Studie

Zugpferd Tönnies sucht den Dialog

Die Dimensionen der Fleischverarbeitung in Rheda werden in der Gesellschaft zunehmend kritisch gesehen. Tönnies verweist nun auf die wirtschaftlichen Vorteile für die Region.
IMAGO / Kirchner-Media
Die Dimensionen der Fleischverarbeitung in Rheda werden in der Gesellschaft zunehmend kritisch gesehen. Tönnies verweist nun auf die wirtschaftlichen Vorteile für die Region.

Mit Zahlen zur wirtschaftlichen Bedeutung will der Fleischkonzern in der Heimatregion Ostwestfalen das angekratzte Image aufpolieren.

In der ersten Coronawelle im Sommer 2020 prasselte auf den Fleischkonzern Tönnies von allen Seiten Kritik ein. Zeitweilig habe er sich „wie der Erfinder von Covid-19“ gefühlt, bekannte Unternehmenschef Clemens Tönnies im Herbst beim Deutschen Fleisch Kongress der dfv Mediengruppe. Der heftige Gegenwind  - auch aus der von der CDU geprägten Kommunalpolitik - hatte die Konzernführung so stark beunruhigt, dass bei Prof. Manfred Schwaiger von der Fakultät für Betriebswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) eine Studie zum Nutzen und den Lasten des Unternehmens in Ostwestfalen in Auftrag gegeben wurde.

Bei der Vorstellung der Ergebnisse stellte Schwaiger fest, dass die Nahrungs- und Futtermittelindustrie die umsatzstärkste Branche in der Region Ostwestfalen ist. Mit einem Anteil von rund 40 Prozent entfalle auf die Unternehmensgruppe Tönnies der größte Anteil daran. „Tönnies ist das Zugpferd“, sagt Schwaiger. Das Unternehmen leiste in Ostwestfalen mit 7.148 Mitarbeitern einen jährlichen Wertschöpfungsbeitrag von 520,6 Mio. Euro, das seien 72.825 Euro pro Beschäftigtem. Aus diesem Betrag würden unter anderem 227,5 Mio. Euro Löhne und Gehälter bezahlt, aber auch Investitionen, Zinsen und Steuern finanziert. Der dadurch für die Region Ostwestfalen generierte Nutzen liegt laut Studie bei mindestens 325 Mio. Euro und könnte bis zu 626 Mio. Euro erreichen.
 
„Tönnies trägt erheblich zum Wohlstand der Region Ostwestfalen bei.“
Prof. Manfred Schwaiger, 

In einigen Punkten bleibt die Studie vage. So wird anhand von Branchendaten nur geschätzt, wie viel Gewerbesteuer Tönnies zahlt (12,3 Mio. Euro), weil den Wissenschaftlern ein Einblick in die Unternehmensbilanzen verwehrt wurde. Nicht beziffert ist auch, wie viel Geld durch Überweisungen der ausländischen Mitarbeiter in ihre Heimatländer abfließt. Dennoch zeigt die Untersuchung nachvollziehbar, dass die Region von Tönnies wirtschaftlich profitiert. Konzernchef Clemens Tönnies hoffe, anhand der Zahlen die Diskussion auf den „Boden der Tatsachen“ zurückführen zu können, sagte Unternehmenssprecher André Vielstädte. In der Hoffnung wieder ins Gespräch zu kommen, sei die Studie an die Stakeholder in der Region verschickt worden.

Die Untersuchung listet auch die durch Tönnies verursachten Belastungen der Allgemeinheit auf. Die entsprechenden Zahlen lieferten Kommunen, der Landkreis und andere regionale Stakeholder. Daraus ergeben sich einmalige Lasten von 5,5 Mio. Euro, unter anderem aus steuerfinanzierten Sprachkursen für ausländische Beschäftigte. Die jährlich wiederkehrenden Belastungen liegen bei einer Million Euro. Darin sind zum Beispiel Kosten für die Wohnraumkontrollen durch den Kreis Gütersloh enthalten.

Die Studie berücksichtigt bei den Belastungen auch die durchschnittlichen Kosten, die der Staat je Bürger aufwendet. Sie liegen im Bundesdurchschnitt bei 32.200 Euro. Selbst wenn man sämtliche Forderungen einschließlich der Einmallasten auf die Tönnies-Beschäftigten umlegt, müssten zu diesem Betrag nur rund 710 Euro addiert werden. Den insgesamt rund 33.000 Euro „Bedarf“ stünde dann eine jährliche Pro-Kopf-Wertschöpfung von 72.825 Euro gegenüber.

„Per Saldo leistet die Unternehmensgruppe Tönnies einen beachtlichen positiven Beitrag für die Region Ostwestfalen“, fasst Prof. Dr. Manfred Schwaiger der LMU München die Ergebnisse zusammen. Für den Kreis Gütersloh würde ohne Tönnies beispielsweise der Kaufkraftindex von 103,4 auf 97,2 und damit deutlich unter den Bundesdurchschnitt von 100 fallen.

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Dieser Text erschien zuerst auf www.fleischwirtschaft.de.

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