Harter Brexit

Worst Case bedeutet Zollaufwand


Finden die EU und das Vereinigte Königreich beim Brexit schlecht zueinander, erhält die Insel Drittland-Status. Für die Agrarwirtschaft der schlechtmöglichste Ausgang.

In den Verhandlungen um den Austritt des Vereinigten Königreichs (VK) aus der EU wird mit härteren Bandagen gekämpft. Die EU-Kommission hat jüngst verschiedene Szenarien zum Brexit erarbeitet. Sie fordert Unternehmen auf, sich auf das Szenario „harter Brexit“ vorzubereiten, in dem das VK zum Drittland würde und somit auch im Handel wie ein Partner außerhalb der EU behandelt würde. 

In der deutschen Agrarwirtschaft ist das ein Szenario, das den Verantwortlichen Sorgenfalten auf die Stirn treibt. „Würde das Vereinigte Königreich formal zum Drittland, wäre das für unsere Mitgliedsunternehmen das schlechteste Ergebnis der Brexit-Verhandlungen und hätte schwerwiegende Auswirkungen auf die künftigen Handelsbeziehungen mit der EU zur Folge“, schätzt Dr. Hennig Ehlers, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV), die Lage auf Anfrage von agrarzeitung.de ein.

Denn: Großbritannien sei nach den Niederlanden, Frankreich und Italien der viertwichtigste Exportmarkt für deutsche Agrarprodukte, erläutert Ehlers. Sieben Prozent der Exporte in diesem Bereich gingen im Jahr 2016 dorthin. Das entspricht Waren im Wert von etwa 4,7 Mrd. €. Gleichzeitig wurden Güter im Wert von circa 1,64 Mrd. €  importiert.

Nicht-tarifäre Handelskosten auch bei weichem Brexit hoch

Daher hofft der DRV darauf, dass im Zuge der weiteren Verhandlungen „dauerhafte Zölle und Bürokratie für Agrarexporte verhindert werden.“ Sollte das Vereinigte Königreich formal zu einem Drittland und kein geeignetes bilaterales Handelsabkommen mit der EU abgeschlossen werden, würde auf die DRV- Mitgliedsunternehmen erheblicher Mehraufwand bei Zoll und Administration zukommen, sagt Ehlers. „Schon im Falle eines weichen Brexits ist davon auszugehen, dass die nicht-tarifären Handelskosten für alle gehandelten Güter um 10 Prozent ansteigen“, fügt der DRV-Hauptgeschäftsführer hinzu.

Der DRV analysiert weiter, dass vor allem die Sektoren Fleisch, Milch und Wein stark von diesem Szenario betroffen wären. Die Getreidewirtschaft dagegen hätte vergleichsweise kleine Verluste zu beklagen.

Knackpunkt Sommerbraugerste

Die Auswirkungen eines „harten Brexit“ auf den Getreide- und Ölsaatenhandel schätzt auch die Raiffeisen Waren-Zentrale (RWZ) in Köln gering ein, verweist aber gegenüber der az auf die „sekundären Auswirkungen“: In normalen Erntejahren würde das Vereinigte Königreich rund 250.000 t Sommerbraugerste in andere EU-Mitgliedstaaten exportieren, was im „worst case“ harter Brexit „so nicht mehr möglich wäre“. In der Konsequenz würde der Malzindustrie in Benelux und an der Rheinschiene „eine wichtige Rohwaren-Alternative“ fehlen, heißt es bei der RWZ.

Die Baywa AG in München zeigt sich zuversichtlich, durch ihre globale Aufstellung und den „Zugang zu internationalen Beschaffungsmärkten“ Getreide und Futtermittel-Rohstoffe, die die Baywa-Tochtergesellschaft Ceftra Ltd. mit Sitz in Glasgow derzeit aus der EU in das Vereinigte Königreich einführt, durch Importe aus anderen Ländern ersetzen zu können oder, „da Cefetra vor Ort ist, auch durch die Beschaffung aus heimischer Produktion“.

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