Zuckermarktordnung kostet den Verbraucher maximal 25 DM im Jahr

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Zuckerrübe ohne Marktordnung nicht konkurrenzfähig - Zuckerquote kompatibel mit WTO-Verpflichtungen

25. Oktober 2000; Axel Mönch, Brüssel

Zucker wird unter sehr unterschiedlichen Bedingungen hergestellt. Ein Drittel der weltweiten Zuckerproduktion wird aus Zuckerrüben gewonnen, die in den industrialisierten Ländern angebaut werden. Rohrzucker hingegen wird zumeist in weniger entwickelten Ländern hergestellt. Über die Stützung der Zuckerrübenproduktion in der Europäischen Union und über die EU-Zuckermarktordnung sprach die Agrarzeitung Ernährungsdienst mit Dr. Dieter Langendorf, Geschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ), Bonn.

Ist die Zuckerrübe gegenüber dem Zuckerrohr konkurrenzfähig ?

Langendorf : Nicht ohne eine Marktordnung. Das Zuckerrohr hat verschiedene Vorteile gegenüber der Rübe. Das Rohr kann über einen wesentlich längeren Zeitraum geerntet werden. In Brasilien dauert die Kampagne bis zu 300 Tage. Das Rohr wird dort mehrjährig angebaut. Es wird also nur einmal ausgesät und dann zwischen sieben und fünfzehn Jahren genutzt. Wegen des jährlichen Anbaus und der kurzen Rüben-Kampagne von nur wenigen Wochen in Europa sind hier andere Investitionen erforderlich.

Heben besseres Rübensaatgut und schlagkräftigere Maschinen den Nachteil nicht wieder auf ?

Langendorf : Den technischen Fortschritt gibt es bei der Rübe und beim Rohr.

Warum greifen die Europäer dann nicht auf den billigeren Weltmarktzucker zurück ?

Langendorf :Aus mehreren Gründen. Zunächst einmal will jedes Land nicht völlig von Einfuhren abhängig sein. Zudem ist die Rübe als Hackfrucht wertvoll in der Fruchtfolge. Die Zuckerrübe ist die Existenzgrundlage für 300 000 europäische Ackerbaubetriebe und sie garantiert 52.000 Arbeitsplätze in der Industrie. Der Weltmarktpreis ist schließlich keine gute Richtschnur. Dieser Preis gilt nur für einen Restmarkt von freiem Zucker, der einen Anteil von 20 bis 25 Prozent der Produktion hat. Der Preis ist so niedrig, dass dafür kein Land auf der Welt kostendeckend Zucker produzieren kann. Auch in Brasilien ist der Zucker nicht zum Weltmarktpreis erhältlich.

Wird der Anbau von Zuckerrüben auch in anderen Industrieländern gestützt ?

Langendorf : Ja. Die Vereinigten Staaten haben eine Einfuhrquote. Immer wenn der Marktpreis unter einen festgelegten Mindestpreis rutscht, wird die Einfuhrquote gekürzt, um den Inlandspreis zu stabilisieren. Das amerikanische Preisniveau ist mit unserem weitestgehend vergleichbar.

Ist das Schutzniveau in seiner heutigen Höhe notwendig, um den Anbau in der EU zu erhalten? Was würde nach einer 25-prozentigen Preissenkung passieren ?

Langendorf :In etlichen Teilen der EU würde der Zuckerrübenanbau zurückgehen oder verschwinden. Es käme mit Sicherheit zu dramatischen Einbrüchen. Schon jetzt liegt zum Beispiel in Schleswig-Holstein der Deckungsbeitrag von B-Rüben kaum noch über demjenigen der Weizenproduktion, wenn man die Flächenpräme im Getreideanbau hinzu rechnet. In Italien, Spanien, Griechenland, Schweden und Finnland gäbe es auf mittlere Sicht keinen Rübenanbau mehr.

Ist der Verbraucher der Verlierer bei der Zuckermarktordnung ?

Langendorf : Überhaupt nicht. Der Verbraucher bekommt ein hervorragendes Produkt in der EU. Von den verschiedenen Körnungen bis zum Flüssigzucker ist Zucker heute ein maßgeschneidertes Produkt, in dem sehr viel Forschung und Innovation steckt.

Was kostet den Verbraucher der künstlich erhöhte Zuckerpreis ?

