Hat die Hauptgenossenschaft bei Eigenkontrollen die nötige Sorgfalt walten lassen? Das wollen jetzt die Düsseldorfer Behörden wissen.
Bild: Agravis
Hat die Hauptgenossenschaft bei Eigenkontrollen die nötige Sorgfalt walten lassen? Das wollen jetzt die Düsseldorfer Behörden wissen.

Die PCB-Belastungen in Futtermitteln aus dem Mindener Werk hängen nach amtlichen Untersuchungen mit dem Fall aus dem Jahr 2012 zusammen. Die Behörden prüfen, ob die Agravis ihre Eigenkontrollen gesetzeskonform durchgeführt hat und wollen Mischer generell unter die Lupe nehmen.

Die Funde von nicht-dioxinähnlichen PCB (ndl-PCB) in Futtermitteln aus dem Agravis Mischfutterwerk Ostwestfalen-Lippe in Minden werden politisch zunehmend brisanter. Ermittlungen des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) in Nordrhein-Westfalen haben Verbindungen zu Vorfällen am gleichen Standort im Jahr 2012 ergeben.
Unverzüglich meldet sich NRW-Agrarministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) zu Wort. „Die zuständigen Behörden prüfen jetzt, ob das Futtermittelunternehmen seiner gesetzlichen Verpflichtung zu Eigenkontrollen in den vergangenen Jahren ausreichend nachgekommen ist“, teilte Heinen-Esser am heutigen Mittwoch mit. Alle Futtermittelhersteller seien aufgefordert, „sicherzustellen, dass keine PCB-haltigen Anstriche in ihren Betrieben verwendet werden oder wurden. Wir werden die Betriebe in den kommenden Monaten inspizieren", kündigte die Ministerin an. Das Lanuv werde in einem Schwerpunkt-Monitoring Standorte von Mischfutterherstellern auf vergleichbare Beschichtungen in Lager- oder Silobehältern überprüfen. Insbesondere Anlagen älteren Datums sollen dabei im Fokus stehen. Gegebenenfalls sollen Proben von Mischfuttermitteln und von Oberflächenbeschichtungen genommen werden.

Behörden um eigene Schadensbegrenzung bemüht

Bereits im Jahr 2012 wurden bei amtlichen Futtermittelkontrollen durch das Lanuv am Agravis-Standort in Minden erhöhte PCB-Werte in Mischfuttermitteln festgestellt. Quelle der Verunreinigung war seinerzeit eine beschichtete Oberfläche der Abfülleinrichtung für die Futtermittelsäcke. Die Anlage wurde durch das Lanuv gesperrt und vom Unternehmen saniert. Weitere Untersuchungen durch die Behörde in den darauf folgenden Jahren ließen keine Rückschlüsse auf weitere Kontaminationsquellen erkennen, zeigt man sich im Düsseldorfer Ministerium um eigene Schadensbegrenzung bemüht.

Baugleiche Silos vorläufig gesperrt

"Wir arbeiten daran, die genaue Ursache weiter einzugrenzen", erklärt ein Agravis-Sprecher zu den Vorfällen am Rande einer Werksbesichtigung anlässlich 100. Geburtstages des Deutschen Verbandes Tiernahrung in der Agravis-Zentrale in Münster. Alle baugleichen Silos seien vorläufig gesperrt. Der nicht gesperrte Teil des Werkes produziere unter Höchstlast weiter, um die Kunden beliefern zu können. Ein Teil der Produktion sei in andere Werke verlagert worden. Die Agravis bedauere die eingetretene Situation und bitte alle Betroffenen um Entschuldigung. 

Der Geschäftsführer des Deutschen Verbandes Tiernahrung (DVT), Hermann-Josef Baaken, erklärt dazu, dass in den vergangenen 10 Jahren 24.600 Proben aus Mischfutterwerken auf PCB untersucht worden seien. In nur einem Fall habe es eine Grenzwertüberschreitung gegeben. Der DVT hatte seine Mitglieder über die aktuelle Entwicklung bei der Agravis informiert. "Damit jeder überprüfen kann, ob er betroffen sein könnte. Bisher gibt es dafür keine Hinweise", sagt Baaken.

