Grimme Landtechnik

Rote Roder erobern Chinas Felder


Der Kartoffelanbau ist im Reich der Mitte noch nicht vollständig mechanisiert und bietet deshalb für Grimme ein großes Absatzpotenzial.
Grimme
Der Kartoffelanbau ist im Reich der Mitte noch nicht vollständig mechanisiert und bietet deshalb für Grimme ein großes Absatzpotenzial.

Wenn in diesem Herbst im Nordosten Chinas die Kartoffelernte beginnt, werden wieder ein paar mehr der roten Roder von Grimme über die Felder rollen als im vergangenen Jahr.

Der Weltmarktführer aus Damme hat den chinesischen Markt fest in den Blick genommen und hofft, dort langfristig eine feste Größe zu werden. Für den Aufbau des neuen Tochterunternehmens ist ein 28-jähriger Wirtschaftsingenieur aus Niedersachsen verantwortlich: Christoph Grimme, ältester Sohn von Franz Grimme, der seit mehr als 35 Jahren die Geschicke des Unternehmens leitet.

Vom Reich der Mitte fasziniert

Nach einem Dualen Bachelor-Studium, fünf Jahren bei Claas und einem Master-Studium an der TU Hamburg kehrte der Sohn Anfang 2016 wieder in den elterlichen Betrieb zurück und musste schon bald die Verantwortung für das China-Engagement übernehmen. Sein Vater ist seit Jahren von China fasziniert. Bei Reisen ins Land beeindruckten ihn die Dynamik und die Schnelligkeit, in der sich die Wirtschaft dort entwickelt.

China ist mit einer Anbaufläche von rund 5 Millionen Hektar der größte Kartoffelproduzent der Welt und deshalb für ein weltweit tätiges Unternehmen wie Grimme ein logischer Markt. Seit 2001 werden Maschinen nach China exportiert. Erste Überlegungen, mit einem chinesischen Partner in einem Joint Venture zusammenzuarbeiten, zerschlugen sich vor einigen Jahren. Schließlich wurde ein eigenes Tochterunternehmen gegründet. Die Geschäfte führt ein Niederländer, der seit vielen Jahren in China lebt und die Verhältnisse vor Ort gut kennt. Die Gesamtverantwortung für das Projekt und vor allem für die Zusammenarbeit mit dem Stammsitz in Damme trägt Christoph Grimme. Jeden Monat fliegt er mindestens einmal nach China. Schnell hat er gelernt, dass für den Erfolg des Projekts Offenheit für die chinesische Kultur entscheidend ist. „Man muss die chinesische Mentalität verstehen”, erzählt Christoph Grimme. So könnten Vorschläge zur Optimierung der Kartoffelproduktion von den Landwirten schnell als anmaßende Kritik missverstanden werden.

Völlig neue Konzepte muss Grimme beim Vertrieb entwickeln. Viele chinesische Landmaschinenhändler sehen sich vor allem als Vermarkter von Schleppern. Den Verkauf von Anbaugeräten verstehen sie eher als Nebengeschäft und zusätzlichen Service. Deshalb werden bei den Händlern oft alle Marken angeboten. Exklusive Partnerschaften sind dagegen selten. Will man in China Maschinen verkaufen, reiche es deshalb nicht aus, ein Händlernetz aufzubauen, erzählt Christoph Grimme. Den meisten Händlern ist es egal, ob sie dem Landwirt eine Grimme-Maschine oder die eines chinesischen Herstellers verkaufen, hat er festgestellt. Für das Marketing bedeute das: „Wir müssen uns direkt an den Landwirt wenden.”

Die potenzielle Kundschaft sieht Christoph Grimme dreigeteilt. „Eine noch relativ kleine Anzahl von Großbetrieben arbeitet hochprofessionell mit modernster Technik, und hier haben wir exklusive Händler, die Grimme-Premium-Partner”, sagt er. Diese Betriebe sieht Grimme als Kunden für die großen Kartoffelerntemaschinen, für Legetechnik sowie für Technik zum Ein- und Auslagern der Kartoffeln. Viele dieser Agrarbetriebe produzieren Verarbeitungskartoffeln für die Chips- oder Pommes-Herstellung und müssen deshalb hohe Qualitätsanforderungen erfüllen.

