Ernährungstrends

Reiche essen weniger Fleisch


Diskutierten die Zukunft der Nutztierhaltung: (V.l.n.r.) Moderator Dr. Andreas Quiring, Dr. Heinz Schweer (Vion), Dr. Dominic Lemken (Universität Göttingen), Dr. Rudolf Mögele (EU-Kommission), Jochen Dettmer (Neuland), Dr. Clemens Dirscherl (Kaufland) und Hans-Benno Wichert (Landesbauernverband Baden-Württemberg).
Bild: Susanne Hofmann
Diskutierten die Zukunft der Nutztierhaltung: (V.l.n.r.) Moderator Dr. Andreas Quiring, Dr. Heinz Schweer (Vion), Dr. Dominic Lemken (Universität Göttingen), Dr. Rudolf Mögele (EU-Kommission), Jochen Dettmer (Neuland), Dr. Clemens Dirscherl (Kaufland) und Hans-Benno Wichert (Landesbauernverband Baden-Württemberg).

Die Frühlingstagung der Verbindungsstelle Landwirtschaft-Industrie (VLI) stand ganz im Zeichen des Wandels der Nutztierhaltung. Ein Blick in die Trends zeigt: Besserverdiener verzichten zunehmend auf Fleisch.

Die VLI lud in der vergangenen Woche zur Frühjahrstagung nach Gießen ein. Auf dem Programm stand eine Podiumsdiskussion zur Zukunft der Nutztierhaltung.  Die Landwirtschaft im Allgemeinen und die Tierhaltung im Speziellen werden sich ändern und den gesellschaftlichen Wünschen anpassen, daran zweifelte im vollen Sitzungssaal im Haus der Vereinigten Hagelversicherung niemand.

Allen Standpunkten voran geht Dr. Dominic Lemken von der Universität Göttingen, der erklärt, wie sich der Fleischkonsum in der Gesellschaft ändert. Einige Punkte wie das moralische Dilemma zwischen dem Verzehr von Tieren und dem Wunsch nach möglichst viel Tierwohl und die Frage nach dem Umweltschutz seien bekannt. Lemken nennt als einen weiteren Grund jedoch das soziale Milieu: In reicheren Gesellschaftsschichten wird Fleisch zunehmend zu einem inferioren Gut. Ein inferiores Gut ist ein Produkt, dessen Nachfrage mit höherem Einkommen abnimmt.

Das Kundenverhalten wird auch zunehmend extrem: Personen, die ohnehin schon viel Fleisch essen, essen noch mehr, während zurückhaltende Konsumenten ihren Bedarf weiter zurückschrauben. Die Entwicklung geht eher hin zum Flexitarier oder Vegetarier. „Der Veganismus ist aus unserer Sicht jedoch kein Trend. Die Zahlen sind bisher relativ konstant“, berichtete Lemken. Aus seiner Sicht gibt es eine ganze Reihe von Gründen, weniger Fleisch zu essen: Das sich verändernde Mensch-Tier-Verhältnis, das neue Wissen über emotionale, kognitive und soziale Fähigkeiten der Tiere und mit Hinblick auf die Antibiotikaresistenzen die Befürchtungen um das eigene Wohlergehen.

Lösungen sind in der Schublade

Jochen Dettmer, Vorstandssprecher von Neuland, vertrat die These, dass die Tierhaltung in Deutschland in keinem guten Zustand sei. „Man muss schon was dazu tun, um drei Mal hintereinander in der Heute-Show zu landen“, erklärte er den Anwesenden. Die Lösungen hin zu einer naturorientierten Nutztierstrategie wären da, Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Glöckner treibe sie jedoch nicht voran, so Dettmer.

Dr. Heinz Schweer, Direktor Landwirtschaft und Beauftragter für Tierschutz beim Fleischverarbeiter Vion, wies mit Blick auf die Tierwohlskandale der letzten Monate darauf hin, dass solche Verstöße inakzeptabel seien und die Branche sich mit Intransparenz keinen Gefallen täte.

Der Verbraucher wird nicht voran gehen

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion zeigten sich alle Beteiligten - Landwirte, Verarbeiter und Lebensmitteleinzelhandel (LEH) - einig, dass die gesellschaftliche Diskussion um die Nutztierhaltung nicht einfach vorbeigehen wird. Stattdessen müsse sich die Industrie ändern. Uneins dagegen waren sie sich, wer den Anfang macht. Die Landwirtschaft und die Verarbeiter sehen den Ball beim LEH, der sieht ihn wiederum beim Verbraucher. Lemken hakte an dieser Stelle ein: „Es braucht Akteure. Und es wird nicht der Verbraucher sein können. Wir müssen agieren, nicht reagieren“.

Hans-Benno Wichert, Vizepräsident des Landesbauernverbandes Baden-Württemberg, ärgerte sich über
das ständige Hin und Her bei der Frage der Zuständigkeit. Es läge an der Politik, Regeln zu schaffen, die den Ansprüchen der Gesellschaft genügen. Landwirtschaft und Einzelhandel könnten sich dann den Vorgaben entsprechend anpassen. Vion-Vertreter Schweer war sich sicher, dass die Landwirte jeden Weg mitgehen werden, solange er finanziert ist. Der aktuelle Preiskonflikt sei, so ein Teilnehmer, eine „Katastrophe“. Mit aller Macht müsse jedoch verhindert werden, dass die Fleischproduktion ins Ausland abwandere.

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