az startet Marktbericht Gas

"Gas ist die Waffe im russischen Wirtschaftskrieg"

Christian Seelos, Chefredakteur von energate
Quelle: energate
Christian Seelos, Chefredakteur von energate
Artikel anhören
:
:
Info
Abonnenten von agrarzeitung Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.

Die Energiemärkte werden immer volatiler und hektischer: Aus diesem Grund starten wir heute in Zusammenarbeit mit dem Energie-Fachportal energate einen neuen wöchentlichen Informationsdienst: den Marktbericht Gas.

Darin analysieren die Experten und Redakteure von energate die aktuellen sowie die mittel- und langfristigen Trends. Sie stellen Hintergründe dar und geben Ein- und Ausblicke zur weiteren Entwicklung. Der Bericht erscheint jeden Freitagvormittag auf unserer Webseite  und in unserem Newsletter „Märkte am Morgen“. Zum Start ein Interview mit Christian Seelos, dem Chefredakteur von energate.

agrarzeitung: Wie schätzen Sie die Chancen ein, innerhalb der nächsten 12 oder 24 Monate in Deutschland unabhängig von russischem Gas zu werden?

Christian Seelos: Die Ereignisse der vergangenen Wochen zeigen, dass Deutschland womöglich sehr schnell vollständig auf russisches Gas verzichten muss. Russland ist längst vertragsbrüchig geworden und liefert unter fadenscheinigen Gründen deutlich weniger Gas als mit den hiesigen Importeuren vertraglich vereinbart. Ein komplettes Versiegen der russischen Gasflüsse im kommenden Herbst oder Winter ist nicht mehr ausgeschlossen. Gas ist die Waffe im russischen Wirtschaftskrieg.

agrarzeitung: Welche Aspekte oder Risiken werden dabei generell unterschätzt?

Christian Seelos: Die Szenarien der Bundesregierung besagen, dass Deutschland eigentlich noch bis 2024 auf russische Gaslieferungen angewiesen wäre. Es droht also eine Lücke, deren Folgen aktuell nur schwer absehbar sind. Ohne massive Produktionseinschränkungen in zahlreichen Wirtschaftsbereichen wird dieser Engpass wohl kaum zu überbrücken sein.

agrarzeitung: Welche Aspekte oder Risiken von LNG werden unterschätzt?

Christian Seelos: LNG wird die Engpässe in den kommenden beiden Wintern kaum gänzlich ausgleichen können. Mit Blick auf die Folgejahre stellt sich dann die Frage der Verfügbarkeit von flüssigem Erdgas. Denn die Erzeugungskapazitäten in den Lieferländern sind begrenzt. Sicher ist: LNG wird dauerhaft teurer sein als Pipeline-Gas.

agrarzeitung: Werden wir auf dem Energiemarkt jemals wieder das Vorkriegsniveau sehen?

Christian Seelos: Wenn LNG preissetzend wird, werden wir dauerhaft deutlich höhere Gaspreise haben. Von einem Preisniveau wie vor dem Ukrainekrieg sollten sich alle gedanklich verabschieden. Auch die Strompreise dürften wohl für einen längeren Zeitraum hoch bleiben, wenn auch nicht auf dem Level, wie wir es momentan sehen.

agrarzeitung: Man hat im Augenblick den Eindruck, als ob die Energiemärkte immer volatiler und hektischer werden: Eine geringe Angebotsmenge über nach Nachfrage reicht aus, um die Preise deutlich fallen zu lassen und umgekehrt: Eine leicht höhere Nachfrage als das Angebot genügt, um die Preise sofort steigen zu lassen. So bestimmt der letzte zuviel oder zu wenig angebotene Liter, Kubikmeter oder die Kilowattstunde den Preis. Teilen Sie diese Einschätzung?

Christian Seelos: Absolut, die Energiemärkte sind deutlich volatiler geworden. Das sehen wir jeden Tag beim Blick auf die Handelsdaten. Die Base- und Peakpreise klaffen immer weiter auseinander. Das gilt insbesondere für den Strommarkt und wird mit weiter wachsenden Anteilen erneuerbarer Energien mit Sicherheit auch so bleiben.

agrarzeitung: Von Krieg und Sanktionen abgesehen: Die Transformation zu Erneuerbaren Energien ist sicher ein Kostentreiber. Ist die öffentliche Debatte darüber realistisch oder wird bei den dadurch entstehenden Energie-Kosten unter- oder übertrieben?

Christian Seelos: Auf kurze Sicht gesehen hat sich die Energiewende sicherlich als kostspieliger erwiesen als von der Politik vorausgesagt. Zugleich sehen wir aber auch, dass die Kosten der erneuerbaren Energien rapide gesunken sind. Das gilt vor allem für die Solar- und Windenergie. Perspektivisch - davon bin ich zu 100 Prozent überzeugt - wird ein weitgehend regeneratives Energiesystem deutlich günstiger sein. Und Gaskriege wird die Welt dann auch nicht mehr sehen.

agrarzeitung: Sehen Sie, dass Biogas auf absehbare Zeit einen wesentlichen Beitrag zum Energiemix leisten kann?

Christian Seelos: Ehrliche Antwort: Ich habe große Zweifel. Zwar hat die EU die Ambitionen für den Biogasbereich jüngst deutlich hochgesetzt. Auch das Bundeswirtschaftsministerium hat angekündigt, als Maßnahme gegen die Gaslücke die Begrenzungen für die jährliche Maximalproduktion von Biogas aufzuheben. Mit fehlt aber der Glaube an einen echten Aufschwung. Denn dafür fehlt hierzulande schlicht das politische Commitment. Im Strommarkt sind Wind- und Solarenergie die weitaus günstigeren Optionen. Im Wärmemarkt sind Gastechnologien massiv auf dem Rückzug. Am größten sind die Chancen wohl noch im Mobilitätsbereich. Stichwort: Bio-LNG.

agrarzeitung: Warum wurde aus Ihrer Sicht die Transformation zu Erneuerbaren Energien bislang nicht stärker vorangetrieben? Sahen die Großabnehmer für Energie hier überhaupt keinen Vorteil für sich?

Christian Seelos: Dafür gibt es einen ganz einfachen Grund: Energie aus fossilen Quellen war in der Vergangenheit schlicht deutlich günstiger. Das ändert sich gerade mit Vehemenz. Viele Unternehmen sichern sich beispielsweise über PPAs – also langfristige Vereinbarungen mit Erzeugern von erneuerbarer Energie – langfristig den Bezug grüner Energie. Das wird künftig nicht nur der ökologischere, sondern auch der ökonomischere Weg der Energiebeschaffung sein. Auch die Energieversorger haben ihren alten Pfad inzwischen verlassen und treiben die Energiewende mit echter Überzeugung voran. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass die Betreiber der verbliebenen drei deutschen Kernkraftwerke selbst gegen eine Laufzeitverlängerung ihrer Anlagen sind, wie sie von Union und FDP gefordert wird.

    stats