Viele heimische Mitbewerber

Unterhalb dieser Spitzenbetriebe gibt es ein breites mittleres Segment mit einem Flächenanteil von 1,7 bis 2 Millionen Hektar. Diese Landwirte setzen bisher vor allem chinesische Technik ein, die von einer Vielzahl von Herstellern angeboten wird. Von den einheimischen Mitbewerbern spricht Christoph Grimme mit Respekt. Zwar ärgert er sich auch über Plagiate und Nachbauten. Aber manchmal würden die chinesischen Ingenieure beim Kopieren sogar kleine Verbesserungen an den Grimme-Maschinen vornehmen, erzählt er mit einem Schmunzeln.

Seit den ersten Exporten vor 15 Jahren habe man auf dem chinesischen Markt einige Erfahrungen machen können, ergänzt sein Vater. Schnell stellte sich heraus, dass die Maschinenkäufer dort anspruchsvolle Kunden sind. Mit technisch abgespeckten Maschinenversionen könne in China auch der Unmut der Kunden hervorrufen werden. So wurde einmal an einer Legemaschine die hydraulische Steuerung des Furchenziehers durch einen Seilzug ersetzt, was bei den Kunden nicht gut angekommen sei. Neben den bereits mechanisierten Betrieben gibt es noch eine große Anzahl von Kleinbauern, die auf insgesamt rund 2,5 Millionen Hektar Kartoffeln anbauen und mit Hacke und Forke arbeiten. In den kommenden Jahren erwartet Christoph Grimme hier einen Strukturwandel und ein größeres Interesse an einer Mechanisierung. Auch für diese Landwirte soll in Zukunft in China produziert werden.

Investition in neues Werk

120 Kilometer südöstlich von Peking hat Grimme 13 Millionen Euro in ein neues Werk investiert, in dem Maschinen für den chinesischen Markt produziert werden. Die Bauteile kauft Grimme im Wesentlichen bei chinesischen Unternehmen, einige Komponenten kommen aus dem Stammwerk in Damme. Die Pläne für die Maschinen liefern bisher noch die Konstrukteure in Damme. „Wir stellen in China Maschinen für den dortigen Markt her und müssen deshalb die Wünsche unserer chinesischen Kunden berücksichtigen”, betont Christoph Grimme. Eine seiner wichtigsten Aufgaben sieht er deshalb darin, die Kommunikation zwischen Peking und Damme zu verbessern. Anregungen sollen schneller umgesetzt werden und das gegenseitige Verständnis wachsen. High-Tech-Maschinen werden weiter in Deutschland produziert und nach China exportiert.


„Beim Aufbau der Produktion in China helfen uns die Erfahrungen mit unserer Tochter Spudnik”, ergänzt Franz Grimme. Spudnik ist mit einem Anteil von mehr als 50 Prozent Kartoffeltechnik-Marktführer in den USA und wurde im Jahr 2003 von Grimme übernommen. Das Maschinen-Programm von Spudnik wurde seitdem komplett überarbeitet, unterscheidet sich aber weiterhin stark von den für den europäischen Markt entwickelten Produkten. Riesige zwölfreihige Legemaschinen und vierreihige Erntemaschinen gehören zum Spudnik-Programm. Weil der Straßentransport großer Maschinen in den USA erlaubt ist, fahren dort mehr als sechs Meter breite vierreihige Roder über die Felder und Straßen. „Nach einigen Jahren der sehr intensiven Zusammenarbeit wird Spudnik inzwischen eine große Selbstständigkeit eingeräumt”, berichtet Franz Grimme.

Hoch interessant bleibt für Grimme auch der russische Markt – trotz der aktuellen politischen Probleme. Seit acht Jahren montiert die Firma 200 Kilometer südwestlich von Moskau in Kaluga Maschinen. Doch niedrige Kartoffelpreise, die Wirtschaftskrise und der Wertverfall des Rubels haben das Geschäft zuletzt belastet. Franz Grimme hofft, dass sich die politischen Beziehungen zu Russland bald normalisieren und es dann auch wirtschaftlich wieder aufwärts geht. Der Status eines „vaterländischen Herstellers” werde kurzfristig nicht angestrebt. „Aber auf Dauer müssen wir da ran”, ist sich Franz Grimme sicher. Haupthindernis sei bisher die oft unzureichende Qualität von in Russland produzierten Bauteilen. Gute und verlässliche Zulieferer zu finden, sei deshalb eine große Herausforderung.
Familienunternehmen mit langer Tradition

Das 1861 gegründete Familienunternehmen Grimme aus Damme in Niedersachsen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen und mittlerweile in 120 Ländern weltweit aktiv. Zwölf Vertriebs- und Servicegesellschaften sowie die Firmen Spudnik (USA), ASA-LIFT (Gemüse/Dänemark), Kleine (Zuckerrüben/Salzkotten) und Internorm Kunststofftechnik zählen neben der Landmaschinenfabrik zur Grimme-Gruppe. Insgesamt sind über 2 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Firmengruppe beschäftigt, davon etwa 1 500 in Deutschland.

