Dr. Jürgen Struck zur Eurotier

Auf ihrem Feldzug gegen die moderne Tierhaltung bemühen deren Gegner häufig eigene Wunschvorstellungen und geben sie als jene der gesamten Bevölkerung aus. Dies gilt in ganz besonderer Weise in Deutschland. Die langwährende und sich steigernde Auseinandersetzung entwickelt sich mehr und mehr zum Politspektakel, schließlich stehen verschiedene Wahlen vor der Tür.

Unbestreitbar hat der gesamte Agrarsektor in der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren größere Aufmerksamkeit erlangt. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. An erster Stelle steht sicher, dass sich ein neues Bewusstsein für eine sich abzeichnende Verknappung agrarischer Rohstoffe, für welche Zwecke auch immer, entwickelt hat. Gestiegene und wahrscheinlich weiterhin steigende Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe einschließlich jener tierischer Herkunft und damit Lebensmittel sind dafür sichere Indikatoren. Die bis vor wenigen Monaten noch als Wunderwaffe für die westlichen Gesellschaften geltende grüne Energie aus nachwachsenden Rohstoffen ist einer drastischen Neubewertung unterzogen worden und erscheint plötzlich wieder als gefährlicher Konkurrent im Kampf gegen den verbliebenen Hunger auf der Welt.
Die Prognose sei gewagt, dass auch die Erzeugung von Fleisch weltweit sich unter moralischen Aspekten neuen Herausforderungen gegenübersehen wird. Um was geht es?

Auf gut 250 Mio. t wird die derzeitige gesamte Fleischerzeugung weltweit beziffert. Rund 500 Mio. t sollen es nach Aussage der Welternährungsorganisation FAO im Jahr 2050 sein. In den bis dahin verbleibenden 37 Jahren entspräche dies einer jährlichen Mehrproduktion von etwa 7 Mio. t pro Jahr - Rind-, Schweine- und vor allem Geflügelfleisch. Die Fleischerzeugung in Deutschland liegt etwa bei jenen 7 Mio. t jährlich. Genauso wie in anderen Ländern Nordwesteuropas erfolgt sie in hocheffizienten Verfahren, bestmöglicher Nutzung der Ressourcen und hohen Tierschutzstandards. Der Welt wäre sehr geholfen, wenn auch an anderen Orten mit ähnlicher Effizienz produziert werden würde. Das Know-how dafür ist vorhanden, gerade in Nordwesteuropa. Doch besonders hier gibt es den größten Widerstand gegen die Tierhaltung. Positive Aspekte und das Bemühen um weiteren Forstchritt werden schlicht ausgeklammert oder sogar in das Gegenteil verkehrt.Selbst unter der Annahme, dass die gesamte Bevölkerung in Deutschland schlagartig und für immer ihren Fleischkonsum einstellen würde, wäre dies für die Welt bedeutungslos. Sie entwickelt sich weiter, auch ohne Fleischkonsum in Deutschland. Die verbliebenen Aufgaben mit Blick auf Tierschutz und Tierwohl sind hierzulande formuliert und adressiert.

Kompetente Einrichtungen werden neues Wissen gewinnen und der Praxis und allen anderen Interessierten zur Verfügung stellen. So wurden auch in der Vergangenheit immer jene Fortschritte erzielt, von denen heute alle profitieren. Eine gute Gelegenheit für sachorientierte Diskussionen bietet die bevorstehende Fachmesse Eurotier in Hannover. Es geht nicht nur um kurzfristige Wahlerfolge für einzelne Gruppen mit Retro-Brille, es geht auch um verantwortliches Handeln für die Zukunft.
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