Dr. Jürgen Struck zur Tierschutzdebatte

Der Tierschutz hat die Diskussionen über den Agrarsektor in Deutschland im Jahr 2010 sicherlich dominiert. In den zurückliegenden Monaten hat sich die Debatte weiter verschärft und eine neue Dimension angenommen.

Tierschutz und dessen weiterentwickelte Form des Wohlbefindens von Nutztieren haben die breite Öffentlichkeit erreicht. Ernährung und Fleischkonsum haben sich zu Programmpunkten gesellschaftlicher Auseinandersetzungen entwickelt. Unübersehbar ist deren häufige Präsenz in allen Medien, in der Regel mit einem ablehnenden Unterton. Doch die Gespräche verlaufen fruchtlos. Zu groß sind die Gegensätze zwischen den Interessengruppen. Ein bleibendes Problem ist, dass jeder der an der Diskussion Beteiligten sich auf seine subjektive Weise oder jene seiner Interessengruppe den Fragen nähert. Schillernde Begriffe wie ‚Massentierhaltung', ‚Agrarindustrie' oder ‚Qualzucht' sind feste Bestandteile darin. Sie sind weder juristisch noch sachlich definiert und daher nur Polemik.

Für die Tierhaltung in Deutschland ist dies dennoch eine Herausforderung, denn sie haben sich im Sprachschatz etabliert. Konnten die Tierhalter bislang noch auf sachlich fundierte Aussagen der Wissenschaft verweisen und auf zumindest neutrale Positionen von Politik und Verwaltung zählen, so scheint sich dies nun zu ändern. Eine neue Bewertung gesellschaftlicher Vorstellungen zeichnet sich ab. Der öffentliche Raum wird zum Spielfeld teilweise gegenläufiger Interessen. Der Tourismus ist dafür ein Beispiel. Der Wirtschaftsfaktor Tierhaltung und die mit ihr verbundene Ernährungswirtschaft erscheinen unter Umständen nachrangig. Vertreter der Politik, vorwiegend auf der Ebene von Ländern und Kommunen, sehen sich unter großem Druck. Es ist wahrscheinlich, dass die Nutztierhaltung in derartigen Prozessen Gefahr läuft, den Kürzeren zu ziehen. Setzt sich dieser Trend fort, so wären Frustration unter den Tierhaltern und Stagnation des Sektors die Folge. Doch gibt es Zeichen einer Gegenbewegung. Unternehmen des Ernährungssektors haben bereits reagiert.

Die im internationalen Geschäft diskutierten Faktoren der „Corporate Social Responsibility" (CSR) werden Bestandteil des Wirtschaftsprozesses und können dokumentiert und damit vorgezeigt werden. Dazu gehören eine umweltschonende Erzeugung und Verarbeitung, der Tierschutz sowie Kriterien für das schwierig zu ermittelnde Wohl der Tiere. Die Bemühungen werden von Industrie und Handel anerkannt. Es ist auch richtig, dass Erzeuger wie Verbände, aber hier und da auch bereits hochrangige Vertreter der Politik Stellung beziehen und das Feld nicht ausschließlich den Gegnern überlassen. Diese haben sich, das sei nebenbei bemerkt, in der zurückliegenden Zeit in hervorragender Weise organisiert und arbeiten im Sinn der Wirkung auf die Öffentlichkeit sehr effektiv. Davon lässt sich lernen. Weitere Initiativen aufseiten der Tierhalter für den Dialog mit Politik und Verbrauchern müssen folgen. Sie sind sicher offen für gute Argumente. Es ist viel erreicht worden, es gibt nichts zu verbergen und darüber muss auch geredet werden. Zum Wohle aller.
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