Erntehelfer, Corona, Folieneinsatz

Darauf kommt es zum Start in die Spargelernte an

Die Spargelpreise liegen auf dem Niveau des Vorjahres.
IMAGO / Jürgen Held
Die Spargelpreise liegen auf dem Niveau des Vorjahres.
Artikel anhören
:
:
Info
Abonnenten von agrarzeitung Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.

Nach zwei Pandemie-Jahren stehen die Spargelbauern vor weiteren großen Herausforderungen. Die neue Saison beginnt mit deutlich gestiegenen Energie- und Produktionskosten infolge des Ukraine-Kriegs. Und die Integration der Geflüchteten will ebenfalls bewilligt werden.

Wir geben einen Überblick, was Spargelerzeuger jetzt wissen müssen.

Wie wirkt sich der Ukraine-Krieg auf die aktuelle Spargelsaison aus?

Die Preissteigerungen bei Energie und Betriebsmitteln, wie beispielsweise Dünger für Landwirte, liegen bei bis zu 600 Prozent, rechnet Frank Saalfeld, Geschäftsführer des Verbands der Ostdeutschen Spargelanbauer, vor. Ein hoher Einfluss auf die Produktionskosten ist damit unvermeidbar. Saalfeld glaubt an eine Verdoppelung der Kosten, wenn sich in naher Zukunft nichts ändere.
 
Für die Endverbraucher dürften die Folgen des Krieges in diesem Jahr beim Spargel indes noch nicht spürbar sein. Fred Eickhorst, Vorstandssprecher der Vereinigung der Spargel- und Erdbeeranbauer in Niedersachsen, geht davon aus, „dass die Endverbraucher-Preise vom letzten Jahr stabil in dieses Jahr gehen“. Er rechnet damit, dass dies bis Ende der Saison so bleibt. Auch, weil die Gastronomie nach zwei Pandemie-Jahren wieder vermehrt Spargel anbiete.
 
Eickhorst weist ebenfalls auf die Problematik der steigenden Energiekosten und Düngersorten für Landwirte hin. Bei der Preiskalkulation komme aber das zumindest noch in dieser Saison gewichtigste Argument hinzu: „Der Preis beim Spargel wird leider momentan nicht durch höhere Kosten festgelegt, sondern bildet sich immer noch durch Angebot und Nachfrage“, so Eickhorst. „Die Nachfrage war gleich zu Beginn relativ gut, weil wir durch den sonnenreichen März sehr früh anfangen konnten, zu ernten. Zur Wahrheit bei der Preisfindung gehörten eben auch die klimatischen Bedingungen. „Den größten Einfluss, ob der Spargel günstig oder teuer wird, hat immer noch Petrus“, so Eickhorst.

Situation der ukrainischen Erntehelfer: Wie können Landwirte sie integrieren?

Die Situation für ukrainische Erntehelfer in dieser Saison gestaltet sich doppelt schwierig. Diejenigen, die auf den Feldern arbeiten wollen, könnten bereits daran scheitern, dass es für sie keine Arbeit gibt. Da ukrainische Studentinnen und Studenten in den vergangenen Jahren meist erst während der Semesterferien ab Juni zur Ernte nach Deutschland kamen, waren sie für die Spargelzeit nicht mehr wirklich relevant. Man setzte deshalb auf Erntehelfer aus anderen Ländern. Auch in diesem Jahr ist das so, weiß Fred Eickhorst: „60 Prozent kommen aus Rumänien, 30 Prozent aus Polen, 5 Prozent aus Bulgarien und der Rest teilt sich die Arbeit aus anderen Ländern auf.“
 
Simon Schumacher, Geschäftsführer des Verbands der Süddeutschen Spargelanbauer schürt allerdings ein wenig Hoffnung: „Natürlich kann Ukrainerinnen und Ukrainern, die arbeiten möchten, ein Beschäftigungsangebot gemacht werden.“ Die Integration seitens der Behörden laufe dabei aber sehr unterschiedlich ab.

  • „Es gibt Landkreise, in denen ukrainische Geflüchtete drei Wochen lang keine Fiktionsbescheinigung bekommen, die sie zum Arbeiten brauchen, weil die Menschen erst biometrisch erfasst werden müssen, es aber nur einen Fingerabdruckscanner gibt, woran dann alles hängt“, sagt Schumacher.
  • An anderen Stellen hingegen gingen die Ukrainer einmalig zur Behörde und könnten die Bescheinigung direkt mitnehmen.
  • Zudem kritisiert Schumacher die komplizierte Regelung der Sozialversicherungsbeiträge für ukrainische Geflüchtete. Beispielsweise müssten diese einen gewissen Prozentsatz ihres Lohns in die Rentenkasse einbezahlen, dürfen aber oft gar nicht fünf Jahre bleiben, bis sie die Rente gegebenenfalls in Anspruch nehmen könnten. „Wir würden uns in diesen Fällen mehr Menschlichkeit wünschen“, sagt Schumacher.
 
