Zusammenfassung: Exportpolitik in der Schwebe


In Russland wie in der Ukraine schlägt die Diskussion um eine mögliche Begrenzung der Getreideexporte hohe Wellen. Während die Regierung in Moskau auf Zeit spielt, zeigt sich die politische Führung in Kiew gespalten. Gemeinsam ist beiden Ländern, dass sie ihren Ruf als verlässlicher Anbieter am Weltmarkt nicht ohne Not gefährden wollen.

In Russland ist die Lage völlig unübersichtlich. Der Getreidedrusch wird sich noch Wochen hinziehen. Deswegen ist das Ausmaß der Einbußen durch die Hitze kaum einzuschätzen. Das Agrarministerium in Moskau geht aktuell von einer Getreideernte von 70 bis 75 Mio. t aus. Die Prognosen für mögliche Exporte 2010/11 bewegen sich zwischen 12 und 15 Mio. t Getreide. Deswegen spricht sich das Agrarministerium in Moskau zurzeit auch gegen Beschränkungen aus. Der Exporthandel schätzt die aktuelle Situation jedoch brenzliger ein. Die Moskauer Niederlassung des internationalen Handelsunternehmen Glencore fordert in dieser Woche, dass zumindest vorübergehend die Exporte gestoppt werden.

Zusätzlich angespannt hat sich die Lage am russischen Markt, weil die Regierung in Moskau die Freigabe von Interventionsgetreide verschiebt. Ursprünglich war geplant, dass Mitte dieser Woche die ersten 3 Mio. t Getreide an den Markt kommen können. Sie hätten etwas Entspannung in den Regionen gebracht, in denen Futtergetreide dringend gesucht wird. Allerdings weisen Marktbeobachter darauf hin, dass 3 Mio. t Getreide wohl nicht ausreichen, um die Lücken zu stopfen.

In der Ukraine zeigt sich die politische Führung in der Frage der Exportbeschränkungen gespalten. Getreideexporte begrenzen will Präsident Viktor Janukowitsch, der die Lebensmittelverarbeiter hinter sich weiß. Diese Fraktion setzt auf eine sichere Inlandsversorgung, um einen Anstieg der Brotpreise zu verhindern. Dagegen machen sich die Regierungsspitze und das Agrarministerium für ungehinderte Exporte stark. Sie argumentieren, dass die ukrainische Getreideernte 2010 mit 42 bis 43 Mio. t wohl nur etwa 5 Prozent kleiner ist als im Vorjahr. Versorgungsengpässe seien mithin nicht zu erkennen. Für die Getreideexporte 2010/11 strebt die Regierung immerhin 17 Mio. t an.
 
Außerdem sind die Regierungsvertreter gar nicht so unglücklich über die hohen Getreidepreise in der Ukraine, denn sie bringen höhere Agrareinkommen. Damit könnte sich die Stimmung der Landwirte deutlich aufhellen. (db)
stats