Langendorf : Er konsumiert pro Jahr durchschnittlich 34 kg. Davon verbraucht er 27 kg in verarbeiteter Form, also etwa über Süßigkeiten und Getränke. Für die 7 kg, die er als Haushaltszucker im Laden kauft, zahlt er 1,60 DM pro Kilo. Das ergibt in der Summe 11,20 DM im Jahr. Jetzt unterstellen wir mal, er zahlt für den Weltmarktzucker im Geschäft 0,90 Pfennig. Dann hat er eine Zuckerrechnung von 6,30 DM im Jahr. Er spart also 4,90 DM. Selbst wenn ich diesen Betrag mal fünf nehme, in der sicher nicht realistischen Annahme, die Verarbeitungsindustrie gäbe den gesamten Preisvorteil an den Verbraucher weiter, geht es um höchstens 25,- DM pro Person im Jahr.

Die EU-Kommission kritisierte kürzlich, dass es ihr an Wettbewerb zwischen den Zuckerraffinerien mangelt.

Langendorf : Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Natürlich gab es Konzentrationsprozesse. Wir waren seit 1983/84 verstärkt gezwungen, unsere Strukturen zu bereinigen, um mit real rückläufigen Erlösen schritthalten zu können. Der Produktivitätsfortschritt, den wir in der Landwirtschaft und in der Industrie hatten, ist immer wieder aufgezehrt worden, weil wir nicht die Möglichkeit hatten, höhere Erlöse durchzusetzen. Deshalb können wir den Vorwurf, es fehle an Wettbewerb, nicht so stehen lassen. Schließlich muss man auch berücksichtigen, was sich auf der Nachfragerseite entwickelt hat. Dort sind ähnliche Konzentrationsprozesse festzustellen.

Ist die Abschottung der EU von möglichen Rohrzuckerimporten nicht eine Achillesferse der Marktordnung ? In der kommenden WTO-Runde wird es darum gehen, die Entwicklungsländer stärker in den Welthandel mit einzubeziehen.

Langendorf : Der Weltmarkt für Zucker ist ein wachsender Markt. Die EU hat ihre Lieferungen auf den Weltmarkt aber konstant gehalten, so etwa bei 3 bis 4 Mio. t. Wir haben Jahr für Jahr die Anbaufläche eingeschränkt. Auch in diesem Jahr wollten wir die Erzeugung stärker zurücknehmen als nun auf Grund der sich als gut abzeichnenden Ernte möglich ist. Dagegen haben unsere Kollegen in Brasilien ihren Nettoexport von 1,3 Mio. t im Jahr 1990 auf rund 14 Mio. t gesteigert. Die Nachfrage nach Zucker wird zusammen mit der Weltbevölkerung weiterhin wachsen. Wir sind bereit, diesen Zuwachs nicht in Anspruch zu nehmen, sondern ihn anderen zu überlassen. Das ist schon eine ganz gewaltige Leistung. Außerdem leisten wir mit dem AKP-Zuckerprotokoll schon einen erheblichen Beitrag für die Entwicklungsländer.

Warum ist der Zucker bei den Agrarreformen in den vergangenen zehn Jahren ungeschoren davongekommen ?

Langendorf : Aus gutem Grund. Beim Zucker gab es keine Überschüsse, mit denen man nicht mehr klar gekommen ist. Beim Zucker hat die Marktordnung immer funktioniert. Bis auf eine Ausnahme gab es nie Interventionsbestände. Nur der AKP-Zucker belastet den EU-Haushalt. Also, es gab doch gar keine Notwendigkeit zur Reform.

Kamen für Sie die jüngsten Vorschläge der Kommission, die in ihrer Schärfe doch einigen Wirbel verursachen, überraschend ?

Langendorf : Uns hat überrascht, dass sich die Kommission auf den nur sehr kurzen Zeitraum von zwei Jahren verständigt hat, obwohl die Marktordnung keine Probleme macht. Uns stört auch der Vorschlag, die Lagerkostenbeihilfen zu beseitigen sowie die Überlegung, die europäische Quote um 115 000 t zu kürzen. Die Beratungen in Brüssel zeigen, dass der Vorschlag der Kommission wahrscheinlich keine Mehrheit bei den Mitgliedstaaten finden wird.

Was passiert, wenn die Lagerkostenbeihilfen abgeschafft werden sollten ?

Langendorf : Ich kann mir das nicht vorstellen und sehe es auch noch nicht. Das würde bis zum Landwirt durchschlagen. Wir können heute die Rüben relativ schnell bezahlen, im Gegensatz zu anderen Produkten wie den Wein. Die zeitnahe Bezahlung nach der Ernte würde praktisch unmöglich. Die Abschaffung dieses Systems, das ebenfalls haushaltsneutral ist, würde den innergemeinschaftlichen Markt destabilisieren, weil die Preise dann stärker schwanken. Außerdem würde der Exportdruck unmittelbar zum Beginn der Kampagne zunehmen, so dass auch der Weltmarkt unter stärkeren Schwankungen zu leiden hätte.