Was können Landwirte tun? „Im Prinzip können sie erstmal nur sagen: Komm mal her, wir versorgen dich, nimm deine ganze Familie mit“, sagt Schumacher. „Menschliche Unterstützung ist wichtig. Und man sollte die Ukrainer darin bestärken, zu den Behörden zu gehen und ihre Fiktionsbescheinigung zu bekommen.“ Die Arbeitsverträge und Unterlagen habe man im Süddeutschen Spargelverband auf ukrainisch übersetzen lassen, sodass ganz klar sei, auf welche Bedingungen die Ukrainer sich einstellen können.

Wie wirken sich die klimatischen Bedingungen auf den Spargelanbau aus?

Der Spargel liebt eigentlich Wärme. „Aber Wärme, die zu früh kommt, lässt den Spargel auch früher wachsen, was dann in der Folge zu Qualitätsproblemen führen kann“, sagt Frank Saalfeld. Eine Lösung wäre, die Spargelzeit früher zu beenden. Noch sei es aber nicht so weit. „Trockenheit könnte zum Problem werden, wenn ohne Erntefolien gearbeitet werden müsste“, so Saalfeld.
 
Das sieht auch Fred Eickhorst so, allerdings beschränkt auf die Brandenburger Anbauregion und Mitteldeutschland. Im heimischen Niedersachsen malt er sich durch die früher beginnende Spargelzeit und Anbautechniken mit Folieneinsatz sogar leichte Vorteile aus. Der zunehmende Wind und Starkregen in Deutschland seien natürlich Nachteile. Für Simon Schumacher funktioniert es mittelfristig nur durch mehr Schutz und eine gezielte Erntesteuerung durch Folien. „Ansonsten ist eine wirtschaftliche und qualitative Produktion nicht mehr möglich.“

Kontroverse um die Folienabdeckung beim Spargelanbau: Was steckt dahinter?

In Brandenburg, einem der größten Spargelanbauländer hierzulande, äußern die Grünen aktuell Kritik am Einsatz der Folie beim Anbau. Diese sorgt unter anderem dafür, dass die Spargelköpfe weiß bleiben und auch ein früherer Erntebeginn möglich wird. Isabell Hiekel, umwelt- und agrarpolitische Sprecherin der Fraktion in Brandenburg, plädiert für eine „Vermarktungsstrategie für Spargel mit lila Spitzen“. So könnten die Verbraucher „für einen folienfreien Spargelanbau sensibilisiert werden“. Agrarfolie sei ein wertvoller Rohstoff und dürfe nicht auf den Äckern hinterlassen werden und somit die Böden belasten.
 
Simon Schumacher hält dagegen: „Die Grünen riskieren mit ihrer Kritik und möglichen Einschränkungen, die Produktion ins Ausland zu verlagern, wo Wasserknappheit herrscht, weniger Kontrolle über Produktions- und Arbeitsbedingungen möglich ist, aber genauso Folie eingesetzt wird.“ Dazu komme noch ein unökologischer Transport. Nachhaltig sei das sicher nicht. „Wir setzen auf moderne, regionale Produktion, die sicher und global gesehen am ökologischsten ist.“ Bei den hessischen Grünen sieht man den Folieneinsatz indes zwar auch nicht als unproblematisch an. Allerdings herrscht hier die Meinung im Ministerium vor, dass die Verwendung von Folien nötig sei, um konkurrenzfähig zu Landwirten aus anderen Ländern zu bleiben. Man wolle daran arbeiten, die Folien mehrfach zu verwenden und im Anschluss zu recyclen.

Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie noch?

Aktuell gibt es bei diesem Thema keine großen Probleme. „Die Betriebe werden wie im vergangenen Jahr mit den Saisonarbeitskräften verfahren. Es bleibt bei Teams, beim Testen und hohen hygienischen Standards“, sagt Frank Saalfeld. Dessen Kollege aus Niedersachsen, Fred Eickhorst, schätzt die Lage ähnlich ein, warnt aber davor, die Pandemie zu locker zu sehen. „Wir können uns keine Quarantäne bei den Erntehelfern erlauben, das würde die Produktion flachlegen. Hygienekonzepte müssen umgesetzt werden.“ Insgesamt gehe man mit dem Problem Corona sehr konstruktiv um.

Worauf müssen sich Landwirte nach dieser Saison einstellen?

Die Kriegsfolgen sind noch längst nicht abzusehen, für die kommende Saison ist aber jetzt schon eines sicher: Die Spargelpreise dürften 2023 – auch unabhängig von Angebot und Nachfrage – steigen. Der Mindestlohn wird zur neuen Saison von 9,82 Euro auf 12 Euro erhöht. „Für einen Erzeuger mit beispielsweise 30 Hektar Spargelanbaufläche bedeutet dies höhere Lohnkosten von rund 72.000 Euro“, erklärt Simon Schumacher. „Politisch wurde unserer Forderung nach einer Übergangszeit oder sonstigen Abfederung bislang nicht entsprochen, obwohl an allen Ecken und Enden die Belastungen für die Betriebe wachsen.“
 
„Jedes Kilo Spargel muss nächstes Jahr mindestens ein Euro teurer sein“, sagt Fred Eickhorst. Frank Saalfeld rechnet sogar damit, dass einige Betriebe die Spargelproduktion einstellen werden und sich auf lukrativere Kulturen fokussieren, die weniger handarbeitsintensiv sind, wenn zusätzlich zu den Lohnkosten die Produktionskosten weiterhin so rasant ansteigen.
    stats