Die Grimme-Technik wird an zwei Produktionsstandorten in Niedersachsen gefertigt. Im Stammwerk Damme werden alle Maschinen bis auf Selbstfahrer produziert. Im 12 Kilometer entfernten Rieste ist 2012 auf einem 24 Hektar großen Areal ein neues Werk eröffnet worden, in dem alle Selbstfahrer sowie Sieb- und Förderbänder hergestellt werden.

Grimme ist Weltmarktführer für Kartoffeltechnik und produziert Maschinen für den gesamten Kartoffelanbau von der Bodenbearbeitung bis zur Lagerung der Knollen. Jährlich stellt die Firma rund 5 000 Kartoffelmaschinen her, über 80 Prozent davon gehen ins Ausland. In den vergangenen Jahren verstärkte das Unternehmen sein Engagement in den Segmenten Zuckerrübe und Gemüse. Im Jahr 2012 übernahm die Grimme-Gruppe den Rübentechnikhersteller Kleine aus Salzkotten (Westfalen), ein Jahr später die Mehrheit an dem dänischen Gemüsetechnikhersteller ASA-LIFT. Durch die Akquisitionen und organisches Wachstum hat sich der Umsatz in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Im Jahr 2015 erzielte die Gruppe einen Umsatz von 355 Millionen Euro.


Neben Europa, Russland, China und den USA blickt Grimme mit einem Auge auch schon auf den indischen Markt. „Irgendwann müssen wir auch dort vor Ort sein”, meint Franz Grimme. Denn dann wäre der Weltmarktführer in allen wichtigen Kartoffelanbaugebieten vertreten. Aktuell seien direkte Investitionen in Indien aber kein Thema, bremst Sohn Christoph.

„Ob Russland, China, Indien oder die USA – eines haben alle Exportmärkte gemeinsam”, stellt Franz Grimme fest. Wer erfolgreich sein will, müsse die Mentalität der Menschen verstehen und sich darauf einstellen. Dabei sei Geduld gefragt. Der Traum von Franz Grimme ist, dass sich die Töchter als weitgehend autark operierende Unternehmen in ihren Märkten etablieren.

Seine beiden Söhne Christoph und Phillip sollen diesen Traum verwirklichen und das Unternehmen in der 5. Generation weiterführen. Der 26-jährige Phillip sammelt zurzeit beim Landtechnikkonzern Agco im südlichen Afrika internationale Erfahrungen. Geplant ist, dass er in drei Jahren in den elterlichen Betrieb zurückkehrt.

Väterliche Präsenz zahlt sich aus

An seinen ältesten Sohn Christoph hat Franz Grimme bereits einen Teil der Verantwortung abgegeben. In der Geschäftsführung der Grimme Landmaschinenfabrik hat der Vater den Platz für seinen Sohn frei gemacht. Als geschäftsführender Gesellschafter der Grimme-Gruppe wird ihm Vater Franz dabei über die Schulter schauen und auch den einen oder anderen Ratschlag geben. „Ob er den Rat dann annimmt, ist seine Sache”, fügt Franz Grimme hinzu und blickt schelmisch lächelnd zu seinem Sohn.

In die Lage seines Sohnes kann sich der Vater gut hineinversetzen, denn er war in einer ähnlichen Situation. „Mein Vater ist 84 Jahre alt geworden und war bis zum Schluss fast jeden Tag im Werk”, erinnert er sich. Geschadet hat die väterliche Präsenz der Firma offenbar nicht, denn Grimme hat eine kaum für möglich gehaltene Entwicklung genommen. Franz Grimme ist froh, dass er mit 70 Jahren nun etwas kürzer treten kann. Er verbringt weniger Zeit im Büro, besucht Kunden, um zu hören, welche Wünsche und Ansprüche sie haben. Wenn die Sonne scheint und der Terminkalender es zulässt, zieht er sich die Gummistiefel über und fährt in sein Jagdrevier. Bei den Spaziergängen im Moor zwischen Damme und dem Dümmer See hat er einen weiten Blick über das Norddeutsche Tiefland. Sein Blick auf das Unternehmen sei in den vergangenen Jahren eher enger als weiter geworden, gibt er zu. Auch deshalb ist er froh, dass seine Söhne den Staffelstab übernehmen.

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