Warum wird von Jahr zu Jahr eine Menge nicht quotengebundener Zucker erzeugt, für den die Kommission die Lagerkostenvergütung ebenfalls abschaffen möchte ?

Langendorf : Die Kommission sollte sich mal die Flächenentwicklung anschauen. Dann würde sie sehen, wie sehr sich die Landwirte um eine Verminderung bemühen. Aber ich kann das doch nicht hundertprozentig planen. Wir haben im vergangenen Jahr eine hervorragende Ernte gehabt und folglich die Flächen reduziert. Und siehe da, es wächst wieder eine Ernte auf einem ähnlich hohen Niveau heran. Es hat sich schon seit längerem abgezeichnet, dass die Kommission den C-Zucker von den Lagergeldern ausklammern möchte. Das ist auch nicht unser Hauptpunkt.

Haben Sie denn Verständnis dafür, dass die Kommission die Quote reduzieren möchte, um die subventionierten Ausfuhren möglichst zu vermeiden ?

Langendorf : Die Quote ist doch heute schon flexibel genug, um den WTO-Verpflichtungen nachkommen zu können. Die Kommission kann die Quote im Verwaltungsausschussverfahren an das erlaubte Finanzvolumen für die Erstattungen anpassen. Deshalb ist nicht nachzuvollziehen, weshalb die Quote auf Dauer um 115 000 t gekürzt werden soll. Selbst wenn es etwa nach der kommenden WTO-Runde die Verpflichtung geben sollte, die gestützten Ausfuhren weiter zurückzunehmen, ist dies mit dem heutigen Instrumentarium möglich.

Was für eine Rolle spielt die Osterweiterung bei der Reformdiskussion um den Zucker ?

Langendorf : Die neuen Mitgliedstaaten sind dabei, sich in Richtung Zuckermarktordnung zu entwickeln. Es würde dort nicht investiert, wenn nicht die Aussicht bestünde, das System zu übernehmen. Sollte nun der Ministerrat einer Verlängerung für nur zwei Jahr zustimmen, würden nicht nur Investitionen in der EU sondern auch bei den Beitrittskandidaten zum Erliegen kommen. Niemand ist bereit, in eine solch unsichere Zukunft zu investieren.

Ist der knappe Agrarhaushalt der EU Ihr wichtigster Verbündeter, wenn es darum geht, eine grundlegende Reform der Zuckermarktordnung zu verhindern? Schließlich wäre eine 50-prozentige Entschädigung der Landwirte für Preissenkungen beim Zucker kaum zu finanzieren.

Langendorf : Die Vernunft, die Einsicht und der Haushalt werden unsere Verbündeten sein. Langfristig ist mir nicht bange. Nach dem Jahr 2006 werden wir noch mehr Befürworter haben als heute. Gerade in den dann beigetretenen Ländern wird es darauf ankommen, die frisch getätigten Investitionen abzusichern.

Welche Branche hat eigentlich ein Interesse an der Reform der Marktordnung ?

Langendorf : Das ist vor allem die zuckerverarbeitende Industrie. Die möchte den Zucker noch günstiger kaufen als es heute schon möglich ist. Sie argumentiert, sie könne ihre Produkte noch billiger anbieten und der Verbraucher würde mehr konsumieren. In der EU hat die zuckerverarbeitende Industrie extra eine Interessengemeinschaft gegründet: Die CIUS (Committee of Industrial Users of Sugar). Die in ihr organisierten multinationalen Konzerne versuchen, ihre benötigten Rohstoffe weltweit zu gleichen Konditionen einzukaufen. Wenn es in der EU und in den USA keine Zuckermarktordnungen gäbe, könnten die großen Hersteller, die eine Zuckermenge von jährlich etwa 10 Mio. t benötigen, einen Weltkontrakt schließen und die Bedingungen diktieren. Das Nachsehen hätten die Rübenanbauer und die Zuckerindustrie in der EU und in den USA. Das Nachsehen hätten auch die kleinen und mittelständischen Hersteller von Süßwaren und Erfrischungsgetränken, weil die eben nicht in der Lage wären, solche Weltkontrakte zu schließen. Die müssten dann teurer einkaufen und folglich wäre auch in diesem Sektor mit einer weiteren Konzentration zu rechnen. Bei der gut koordinierten Aktion CIUS steht nach meiner Ansicht nicht der Verbraucher im Mittelpunkt, sondern das sind Interessen auf der Rohstoffseite.
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