Grüne Woche

Tierzucht ohne Antibiotika wird nachgefragt


Treiben das Programm ohne Antibiotika voran: Hans-Ewald Reinert (links) und Thomas Skouv Hansen (Danish Crown).
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Treiben das Programm ohne Antibiotika voran: Hans-Ewald Reinert (links) und Thomas Skouv Hansen (Danish Crown).

Zur Grünen Woche 2018 hatte Hans-Ewald Reinert mit seiner Idee für Wurst mit Fleisch aus antibiotikafreier Aufzucht für ein großes Raunen in der Branche gesorgt. An selber Stelle zog er heute ein erstes Zwischenfazit.

Knapp ein halbes Jahr nach der Markteinführung habe die neue Marke "Herzenssache" aus der Privatfleischerei in Versmold eine breite Verfügbarkeit im Handel erreicht und werde vor allem von jungen Verbrauchern stark nachgefragt, berichtet Reinert bei einer Pressekonferenz zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin. „Die Zahlen und die Reaktionen machen deutlich, dass die Verbraucher eine Alternative zu konventionellen Produkten wollen und gegenüber dem Problem des hohen Antibiotikaeinsatzes zunehmend sensibel sind", unterstreicht der Unternehmer.

Das zeige auch die Marktforschung. Mehr als 80 Prozent der Bürger haben Angst vor Antibiotikaresistenzen, das habe schon im vergangenen Jahr eine repräsentative Befragung gezeigt. Eine erneute Umfrage ergab, dass zwei Drittel der Deutschen sich nur unzureichend gegen diese Gefahr geschützt fühlen. Im Kampf gegen Multiresistenzen sehe die deutliche Mehrheit (89 Prozent) die Lebensmittelproduzenten in der Verantwortung, gefolgt von der Politik (86 Prozent) und der Landwirtschaft (84 Prozent).

Der Anfang ist gemacht

"Wir werden als Unternehmen nicht die Welt retten", das ist dem Unternehmer aus Versmold durchaus klar. Es gehe aber darum einen Anfang zu machen. Viele Themen rund um Lebensmittel verunsicherten die Verbraucher. "Wir Hersteller müssen Themen bringen, die nach vorn zeigen", das wertet Reinert als richtige Antwort.

Die Dringlichkeit des Handelns unterstreicht Prof. Dr. Werner Solbach vom Zentrum für Infektiologie und Entzündungsforschung an der Uni zu Lübeck. Patienten mit Infektionen stünden immer öfter mit dem Rücken zur Wand: Kein Antibiotikum hilft mehr. "Das ist ein zunehmendes gesellschaftliches Problem", findet der Humanmediziner, "nicht nur in der Klinik. Das betrifft uns alle." Solbach beschreibt die Besiedelung von Mensch und Tier mit den verschiedensten Keimen, guten und schlechten, wie ein sensibles, aber ausgeglichenes Ökosystem. Das Problem mit den Antibiotika bringt er daher wie folgt auf den Punkt: "Je weniger wir verwenden, desto weniger stören wir das Ökosystem, desto besser für Mensch und Tier."

Multiresistente Keime: Verbraucher sehen Lebensmittelhersteller in der Pflicht.
Bild: Reinert
Multiresistente Keime: Verbraucher sehen Lebensmittelhersteller in der Pflicht.

Programm wächst

Partner und Fleischlieferant für die Produkte der Linie Herzenssache ist der dänische Schlachtkonzern Danish Crown. Das GOA-Programm (gezüchtet ohne Antibiotika) basiert auf einem Projekt mit vielen Partnern: Politik, Wissenschaft, Landwirtschaft und Schlachtstufe. Im Lauf der letzten Jahre ist die Produktion von GOA-Fleisch in Dänemark stetig gestiegen und lag 2018 bei 285.000 Schweinen. 2019 werden weitere Landwirte ins Programm aufgenommen und die Mengenkapazität dadurch kontinuierlich erweitert. Hansen rechnet bis Ende des Jahres mit 400.000 geschlachteten GOA-Schweinen.

Damit kann auch Reinert seine Produktlinie ausweiten: Rohschinken und Bratwurst der Marke "Herzenssache" stehen vor der Markteinführung. Seit dem Start der Produktlinie im Juli 2018 hat der Westfälische Wursthersteller etwa zwei Millionen Packungen aus der antibiotikafreien Linie im deutschen LEH abgesetzt. Das Thema komme bei den Händlern gut an, sagt Reinert.

Die Entwicklung hin zu einer verträglichen Schweinefleischerzeugung in Deutschland sieht Hans-Ewald Reinert ein bisschen so wie die Abkehr vom Verbrennnungs- hin zum Elektromotor: Es wird langsam gehen, aber das Neue wird sich durchsetzen. Zum Wohl von Mensch und Tier.

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