Identische Struktur
Die aktuellen Analysen der amtlichen Proben zeigen dasselbe für PCB-Verunreinigungen charakteristische „Kongeneren-Muster“ aus Oberflächenbeschichtungen, das auch schon 2012 nachgewiesen worden war. „Die PCB-Belastung rührt mit hoher Wahrscheinlichkeit vom dem alten Innenanstrich der Silo-Zellen her, der aus den 1960er Jahren stammt“, teilt das Düsseldorfer Ministerium mit. Aufgrund der Toxizität sei die Verwendung von PCB bereits seit Ende der 1980er Jahre verboten.

Düsseldorf bittet Behörden anderer Länder um Amtshilfe

Im aktuellen Fall sind Silos betroffen, aus denen die Mischfutter in die Transportfahrzeuge geladen werden. Am Standort in Minden nutzt die Agravis insgesamt 35 dieser Silo-Zellen. Da von diesen Zellen teilweise auch Lieferungen in andere Bundesländer gegangen sind, wurden die zuständigen Behörden der anderen Länder nach Angaben aus Düsseldorf um Amtshilfe gebeten. Dort wird in den belieferten landwirtschaftlichen Betrieben nach Restbeständen für eine Probe gesucht. Einzelne letzte Ergebnisse werden deshalb in dieser Woche erwartet.

In Nordrhein-Westfalen unterliegen aktuell noch 44 landwirtschaftliche Betriebe behördlichen Maßnahmen, weil sie Futtermittel mit überhöhten Gehalten an ndl-PCB erhalten haben. Betroffen seien Halter von Legehennen, Masthähnchen und Puten sowie vereinzelt auch Betriebe mit Schweine-, Pferde- und Rinderhaltung. Futtermittellieferungen sind auch in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Hessen gegangen. Zwischenzeitlich waren mehrere Dutzend Unternehmen von Sperrungen betroffen. Eine Reihe von Betrieben konnte bereits wieder freigegeben werden, heißt es am Mittwoch aus NRW. Untersuchungen der Eier und der Schlachtkörper hätten gezeigt, dass diese nicht mit PCB oberhalb der Höchstwerte belastet seien.

Bei der Bearbeitung des Geschehens habe es oberste Priorität, dass Lebensmittel und Futtermittel nicht in den Handel gelangen, sofern Höchstgehalte überschritten werden, skizzieren die Behörden das weitere Vorgehen. Eine „akute Gesundheitsgefahr“ habe nach „bisherigen Erkenntnissen zu keiner Zeit bestanden“.

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  1. Helmut Aniol
    Erstellt 5. Dezember 2018 17:54 | Permanent-Link

    Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr,
    wie leider immer in Fällen von geringen bis geringsten Belastungen agieren die Behörden zunächst behäbig, dann intensiv; schnell nehmen die Äußerungen politische Töne an.
    Wir wissen als Branche wie empfindlich der Verbraucher und 'seine Behörden' auf jede Kleinigkeit in Futtermitteln reagiert.
    Ohne bei der Agravis Details zu kennen, sind m.E. die Eigenkontrollen und Audits 'sehr weich'. Keiner will das Wort Kontrolle benutzen, keiner will deutlich werden, dass Missstände da sind. Anstriche, die irgendwann blank laufen sind in dem Sinne CCP. Ich empfehle immer wieder 'sehr harte' Eigenaudits mit allen Eventualitäten, man muss sehr praxiserfahren und problemorientiert denken und kontrollieren. Die Branche kann sich diese jetzige Presse nicht leisten.
    Hinsichtlich Agravis habe ich mit meiner Erfahrung diese Hilfe - bisher ohne Antwort - angeboten.

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