az-Interview Vincent Gros

"Diversität ist die Stärke Europas"


Will den Landwirten künftig integrierte Lösungen anbieten – von Saatgut über Pflanzenschutz bis zu digitalem Farming: Der baldige Chef im Limburgerhof, Vincent Gros.
BASF
Will den Landwirten künftig integrierte Lösungen anbieten – von Saatgut über Pflanzenschutz bis zu digitalem Farming: Der baldige Chef im Limburgerhof, Vincent Gros.

Die BASF SE hat im Zuge der Monsanto-Übernahme viel Know-how zugekauft. Die Integration ist ein Großprojekt - und für den designierten Leiter der Agricultural Solutions, Vincent Gros, eine tiefgreifende Transformation.

agrarzeitung: Die BASF hat von Bayer zugekauft. Wie verläuft die Integration?

Vincent Gros: Das ist die größte Integration unserer Firmengeschichte und ein sehr wichtiger Schritt für BASF in der Landwirtschaft, weil wir nicht länger nur ein Pflanzenschutzmittelunternehmen sind. Wir haben jetzt ein umfassendes Saatgut- und Traitgeschäft mit Züchtungsaktivitäten für wichtige Feldkulturen wie Raps, Soja und Baumwolle übernommen. Dazu kommt ein global führendes Gemüsesaatgutgeschäft mit über 2 600 Saatgutsorten in 24 Gemüsekulturen. Die Akquisition umfasst weiter noch Forschungsplattformen für Hybridweizen und ein neues Portfolio zur Saatgutbehandlung. Mit dem globalen Geschäft des nicht-selektiven Herbizids Glufosinat-Ammonium, das in über 100 Anbaukulturen weltweit genutzt wird, ergänzen wir unser Pflanzenschutzportfolio. Darüber hinaus haben wir eine digitale Plattform erworben, die state-of-the-art ist und die es uns ermöglicht, alle Technologien miteinander zu verknüpfen.

Was verändert das?

Damit können wir den Landwirten künftig integrierte Lösungen anbieten – von Saatgut über Pflanzenschutz bis zu digitalem Farming. Das ist eine tiefgreifende Transformation – nicht allein bezogen auf unser Portfolio, sondern auf die Art unseres Geschäfts. Ich bin davon überzeugt, dass nur die Unternehmen als Gewinner in diesem dynamischen Markt hervorgehen, die alle diese Technologien wie Pflanzenschutz, Seeds und Traits, Saatgutbehandlung und digitale Lösungen miteinander verknüpfen können. Das ist ein Muss im Hinblick auf ein gutes Farmmanagement.

Die BASF hat auch viele Saatgutspezialisten übernommen.

Ja, dadurch können wir quasi nahtlos weiterarbeiten. Das ist einer der aufregendsten Teile dieser Akquisition: die Kompetenz der rund 4 500 neuen Kollegen kennenzulernen und vor allem von ihnen zu lernen. Das ist eine große Chance und zugleich eine Herausforderung, denn wir müssen auch gemeinsam eine neue Kultur miteinander entwickeln.

Worauf haben Sie besonders Wert gelegt?

Was zählt, ist Kompetenz. So haben wir nun neben dem Pflanzenschutz eine globale Business-Unit Saatgut und Traits, die sich ausschließlich auf das Seed-und-Traits-Geschäft fokussiert und damit unsere Expertise in diesem für uns neuen Geschäft weiterentwickelt. Das ist wichtig, da sich zum Beispiel Forschung und Entwicklung im Pflanzenschutz sehr unterscheidet im Vergleich zum Saatgutbereich.

In Feldkulturen vertreiben unsere Verkaufsteams in den Ländern dann aber sowohl Pflanzenschutz wie auch Saatgutlösungen und beraten zu Themen der Fruchtfolge, Digitalisierung, Ausbringungstechnik oder auch Nachhaltigkeit. Auf dem Feld zählt eine Beraterstimme zu Agricultural Solutions gegenüber unseren Kunden.

Gemüsesaatgut wird dagegen als erfolgreich im Markt etabliertes Geschäft unter der Marke Nunhems unverändert fortgeführt.

Auf welchen Kulturen liegt der Fokus im Saatgutgeschäft?

Wir haben eine sehr starke Position bei Raps in Kanada und den USA, bei Baumwolle in den USA, Brasilien, Griechenland und der Türkei, die wir verteidigen wollen. In Soja haben wir einen relativ überschaubaren Marktanteil mit sehr großem Wachstumspotenzial. Im Gemüsesegment, das sehr stark fragmentiert ist, haben wir eine starke Marktposition weltweit.

BASF hat auch einen Teil des Weizengeschäfts von Bayer zugekauft.

Die Entwicklung von Weizenhybriden ist superattraktiv. Das wird für europäische Landwirte ein Durchbruch sein. Wir investieren sehr viel in diese Technologie und planen, die ersten Weizenhybride 2023/24 auf den europäischen Markt zu bringen.

Und wie sieht es im Pflanzenschutz aus?

Wir haben ja auch ein gutes Pflanzenschutzportfolio im Weizen. Das neue Fungizid Revysol ist wohl das bislang größte Pflanzenschutzprojekt mit einem Marktpotenzial weltweit von einer Milliarde Euro. Denn es kombiniert sehr hohe Wirksamkeit mit guter Umweltverträglichkeit. Bereits bei der Entwicklung haben wir die wachsenden Ansprüche an die Zulassung und die gesellschaftlichen Anforderungen berücksichtigt. Darauf sind wir stolz.

Aber Pflanzenschutz hat ein schlechtes Image…

Das Image zu verbessern, ist ein Marathon. Wir müssen mehr erklären, warum wir neue Technologien brauchen, und nachhaltige Projekte fördern. Am schwierigsten ist es, das Misstrauen gegenüber neuen Technologien zu überwinden. Ich persönlich glaube, dass Innovationen ein Teil der Lösung sind. Eine moderne und nachhaltige Landwirtschaft braucht die sinnvolle Kombination innovativer Produkte, Technologien und Lösungen. Das führt auch zu einem optimierten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.

Eines wird sich jedoch nicht ändern: Landwirtschaft ist ein globales und auch volatiles Geschäft. Und die Wettbewerbsfähigkeit aller Beteiligten ist ein Muss. Um das Image der Landwirtschaft und der Agrarindustrie gegenüber der Gesellschaft zu verbessern, braucht es mehr Offenheit und Transparenz. Wir sollten aktiver über konkrete und messbare Aktivitäten zur Weiterentwicklung einer nachhaltigen Landwirtschaft kommunizieren und informieren. Wir müssen den Wert für die Gesellschaft, den die Landwirtschaft leistet, auch vermitteln können.

Was ist denn Ihre Vision?

In Europa wird es nicht eine Art von Landwirtschaft geben. Diversität ist die Stärke von Europa, die wir für alle erhalten sollten. Allerdings muss die Politik über ihre Vision einer zukünftigen Landwirtschaft entscheiden. Das ist für mich eine Frage der richtigen Balance zwischen Wettbewerbsfähigkeit und den gesellschaftlichen Ansprüchen. Das ist ein schmaler Grat und komplex, aber erreichbar über eine sachliche Debatte. Extreme Positionen sind dagegen nicht hilfreich. Was unser weiterbringt, ist ein konstruktiver fachlicher Austausch, der richtige Mindset und Optimismus.

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