Fitness-Check

„Angst ist ein schlechter Wegbegleiter“


"Wir sollten weniger wettbewerbsorientiert, sondern mehr in Kooperationen denken und handeln", erklärt Markus Grimm, Vorstand der HaGe Kiel
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"Wir sollten weniger wettbewerbsorientiert, sondern mehr in Kooperationen denken und handeln", erklärt Markus Grimm, Vorstand der HaGe Kiel

HaGe-Kiel-Vorstand Markus Grimm über Schulterschlüsse, Wachstumsfantasien und die digitale Transformation.

Die alte Unterscheidung zwischen genossenschaftlichen und privaten Agrarhändlern ist heute nicht mehr zeitgemäß. Viel mehr sollten Händler gleich welcher ‚Couleur‘ in Kooperationen denken. Dieser Überzeugung ist Markus Grimm, Vorstand der HaGe Kiel. Das private Handelsunternehmen im Norden hat im „Fitness-Check“ der agrarzeitung (az) hoch gepunktet.

az: Herr Grimm, die HaGe Kiel ist eines der Unternehmen, das sich dem „Fitness-Check Agrarhandel“ der agrarzeitung gestellt hat. Als wir das erste Mal mit dem Thema auf Sie zukamen: Wie fanden Sie die Idee?

Grimm: Wir stellen uns jeden Tag dem Wettbewerb, deswegen haben wir auch hier nicht gezögert, dies öffentlich zu tun. Wir haben nichts zu verbergen.

Hat Sie an den Ergebnissen des Fitness-Checks irgendetwas überrascht?

Grimm: In den Bewertungen liegen die Agrarhandelsunternehmen mit 3 bis 4,5 Sternen in der Kategorie Ausgangslage, die ja auch die Finanzkennzahlen umfasst, relativ nah beieinander. Das heißt, wir schneiden in der Bewertung ähnlich ab, es gibt kein großes Gefälle. Das zeigt sich so auch im Tagesgeschäft.

In den Kategorien Ausgangslage und Strategie haben private Händler dennoch besser abgeschnitten als die Hauptgenossenschaften: Wie erklären Sie sich das?

Grimm: Ich halte die Unterscheidung zwischen Privaten und Genossenschaften für nicht mehr zeitgemäß. Wir sind alle Agrarhändler. Ich sehe das auch in unserer eigenen Kundenstruktur: Wir arbeiten sowohl mit privaten als auch mit genossenschaftlich organisierten Landwirten und Händlern zusammen. Es arbeitet also jeder mit dem, von dem er sich das beste Ergebnis der Zusammenarbeit verspricht, völlig ‚farbenneutral'´‘, wenn man es so nennen will. Ich persönlich bin an dem Punkt, an dem ich sage: Wir sollten dieses Lagerdenken zwischen Genossen und Privaten endlich über Bord werfen.

Wieso halten Sie das für wichtig?

Grimm: Wichtig ist dies, weil die Branche – und ich würde die Branche explizit weiter fassen als den Handel, nämlich als Branche vom Landwirt über den Landhandel bis hin zum vor- und nachgelagerten Bereich – vielfältige gemeinsame Herausforderungen zu bestehen hat.

„Wir zählen zu denjenigen, die noch wachsen können.“
Markus Grimm, HaGe-Kiel-Vorstand, 

Welche Herausforderungen sind das?

Grimm: Die Herausforderungen liegen vor allem im Bereich der öffentlichen, der politischen und gesellschaftlichen Meinungsbildung. Von daher gesehen betrachten wir es als dringend angeraten und kämpfen auch dafür, dass wir entlang der Wertschöpfungskette einen Schulterschluss hinbekommen. Für die Herausforderungen, die aus den Bereichen Politik, Gesetzgebung und Gesellschaft auf uns zukommen über Themen wie Glyphosat oder die Tierwohl-Debatte brauchen wir dringend einen Schulterschluss in der Branche, unabhängig von der Couleur.

Inwiefern betrachten Sie die Digitalisierung als Herausforderung für den Agrarhandel und die weitere Branche?

Grimm: Auch aufgrund der digitalen Transformation der Wirtschaft und unserer Branche sollten wir weniger wettbewerbsorientiert, sondern mehr in Kooperationen denken und handeln.

Die HaGe schneidet in unserem Fitness-Check generell sehr gut ab, aber in der Kategorie ‚Digitalisierungskonzept‘ rangieren Sie auf den hinteren Plätzen…

Grimm: Wir sind da Second Mover, wie Sie richtig feststellen, und gehen nicht proaktiv nach vorne. Von daher gesehen passt die vergleichsweise niedrigere Bewertung bei diesem Punkt. Wir beobachten die Entwicklung, fokussieren uns bei der Digitalisierung sehr stark auf die internen Prozesse sowie die Prozesse zu unseren Kunden und halten das für den richtigen Weg für unser Haus.

Sie haben also keine Angst, zu spät zu kommen?

