Dr. Jürgen Struck zu Dioxin in Freilandeiern

Der große mediale Aufschrei ist diesmal ausgeblieben. Um die Funde von Dioxin und dioxinähnlichen Substanzen in Bio- und Freilandeiern kurz vor den Osterfeiertagen in Nordrhein-Westfalen blieb es erstaunlich ruhig. Das Ostergeschäft verlief unbeeinträchtigt und die Preise für Eier sinken nach den Feiertagen deutlich – so wie in jedem Jahr.

Was war im Vergleich zum so genannten Dioxin-Skandal vor gut einem Jahr diesmal anders? Nun, zunächst handelte es sich in Nordrhein-Westfalen und später auch in Niedersachsen um Eier aus Bio- und Freilandbetrieben. Sogar ein Lernbauernhof für Kinder war betroffen. Diese Formen der Legehennenhaltung stehen unter dem besonderen Schutz der Öffentlichkeit und auch politischer Repräsentanten, verkörpern sie doch die Idealvorstellung der Eiererzeugung breiter Teile der Gesellschaft. Und zum Zweiten ist ein konkreter Schuldiger bisher nicht erkennbar – es handelt sich um verschiedene Fälle und Ursachen. Und zum Dritten kann auf funktionierende Kontrollsysteme, wenngleich mit Schwächen im Detail, verwiesen werden. Denn die Höchstwertüberschreitungen sind im Rahmen von routinemäßigen Betriebsmonitorings festgestellt worden.

Doch ist der Fall damit keineswegs vom Tisch. Denn genau betrachtet entwickelt er sich jetzt erst richtig. Die Frage lautet: Wie können Forderungen des Verbraucherschutzes nach Schadstofffreiheit in Lebensmitteln – in diesem Fall Eier aus Freilandhaltung – und gesellschaftliche Vorstellungen zum Tierwohl in Übereinstimmung gebracht werden? – und das bei gegebener Umweltbelastung. Die Hinterlassenschaften der Industriegesellschaft, seien es Dioxin, dioxinähnliche Substanzen, Schwermetalle oder andere Giftstoffe werden noch Jahre und Jahrzehnte in Böden oder Flusssedimenten nachzuweisen sein. Auch die in Haushalten der Verbraucher zunehmend beliebten Kaminöfen tragen ihren Teil zur Belastung bei. Damit besteht immer ein Risiko, dass Schadsubstanzen über die Freilandhaltung Eingang in die Lebensmittelkette finden – beispielsweise durch Weiden oder Gras von Überschwemmungsflächen. Eine im Hinblick auf den Verbraucherschutz größtmögliche Minimierung von Schadstoffeinträgen oder Krankheitsrisiken für die Tiere bieten streng genommen nur abgeschlossene Einrichtungen und eine vollständig kontrollierte Versorgung der Tiere. Im Landschaftsbild wären diese dann nicht mehr sichtbar, aber dem Verbraucherschutz wäre maximal Rechnung getragen. Sowohl Behörden und Lebensmittelhersteller als auch die Verbraucher und vor allem die Erzeuger stehen vor der Frage, wie sie künftig mit dem Zielkonflikt Verbraucherschutz oder gesellschaftlich bevorzugte Haltungsformen im Freiland umgehen wollen. Wir werden mit einer gewissen Belastung leben müssen. Dies muss in geeigneter Weise kontrolliert, jedoch auch mitgeteilt werden. Im Falle eines Falles ist der Erzeuger immer in einer schlechten Position und trägt bislang das wirtschaftliche Risiko allein.Von Albert Einstein stammt die Empfehlung alles so einfach wie möglich zu sehen – aber auch nicht einfacher.
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