Report Pflanzenschutz im Herbst

Zeitgewinn für Glyphosat


Die ECHA befasst sich mit den chemikalischen Eigenschaften von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen.
-- , Foto: ECHA/Lauri Rotko
Die ECHA befasst sich mit den chemikalischen Eigenschaften von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen.

Bis wann hat die EU-Kommission die Genehmigung für Glyphosat verlängert?

Es heißt zwar, dass die Zulassung um 18 Monate verlängert worden ist. Ganz korrekt ist das nicht. Die EU- Kommission hat die Genehmigung von Glyphosat als Wirkstoff von Pflanzenschutzmitteln verlängert, bis die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) die Einstufung hinsichtlich der Gefährlichkeitsmerkmale aktualisiert hat. Die Kommission kalkuliert, dass die ECHA maximal zwölf Monate braucht. Sobald der Bericht vorliegt, gilt die Verlängerung noch sechs Monate. Daraus ergeben sich die 18 Monate und die Frist 31. Dezember 2017. Sollte die ECHA früher liefern, würde sich theoretisch der Zulassungszeitraum verkürzen. Davon ist allerdings nicht auszugehen.

Gibt es kurzfristige Änderungen bei den Bestimmungen für Glyphosat?

Vorerst bleibt alles wie bisher. Die EU-Kommission hat zwar angekündigt, dass sie Sonderbestimmungen mit EU-weiter Gültigkeit verschärfen möchte. Dem Vorschlag hat jetzt auch der zuständige Ausschuss der Mitgliedstaaten zugestimmt. In Deutschland gelten aber bereits seit Mai 2014 nationale Auflagen. Dazu gehören jährliche Höchstmengen für Glyphosat, das Verbot der Abreifebeschleunigung in Getreide und eng begrenzte Genehmigungen für Spätanwendungen in Getreide.

Jetzt richten sich alle Augen auf die ECHA. Wird sie neue Erkenntnisse bringen?

Nein. Die ECHA ist dafür zuständig, dass alle Chemikalien nach einem einheitlichen System eingestuft werden. Dazu führt die Behörde in Helsinki aber keine neuen Untersuchungen durch, sondern basiert ihre Entscheidung auf den vorhandenen Daten und Informationen (siehe Kasten unten).


Zuständige Behörden
Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) ist in der EU für die chemikalienrechtliche Einstufung von Stoffen zuständig, zu denen auch Pflanzenschutzmittelwirkstoffe gehören. Die EU-Behörde mit Sitz in Helsinki klassifiziert nach einem global einheitlichen System, damit überall auf der Welt anhand einfacher Symbole sofort erkennbar ist, ob das Produkt etwa giftig oder explosiv ist. Die Klassifizierung ist in der CLP-Verordnung geregelt, wobei CLP für Classification, Labeling, Packaging steht.

Für die Klassifizierung von Glyphosat hat die nach Chemikalienrecht zuständige deutsche Behörde, die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit (BAuA), im Mai 2016 an die ECHA ein überarbeitetes Dossier zugeleitet. Es ist noch bis zum 18. Juli 2016 auf der Homepage der ECHA zur öffentlichen Konsultation eingestellt.

Die ECHA hat jetzt zwölf Monate Zeit, die Einstufung zu aktualisieren. Sie führt keine neuen Untersuchungen durch, sondern gründet ihre Entscheidung auf den vorhandenen Daten und Informationen. (db)

Was ist für Glyphosat zu erwarten?

Glyphosat ist chemikalienrechtlich bisher hinsichtlich zweier Kriterien mit Gefahrensymbolen versehen. Es gilt als reizend für die Augen und als toxisch für Wasserorganismen. Jetzt liegt ein Vorschlag vor, zusätzlich als drittes Kriterium einen Warnhinweis aufzunehmen, dass bei chronischer Aufnahme von Glyphosat Organschäden auftreten können. Nicht vorgeschlagen ist hingegen die Klassifizierung als krebserregend, reproduktionstoxisch oder genotoxisch. Das würde das Aus für den Wirkstoff bedeuten.

Wie passt das mit der Einstufung der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) zusammen?

Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) hat 2015 Glyphosat in Gruppe 2A, also als „wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen“, eingestuft. Das Pflanzenschutzrecht der EU schreibt jedoch vor, Wirkstoffe erst dann zu verbieten, wenn sie von der ECHA hinsichtlich der Eigenschaften krebserregend, reproduktionstoxisch oder genotoxisch in die Kategorien 1A oder 1B eingestuft sind. Die Kategorie 1 bedeutet, dass sichere Hinweise vorliegen müssen, dass die Substanz für den Menschen die Wirkung hat. Die Einstufung in Kategorie 2 kann bereits dann erfolgen, wenn sich aus Tierversuchen Verdachtsmomente für eine Gefährdung ableiten.

Wo besteht zusätzlicher Forschungsbedarf?

Glyphosat wird sicherlich auch künftig mit höchster Priorität auf der Forschungsagenda vieler internationaler und nationaler Institutionen stehen. Dafür sorgen schon all diejenigen, die den Beweis für die Krebsgefahr erbringen wollen. In Deutschland wird als großes Thema debattiert, wie sich die Beeinträchtigung der Biodiversität durch Glyphosat zum einen messen und zum anderen mindern oder ausgleichen lässt. Weiterhin prüft die Europäische Lebensmittelbehörde (Efsa), ob der aktuelle Rückstandswert in Nahrungs- und Futtermitteln, der Maximum Residue Level (MRL), noch passt. Schließlich versichert die EU-Kommission, dass sie jederzeit die Zulassung für Glyphosat revidieren kann, sollten neue relevante wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen.

Was lässt sich für die politische Diskussion absehen?

Glyphosat wird auch weiterhin die Schlagzeilen der Medien bestimmen, dafür sorgen allein die Parteipolitiker. Deutschland befindet sich auch in den kommenden 18 Monaten im Wahlkampfmodus. Als Nächstes folgen die Landtagswahlen Anfang September in Mecklenburg-Vorpommern sowie im Frühjahr 2017 im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen. Höhepunkt ist dann die Bundestagswahl im September 2017. (db)
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