Grimm: Nein, wir können nicht zu spät kommen, weil wir den Markt beobachten. Wir werden uns dann offensiv nach vorne wagen, wenn wir das Gefühl haben, es ist für uns und unsere Kunden der richtige Zeitpunkt. Außerdem haben wir im Jahr 2018 unser Kundenportal ‚live‘ genommen, in dem unser Kunde seine Geschäftsbeziehung mit uns jederzeit einsehen kann. Eine Futtermittelbestellung aus geschlossenen Futterkontrakten ist bereits implementiert und weitere Neuerungen, wie zum Beispiel eine Bestell-App, folgen im 1. Quartal 2019.

Ihr Mehrheitseigner, die dänische Genossenschaft DLG, kündigt größere Expansionsschritte in Deutschland bis 2021 an: Was erwartet uns da?

Grimm: Es mag ein wenig schizophren klingen, dass ein Unternehmen in einem vermeintlich stagnierenden oder sogar schrumpfenden Markt daherkommt und der Auffassung ist, Wachstum generieren zu können. Aber wir denken, dass unsere strategischen Ziele Marktführerschaft und Kostenführerschaft dafür sehr wohl geeignet sind. Wir sind davon überzeugt, dass wir bei dem Strukturwandel, den der Markt weiterhin erleben wird, zu denjenigen zählen werden, die noch wachsen können.

Sie bleiben also übrig. Wer bleibt auf der Strecke?

Grimm: Das ist reine Hypothese. Jeder hat seine eigenen Herausforderungen, wir kümmern uns um unsere. Wenn wir die morgen bewältigen, sind wir weiter dabei.

Sie sind ja schon dosiert im Agrarhandel im Süden Deutschlands unterwegs: Sehen wir da künftig mehr?

Grimm: Wir sehen immer dann mehr, wenn wir die richtigen Partner finden. So haben wir gerade die Übernahme der Agrarhandelsaktivitäten der Erich Löb GmbH durch unsere Tochter Busch Agrarhandel, die noch unter dem Zustimmungsvorbehalt des Bundeskartellamtes steht, bekannt gegeben.

Wo steht der Agrarhandel in Deutschland im Jahr 2025?

Grimm: Der Agrarhandel 2025 steht zwischen zwei Welten: Wir werden eine Kundenklientel haben, die weiterhin mit dem physischen Agrarhandel zusammenarbeiten wird, aber auch weitere Vertriebskanäle, ob nun marketplaces oder Online-Shops. Wir werden also einen Multichannel-Vertrieb vorfinden und der Agrarhandel wird zum Teil andere Funktionen besetzen als heute.

Manch ein Landwirt sieht den Strukturwandel durchaus positiv, weil die weniger leistungsfähigen Betriebe quasi aussortiert werden und die Profis überbleiben. Ist das so: Bringt der Strukturwandel einen professionelleren, anspruchsvolleren landwirtschaftlichen Kunden hervor?

Grimm: Der Strukturwandel ist schlussendlich immer das Ergebnis dessen, was der Verbraucher durch seine Zahlungsbereitschaft erhalten will. Was ich damit sagen möchte: Wenn wir uns dem Strukturwandel, wie wir ihn heute erleben, stellen, dann ist Effizienzsteigerung dringend erforderlich. Die Preiswürdigkeit der Produkte, die wir kaufen, hat einen extrem hohen Stellenwert. Und wenn sich das in Zukunft so fortsetzt, wird der Strukturwandel auch wettbewerbsfähigere Unternehmen hervorbringen – mal völlig losgelöst davon, ob man diese Entwicklung nun begrüßt oder nicht.

Haben Sie manchmal Angst davor, dass die großen Betriebsmittelhersteller die Handelsstufe künftig umgehen und direkt mit dem Landwirt Geschäfte machen?

Grimm: Angst ist ein schlechter Wegbegleiter.

Sie sehen also nicht die Gefahr, dass beispielsweise ein großer Bayer-Konzern, eine Syngenta oder eine BASF beschließen könnte: Wir brauchen den Landhandel nicht mehr, wir machen künftig unser Geschäft mit den Landwirten direkt…?

Grimm: Die Gefahr kann man natürlich sehen, aber trotzdem ist Angst ein schlechter Wegbegleiter. Ich glaube, dass wir als Landhandel deutlich kosteneffizienter arbeiten als andere Glieder der Wertschöpfungskette, und deswegen stellen wir uns als HaGe- Konzern auch diesem Wettbewerb und glauben, dass wir auch in Zukunft eine Rolle spielen werden.

Interview: Stefanie Pionke

Unter der Lupe

Wie sind die genossenschaftlichen und privaten Agrarhändler für den Strukturwandel und schärfer werdenden Wettbewerb gerüstet? Dieser Frage ist die agrarzeitung (az) nachgegangen und hat die fünf Hauptgenossenschaften sowie vier große private Handelsunternehmen im „Fitness-Check Agrarhandel“ in verschiedenen Kategorien analysiert und bewertet mit Sternen von „1 = schlecht“ bis „5 = sehr gut“. In den kommenden Ausgaben der agrarzeitung (az) beleuchtet die Redaktion weitere Fragen zur „Fitness“ des Agrarhandels. Auf das Interview mit HaGe-Vorstand Markus Grimm folgt ein Bericht darüber, wie Landwirte als Kunden den Strukturwandel im Handel erleben. Weitere Themen sind mächtige ausländische Investoren und deren Strategien am deutschen Markt sowie ein Praxisbeispiel zum Finden und Binden von Fachkräften.

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