Report Nutztierhaltung

Zwischen Gerüchen und Gewissen

Die Schweine vom Biohof Riehle kommen den Bildern auf Lebensmittelverpackungen sehr nahe - aber auch damit ist nicht jeder Verbraucher glücklich.
-- , Foto: Martin Wolf Wagner
Die Schweine vom Biohof Riehle kommen den Bildern auf Lebensmittelverpackungen sehr nahe - aber auch damit ist nicht jeder Verbraucher glücklich.

Die Diskussionen rund um die Schweinehaltung reichen vom Offenstall über die Tierzahl bis zum Kastenstand. Die Bauern stehen in einem Spannungsfeld, dessen Pole zwischen einer wirtschaftlichen Produktion (für den Weltmarkt), den gesellschaftlichen Erwartungen ans Tierwohl und den Anforderungen an den Umwelt- und Ressourcenschutz liegen.

Leider ist sich die Gesellschaft nicht einig, wie diese Anforderungen unter einen Hut zu bekommen sind. Die jüngsten Diskussionen in Baden-Württemberg sind ein gutes Beispiel dafür, wie zwiegespalten allein mit dem Thema Offenstall umgegangen wird.

Bauern wollen es richtig machen

Die Biobauern Elena und Georg Riehle aus Weil der Stadt nahe Stuttgart liegen mit der örtlichen Bürgerinitiative über Kreuz. Dabei wollen sie alles richtig machen: Geplant ist ein Stall für 200 Schweine, der über die üblichen Bio-Richtlinien hinausgeht. Das bedeutet noch mehr Platz für die Tiere, Zugang zur Natur über Schweineweide und Suhle. Ein Abnahmevertrag mit dem Lebensmitteleinzelhandel konnte auch schnell geschlossen werden, schließlich bedient die Landwirtsfamilie das Konzept von Regional und Bio. Nun spielen die Anwohner nicht mit. Sie fürchten Geruchs- und Lärmbelästigungen. In einer Informationsveranstaltung, die kürzlich in der Aula des Schulzentrums stattfand, kochten die Emotionen hoch. Es wurde gar die Frage nach den Prioritäten gestellt: „Was ist wichtiger: Menschen- oder Tierschutz?“ Dabei versichern die Experten, also Landwirt Georg Riehle und Rainer Michelfelder vom Regierungspräsidium, dass „nach wenigen Metern nichts mehr zu riechen sei“. Sie werden nicht gehört.

Die Macht der Bilder

Ursachen für diesen Zwiespalt erforschen Wissenschaftler der Universität Göttingen. Winnie Isabel Sonntag, Anna Kaiser, Marie von Meyer-Höfer und Achim Spiller haben untersucht, wie Bürger speziell auf Zielkonflikte in der Schweinehaltung reagieren und welche Prioritäten sie setzen. Dazu wurden Verbrauchern in Tiefeninterviews realistische Bilder und möglichst objektive Pro- und Contra-Informationen zu den Konfliktfeldern Spaltenboden, Außenhaltung und Ferkelschutzkorb vorgelegt.

Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass in Bereichen, die bereits emotional aufgeladen sind, Argumente oder Informationen nicht mehr überzeugen können. Es habe bereits eine Bewertung im Vorfeld stattgefunden. Das betraf insbesondere den Ferkelschutzkorb. In den Interviews wurde deutlich, dass die Informationen der Teilnehmer über die Schweinehaltung überwiegend aus Reportagen im Fernsehen stammen. Eine fachliche Informationsvermittlung über die Vorteile wie Erdrückungsschutz für Ferkel oder Arbeitssicherheit hatte bei den Befragten kaum mehr Einfluss auf die Bewertung des Systems. In anderen Bereichen wie beim Thema Spaltenboden konnten sachliche Argumente zu mehr Akzeptanz führen. Insbesondere auf Gebieten, die nicht emotional aufgeladen sind, werden Argumente eher wahrgenommen. Es kommt zu einem deutlichen Abwägen, sodass hier eine bewusstere Entscheidungsfindung erfolgt. Das funktioniert auch andersherum: Bei der Außenhaltung, die durch Bilder sehr positiv belegt ist, werden negative Argumente wie vermehrte Emissionen und erhöhter Krankheitsdruck weniger ernst genommen. Die Tiere wurden als „glücklich“ beschrieben. Die Teilnehmer konnten nicht genau benennen, was die Tiere glücklich macht. Sie verwiesen auf ihren persönlichen Eindruck.

Den Biobauern Elena und Georg Riehle aus Weil der Stadt helfen diese Ergebnisse nicht viel weiter. Dort ist das Thema Gestank emotional eben höher aufgeladen als das Thema Schweineglück. Dennoch kann die Familie den Konflikt entspannt aushalten. Der Gemeinderat hat schon zugesichert, die Baugenehmigung zu erteilen. (kbo)
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