Digital Talk „New Meat“

Hohe Dynamik auf niedrigem Niveau

Olga Graf, Food Kompanions, diskutierte mit Marcus Keitzer, Vorstand alternative Proteine bei PHW, Heike Miéville-Müller; Business Unit Manager Garden Gourmet bei Nestlé, Paul Pollinger, Gründer von Die Vetzgerei und Dr. Felix Walz, Produktentwicklung, Edeka Südwest Fleisch über die Perspektiven alternativer Fleischprodukte.
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Olga Graf, Food Kompanions, diskutierte mit Marcus Keitzer, Vorstand alternative Proteine bei PHW, Heike Miéville-Müller; Business Unit Manager Garden Gourmet bei Nestlé, Paul Pollinger, Gründer von Die Vetzgerei und Dr. Felix Walz, Produktentwicklung, Edeka Südwest Fleisch über die Perspektiven alternativer Fleischprodukte.

Von Nische kann man bei alternativen Proteinen nicht mehr sprechen, aber klassisches Fleisch bleibt noch lange bestimmend. Über den Erfolg entscheidet am Ende der Geschmack.

Alternative Proteine haben in den vergangenen Jahren in vielen Ländern den Lebensmittelmarkt erobert und so die Fleischersatzprodukte zu einem globalen Trend gemacht. Neue Unternehmen betreten die Bühne und sammeln bei Investoren dreistellige Millionenbeträge ein, um den Sprung vom Start-up zum industriellen Produzenten zu finanzieren. Der Digital Talk „New Meat“ von afz - allgemeine fleischer zeitung und „Fleischwirtschaft“ gab am Mittwoch in einer Stunde einen Überblick, über die neuen Verfahren und Prozesse und zeigte, wie Unternehmen aus Deutschland auf den Verbraucherwunsch nach einer fleischreduzierten Ernährung reagieren.
 
Das dynamische Wachstum der vergangenen Jahre zeige, dass sich die fleischfreien Alternativen aus der Nische heraus entwickeln, ist Marcus Keitzer, Vorstand alternative Proteine beim größten deutschen Geflügelproduzenten PHW, überzeugt. Die Steigerungen resultieren für ihn aus zwei entscheidenden Aspekten: Die Produkte werden wiedergekauft, und die Gruppe der Flexitarier wird wichtiger. Beachtlich seien zudem der hohe Absatz über die Lebensmittel-Discounter, wo knapp ein Drittel der Fleischersatzprodukte gekauft werden. Keitzer sieht bei den pflanzenbasierten Produkten weiterhin ein gutes Wachstumspotenzial. Cultured Meat, also Produkte aus der Vermehrung von Fleischzellen, werde sich aufgrund der technischen Herausforderungen im Übergang zur industriellen Produktion langsamer entwickeln als bisher erwartet. Mit größeren Mengen könne vermutlich erst in zehn Jahren gerechnet werden. Großes Potenzial sieht Keitzer in Fermentationstechniken, die zwar nicht neu seien (Sauerkraut) aber große Fortschritte machen. „Dieses Thema sehe ich im Rennen weit vorne“, meinte der PHW-Vorstand.
„Man kann nur verlieren, wenn man versucht das Original nachzuahmen.“
Paul Pollinger, Die Vetzgerei, 

Lars Strenge, Geschäftsführender Gesellschafter von peaceful delicious berichtete, wie sein Unternehmen mit Hilfe eines Edelschimmels aus Kichererbsen Tempeh produziert, ein traditionelles Fermentationsprodukt aus Indonesien. Bisher beliefert das Start-up mit nur fünf Mitarbeitern seine Kunden von einem Bauernhof in Brandenburg. Mit der Akquise neuer Abnehmer im Bio-Handel und der Gastronomie sowie der Erweiterung der Portfolios durch Convenience-Produkte sind die Weichen auf Wachstum gestellt.

Dass im globalen Millionenspiel um neue Lebensmittel kleine Unternehmen eine Chance haben, zeigte auch Paul Pollinger, der Gründer der „Vetzgerei“. Das Berliner Unternehmen produziert handwerklich Wurst aus rein pflanzlichen Rohstoffen. Mit der klassischen Wurst hätten seine Waren nur noch die Form gemein und das aus rein praktischen Gründen, erläuterte der Unternehmer. Von der Überlegung, klassische Wurstprodukte wie eine Salami nachzuahmen, habe man sich schnell verabschiedet, denn dabei könne man nur verlieren, ist Pollinger überzeugt. Seine Devise lautet deshalb: „Hauptsache, es schmeckt“. Diese Einschätzung teilte Heike Miéville-Müller, Business Unit Manager Garden Gourmet beim globalen Lebensmittelkonzern Nestlé. Im Marketing setze man dennoch weiter auf Begriffe aus der Fleischwelt, wie Filet, Bratwurst und Burger, denn diese Begriffe würden den Konsumenten Orientierung geben.
„Der Abgesang auf das Fleisch erscheint mir möglicherweise etwas zu früh.“
Marcus Keitzer, Vorstand alternative Proteine, PHW, 

Auch wenn im Handel das Geschäft mit den Fleischalternativen floriert, können die Klassiker im direkten Vergleich offenbar weiter punkten. Pflanzliche Produkte würden in den Märkten auch an den Bedientheken angeboten, berichtete Dr. Felix Walz aus der  Produktentwicklung von Edeka Südwest Fleisch. Doch gerade dort sei es schwierig die Kunden zu überzeugen ein vegetarisches, statt ein klassisches Würstchen zu kaufen. In der aktuellen Debatte sollte man die aktuellen Kräfteverhältnisse nicht außer Acht lassen, mahnte Marcus Keitzer. Trotz der beeindruckenden Wachstumsquoten liege im europäischen Einzelhandel der Anteil der Fleischalternativen am gesamten Fleischmarkt noch unter einem Prozent. Bis die neuen Produkte dem natürlichen Fleisch den Rang ablaufen, könnten Jahrzehnte vergehen. „Der Abgesang auf das Fleisch erscheint mir möglicherweise etwas zu früh“, vermutet deshalb der PHW-Manager.

Einen Überblick über die Entwicklungen und Perspektiven alternativer Proteine bietet das E-Paper New Meat. Der Digital Talk kann hier noch einmal angeschaut werden.

Dieser Text erschien zuerst auf www.fleischwirtschaft.de.

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