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Lidls Haltungskompass kommt zu Ostern

Ab April kennzeichnet Lidl das Fleisch mit einem Haltungskompass. Öko-Verbände sprechen von Marketing-Chaos. Anlass zur Kritik ist die Klasseneinteilung. Auch von Politikversagen ist die Rede.

Ab Ostern will Lidl das erste Frischfleisch mit einem Haltungskompass ausstatten. Auf jedem Schweine-, Rind-, Puten- und Hähnchenfrischfleisch klebt dann in Zukunft ein Etikett, das Auskunft über die Art und Weise gibt, wie die Tiere gelebt haben. Die Kunden würden dadurch unterstützt, eine bewusste Kaufentscheidung für eine tierwohlgerechtere Haltung zu treffen, heißt es von einem der weltweit größten Discounter.

Das Frischfleisch der Lidl-Eigenmarken stamme dabei zu 100 Prozent aus Deutschland. Gekennzeichnet werde ausschließlich deutsche Rohware, temporär verfügbare internationale Spezialitäten seien von der Kennzeichnung ausgenommen.

Politik in Zugzwang

Das Vorpreschen von Lidl beim Thema Tierhaltung löst viele Reaktionen aus. „Der Haltungskompass von Lidl ist ein lobenswerter Schritt, es geht aber auch noch besser“, begrüßt Stephanie Töwe, Landwirtschaftsexpertin von Greenpeace den Schritt. Die Umweltschutzorganisation sieht die Politik in der Pflicht "damit jetzt nicht jeder Einzelhändler oder Gastronomiebetrieb mit einer individuellen Lösung kommt." 

Auszug aus der Greenpeace-Umfrage: Insgesamt sagen 14 von 18 Befragten "Ja" zur Haltungskennzeichnung.
Foto: Screenshot
Auszug aus der Greenpeace-Umfrage: Insgesamt sagen 14 von 18 Befragten "Ja" zur Haltungskennzeichnung.

Greenpeace Umfrage Haltungskennzeichnung
Hintergrund dieser Forderung ist eine Umfrage, die Greenpeace heute vorstellt. Derzufolge wünschten sich die meisten Supermärkte und Erzeugerverbände in Deutschland eine gesetzlich verpflichtende Kennzeichnung zur Tierhaltung. Mit "Ja" gestimmt haben neun Lebensmitteleinzelhändler, darunter Aldi, Lidl, Rewe und Tegut. Von den Gastroketten ist unter anderem McDonald's dabei. Von den Erzeugerverbänden haben laut Greenpeace die ISN (Schwein) und der ZDG (Geflügel) positiv geantwortet. Für die neue Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner gebe es jetzt keinen Grund mehr, sich vor einer gesetzlichen und verpflichtenden Lösung zu drücken, so Greenpeace.

Der Grünen-Politiker Anton Hofreiter betreibt Politikschelte: "Selbst der Handel ist weiter als die Große Koalition, die sich laut Koalitionsvertrag mit der Ausarbeitung eines Wischi-Waschi-Labels zwei Jahre Zeit lassen will. Das ist ein Armutszeugnis für die Große Koalition", so Hofreiter.

Umsetzung als zu unpräzise gesehen

Katrin Wenz, Agrarexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund), begrüßt den Lidl-Schritt. Sie ist aber ebenfalls unzufrieden. Der Bund bemängelt bei der Klassifizierung vor allem die zweite Stufe „Stallhaltung Plus“. Sie böte kaum Verbesserungen im Vergleich zu den gesetzlichen Bestimmungen. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) kritisiert darüber hinaus, dass Bio in eine Kennzeichnungsstufe mit der höchsten Haltungsanforderung konventioneller Erzeugung gepackt wird. "Und das, obwohl Bio-Tierhalter etwa bei der Fütterung, der Erzeugung des Futters und der Kontrolle deutlich mehr tun", erklärt der BÖLW-Vorsitzende Felix Prinz zu Löwenstein. Wenn jetzt auch noch andere Handelsunternehmen ihre Marketingideen in jeweils eigenen Modellen der Fleischkennzeichnung verwirklichten, dann sei das Chaos perfekt.
Tierwohl in vier Schritten
Lidls Vier-Stufen-Modell zeigt den Kunden, nach welchen Kriterien das Tier gehalten wurde:
  • 1 bedeutet gesetzlicher Standard
  • 2 heißt Stallhaltung Plus, zum Beispiel mehr Platz, es korrespondiert mit den Vorgaben der Brancheninitiative Tierwohl. 
  • 3 bedeutet Auslauf
  • 4 steht für Bio oder höhere Standards als 3

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