EU-Austritt

„Unklare Informationslage beim Brexit ist größte Hürde“

"Zu viele Unternehmen bereiten sich aufgrund der unklaren Lage überhaupt nicht auf den Brexit vor", erklärt Logistikexperte Miller.
Carousel
"Zu viele Unternehmen bereiten sich aufgrund der unklaren Lage überhaupt nicht auf den Brexit vor", erklärt Logistikexperte Miller.

Im März 2019 werden die Briten die EU verlassen. Franz-Joseph Miller, Chairman des Board of Directors bei Carousel in Frankfurt, analysiert, wie der Austritt des Landes die Logistik beeinflusst.

az: Wie sind die Unternehmen der Agrarwirtschaft bezüglich der Logistik auf den EU-Austritt der Briten vorbereitet?

Miller: Es ist eindeutig, dass der bevorstehende Brexit bei vielen Firmen der Agrarwirtschaft auf der Agenda ganz oben steht. Für unsere Studie wurden Logistikmanager von britischen und deutschen Unternehmen des produzierenden Gewerbes befragt, dazu gehören auch viele Dienstleister aus der Agrarwirtschaft. Insgesamt denken 46 Prozent der Unternehmen, genug Zeit zu haben, sich auf den Brexit vorzubereiten. Zahlreiche Unternehmen warten jedoch ab, denn viel ist in Bezug auf die Zeit nach dem Brexit unklar.

Rechnen Sie aus heutiger Sicht mit einem ‚harten‘ Brexit?

Miller: Es sind diverse Ausgänge der Brexit-Verhandlungen möglich. Daher ist es wichtig, dass Unternehmen erkennen, dass es durchaus zu einem ‚harten‘ Brexit kommen kann. Unser White Paper zeigt sehr gut, dass die unklare Informationslage die größte Herausforderung für Unternehmen ist.

Was sollten betroffene Firmen jetzt unverzüglich in die Wege leiten?

Miller: Das Wichtigste ist, die Situation nicht zu ignorieren. Die Ergebnisse zeigen, dass sich 35 Prozent der Unternehmen in beiden Ländern aufgrund der unklaren Lage überhaupt nicht auf den Brexit vorbereiten. Unternehmen müssen jetzt bereits Vorkehrungen treffen. Ein wichtiger erster Schritt ist es, Betriebsabläufe neu zu evaluieren und einen Aktionsplan für jedes mögliche Szenario zu entwerfen. Mit der Fragestellung ‚Was wäre, wenn…?‘ lassen sich potenziell betroffene Segmente identifizieren. Im Anschluss sollte man den Kontakt zu seinen Dienstleistern suchen und klären, wie diese unterstützen können, sollte es nötig sein.

Welchen Sektor der Agrarwirtschaft wird es besonders kalt erwischen?

Miller: Ohne zu wissen, wie die Brexit-Verhandlungen ausgehen, können wir das nicht vorhersagen. Was wir wissen ist jedoch, dass ein problemloser Austausch von Waren nach dem Brexit das wichtigste operative Anliegen für die Unternehmen ist. Daher werden Unternehmen, bei denen die Logistik von zentraler Bedeutung ist, wahrscheinlich mehr vom Brexit betroffen sein als Unternehmen, bei denen das nicht der Fall ist. Ersichtlich wird so was zum Beispiel bei der Belieferung von Technikern und Händlern in derselben Nacht, oder wenn es darum geht, heutige Service-Level-Agreements einzuhalten.

Digitalisierung ist aus Ihrer Sicht Teil einer Lösung: inwiefern?

Miller: Innovation kann in gewissem Maße vor der Unsicherheit der derzeitigen Situation schützen. Damit meine ich, dass ein Unternehmen seine Logistikprozesse durch Digitalisierung flexibler und agiler gestalten kann. Digitalisierung hilft, Lieferketten effizienter zu gestalten, die Leistung zu erhöhen und den Service zu verbessern – all dies gewinnt im Kontext des Brexits zusätzlich an Bedeutung. Wenn zum Beispiel Techniker ihre Teile schneller zugestellt bekommen oder die Transparenz der Lieferkette erhöht wird, kann die Servicequalität gehalten werden; selbst wenn es an anderer Stelle in der Lieferkette zu Verzögerungen kommt.

Erwarten Sie, dass Agrarfirmen wegen der schwierigeren Logistik der Insel künftig vollständig den Rücken kehren werden?

Miller: Die Agrarwirtschaft ist in vielerlei Hinsicht ein stationärer Wirtschaftszweig. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass von den Befragten der verschiedenen Sektoren nur 27 Prozent der britischen und 21 Prozent der deutschen Unternehmen erwägen, Teile ihrer Lieferkette von der Insel nach Kontinentaleuropa zu verlagern. Basierend auf diesen Ergebnissen ist eine signifikante Abwanderung nicht wahrscheinlich.

Servicelogistik

Carousel ist eigenen Angaben zufolge einer der führenden Anbieter von Servicelogistik in Europa. Er verfügt über zehn strategische Standorte im Vereinigten Königreich, Deutschland sowie anderen europäischen Staaten. Zum Kundenstamm zählen auch namhafte Firmen der Agrarwirtschaft. Carousel hat kürzlich ein White Paper zum Einfluss des Brexits auf die Logistik erstellt. Befragt wurden dazu 80 Unternehmen aus Deutschland sowie dem Vereinigten Königreich.

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