Daphne Huber-Wagner zum N-Düngermarkt

In sechs Wochen geht ein äußerst bescheidenes Düngewirtschaftsjahr zu Ende. Landwirte in Deutschland haben so wenig gedüngt wie noch nie. Resignation macht sich bei den Produzenten und im Handel breit. Über die Ursachen wird noch gerätselt. Zu Beginn des neuen Düngejahres im Juli auf bessere Zeiten zu hoffen, fällt schwer. Immer mehr werden Langzeitprognosen zur Gewissheit, dass Landwirte in Zukunft weniger Stickstoff (N) düngen.

Als stetig bezeichnete die Branche die Düngesaison 2010/11 mit einem fast normalen Stickstoffabsatz von 1,7 Mio. t. Vergessen waren die schwachen Jahre zuvor, als die Unsicherheit über den weiteren Preisverlauf von Stickstoffdünger Landwirte verprellte. Doch die Erholung währte nur kurz. Um etwa 10 Prozent auf 1,3 Mio. t ist in Deutschland der Absatz von stickstoffhaltigen Düngemitteln von Juli 2011 bis April 2012 gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurückgegangen, meldet der Industrieverband Agrar (IVA). Dieser Rückstand ist kaum mehr aufzuholen. Denn es zeichnet sich weder zur anstehenden Qualitätsgabe in Weizen noch zur Grünschnitternte ein Kaufrausch ab. Somit werden große Mengen an Mineraldüngern auf deutschen Äckern nicht ausgebracht. Wie ein roter Faden zieht sich die Kaufzurückhaltung in der Landwirtschaft bei Stickstoffdünger durch die Saison. Produzenten haben, auf die Statistik vertrauend, von Monat zu Monat darauf verwiesen, dass der eigentliche Run auf Düngemittel noch kommen müsste. Eine gespenstische Ruhe breitete sich stattdessen aus. Die üblichen Erklärungen, warum es gerade zum Düngen nicht passt, ob zu trocken, zu nass, zu kalt oder zu heiß, treffen nur teilweise zu. Vielmehr schauen die Betriebleiter immer genauer auf ihre betriebliche N-Bilanz. Überschüsse und damit Strafgelder will keiner riskieren. Zudem ist das Angebot an alternativen Nährstofflieferanten wie Gülle und Gärreste aus der Biogasproduktion größer geworden. Sie verdrängen den klassischen Stickstoffdünger vor allem auf den nochmals gestiegenen Anbauflächen für Silomais. Ein höherer Anteil an Wirtschaftsdünger wird langfristig zu einem niedrigeren Absatz von mineralischem Stickstoff führen.

Ständige Preiserhöhungen für KAS haben zudem bis zum Jahreswechsel Betriebsleiter mehr irritiert als zum Kaufen motiviert. Zumal sich die neuen Preise am deutschen Markt oft nicht durchsetzen ließen. Landwirte richten ihren Düngerkauf immer mehr auf den Verbrauchszeitpunkt aus. Für Produzenten und Handel ist es deshalb ein schwieriges Unterfangen, sich auf dieses Kaufverhalten einzustellen. Vielleicht hilft ein Blick zum Kalimarkt. Dort sorgen die in dieser Woche vorgestellten neuen Preissysteme für Kalidünger für weitaus mehr Entspannung bei allen Beteiligten. Bestellungen können zu verlässlichen Preisen das ganze Jahr über abgegeben werden. Landwirte werden auch im neuen Düngerjahr ihren Bedarf an Stickstoffdünger wieder zu einem früheren Zeitpunkt eindecken, sobald die Preise zum guten „Bauchgefühl" passen. Auf das unterschiedliche Marktverhalten werden sich alle Akteure einstellen müssen. Der Nervosität am Stickstoffmarkt sollte mehr Gelassenheit weichen.
stats