“ ist Markus Bamberger ein Dorn im Auge.
Auch Markus Bamberger aus Steinhardt bei Bad Kreuznach ist der „unprofessionelle Einsatz bei Hobbygärtnern“ ein Dorn im Auge. Grundsätzlich verwehrt er sich jedoch gegen die seiner Ansicht nach ideologisch geprägte Diskussion um ein mögliches Verbot von Glyphosat. „Konsequenterweise müsste dann auch der Import von genmodifizierten Sojabohnen, Sojaöl sowie Sojaschrot in die EU komplett verboten werden“, argumentiert der Landwirt. Denn bei der Produktion dieser Pflanzen werde Glyphosat gleich mehrfach zur Unkrautunterdrückung eingesetzt.

 

Es geht um Akzeptanz

„Wir verwenden die Mittel nur dann, wenn sie benötigt werden“, sagt Jörg Kamprad.
-- , Foto: LBV Sachsen-Anhalt
„Wir verwenden die Mittel nur dann, wenn sie benötigt werden“, sagt Jörg Kamprad.
Für eine „ideologiefreie Bewertung“ macht sich ebenfalls Jörg Kamprad stark. Dem Vorstand der Agrargenossenschaft Querfurt geht es nicht allein um Glyphosat, sondern um die grundsätzliche Akzeptanz der modernen Landwirtschaft. „Wir brauchen Pflanzenschutzmittel für stabile Erträge und die hervorragenden Qualitäten von Getreide, für die Sachsen-Anhalt bekannt ist“, lautet das Plädoyer des Agrarmanagers. In seinem landwirtschaftlichen Betrieb auf der Querfurter Platte im südlichen Sachsen-Anhalt werde seit Jahren konsequent pfluglos gearbeitet. In den erosionsgefährdenden Gebieten stelle der Wirkstoff Glyphosat ein wichtiges Unkrautbekämpfungsmittel dar. „Es geht mir nicht darum, Glyphosat großflächig auszubringen, sondern gezielt, um Problemunkräuter in Schach zu halten“, beteuert Kamprad und fügt als weiteres Argument hinzu: „Wir setzen die Mittel nur ein, wenn sie benötigt werden, da sie sehr teuer sind.“

Dominik Dicke rät zum Maßhalten: „Nicht jede Stoppel muss mit Glyphosat behandelt werden.“
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Dominik Dicke rät zum Maßhalten: „Nicht jede Stoppel muss mit Glyphosat behandelt werden.“
Dr. Dominik Dicke, Leiter des Pflanzenschutzwarndienstes in Hessen, sieht es ebenso. „Die Landwirte sind sachkundig im Pflanzenschutz und setzen Glyphosat in der Regel gezielt zur Lösung bestimmter Verunkrautungsprobleme vorwiegend auf der Stoppel oder zur Vorsaatbehandlung ein“, lautet sein Urteil. Dicke verweist außerdem auf die gezielte Nutzung von Glyphosat als Baustein, um die Ausbreitung resistenter Ungräser zu stoppen. Dass Landwirte den Wirkstoff nicht gedankenlos verwenden, dokumentiert nach Einschätzung des hessischen Pflanzenschutzberaters auch das Ergebnis einer Umfrage Göttinger Wissenschaftler. Diese haben herausgefunden, dass Landwirte Anwendungsbereiche wie die Sikkation Abreife durchaus kritisch beurteilen.

Dessen ungeachtet sollten Landwirte den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln aber jährlich neu überdenken. „Nicht jede Stoppel muss mit Glyphosat behandelt werden“, bringt es Dicke auf den Punkt. In diesem Jahr ließen sich mit einer mechanischen Bearbeitung von Stoppelfeldern sogar gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Nicht nur der Ausfallkultur und den Unkräutern würde so zu Leibe gerückt, sondern auch den Feldmäusen, die sich allerorten zur Plage entwickeln.

Grundsätzlich hält es Dicke für gut und richtig, dass die Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf die menschliche Gesundheit kritisch hinterfragt und nach neuesten Methoden überprüft werden. „Leider wird die Debatte um eine möglicherweise unterschätzte Gesundheitsgefährdung von Glyphosat aber oft sehr emotional geführt und es wird mit Ängsten gespielt“, bedauert der Pflanzenschutzfachmann.

Umweltverbände profilieren sich

Steffen Weihe warnt vor „selbst ernannten Blockwarten“, die Landwirte schnell mal anzeigten.
-- , Foto: db
Steffen Weihe warnt vor „selbst ernannten Blockwarten“, die Landwirte schnell mal anzeigten.
Schärfere Worte findet Steffen Weihe von der Landberatung Uelzen, der die Debatte ebenfalls als sehr unsachlich beurteilt. Umweltverbände würden sich mit diesem Thema auf Kosten der Landwirte profilieren. „Interessant wäre zu wissen, wie viel mehr an Spendengeldern die Diskussion um Glyphosat Greenpeace und anderen in die Kasse gespült hat“, fragt sich Weihe. Selbst wenn der Einsatz des Wirkstoffs im Rahmen der geltenden Gesetze stattfindet, interessiere das die „aufgeklärte Öffentlichkeit“ wenig, beobachtet Weihe. Stattdessen würden Landwirten zunehmend von „selbst ernannten Blockwarten“, oft ohne erkennbaren Grund, angezeigt. Denn eine missbräuchliche Verwendung sei die Ausnahme. „Glyphosat ist ein Betriebsmittel. Betriebsmittel kosten Geld und werden nur in dem Maße eingesetzt, wie auch ein Erfolg absehbar ist“, argumentiert Weihe. (brs, da, db, dg, St)
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