Interview mit Alexis von Rhade

„Die Sorte muss liefern“

Auf Vielfalt in der Züchterlandschaft schwört Alexis von Rhade, Geschäftsführung Nordsaat-Unternehmensgruppe.
Foto: Nordsaat
Auf Vielfalt in der Züchterlandschaft schwört Alexis von Rhade, Geschäftsführung Nordsaat-Unternehmensgruppe.

Getreidezüchter können dazu beitragen, den Aufwand im Pflanzenschutz und in der Düngung zu senken. Alexis von Rhade nimmt dafür allerdings Landwirte, Handel und Politik mit in die Pflicht.

agrarzeitung: Die deutsche Winterweizenfläche nimmt in der Tendenz ab. Beunruhigt Sie das?

Alexis von Rhade: Gar nicht. Vielmehr kehrt der Anbauumfang zu einem normalen Maß zurück. Zuvor war der Weizen in Regionen vorgedrungen, wo er eigentlich nicht richtig hinpasst. Außerdem stand er oft in der Fruchtfolge zu eng. Den dadurch entstandenen pflanzenbaulichen Stress glichen die Landwirte mit Reparatur durch Pflanzenschutz und Düngung aus. Doch das ist immer weniger möglich. Außerdem werden die Fruchtfolgen vielfältiger. All das ist positiv zu bewerten.
Person und Unternehmen
Alexis von Rhade (33) bildet zusammen mit seinem Vater Wolf von Rhade und seinem Onkel Claus-Henning von Rhade die Geschäftsführung der Nordsaat-Unternehmensgruppe, die rund 110 Mitarbeiter in der Züchtung, Landwirtschaft und Saatgutvermehrung beschäftigt. Die Züchtungsaktivitäten umfassen Winterweizen und Hybridweizen, Triticale, Winter- und Sommergerste sowie Hafer. Zum Unternehmen gehören die drei Zuchtstationen Böhnshausen im Vorharz (Sachsen-Anhalt), Granskevitz auf der Insel Rügen (Mecklenburg-Vorpommern) und Gudow (Schleswig-Holstein). Die Nordsaat ist zusammen mit sechs weiteren mittelständischen Pflanzenzüchtern Gesellschafter der Saaten-Union, die den Sortenvertrieb organisiert und die Auslandsaktivitäten koordiniert.

Welchen Beitrag kann die Pflanzenzüchtung leisten, damit Landwirte den Aufwand im Pflanzenschutz senken können?

Wir erleben hier einen Paradigmenwechsel. Bisher wurden Anbauverfahren anhand der möglichen Pflanzenschutz- und Düngemaßnahmen optimiert. Die gewünschte Sorte wurde dann am Ende integriert. Heute ist es genau umgekehrt. Die Sorte muss liefern. Ich bin überzeugt, dass die Pflanzenzüchtung solche Lösungen parat hat. Doch ich mache zwei Einschränkungen. Zum einen gibt es neue Sorten nicht über Nacht, Getreidezüchter arbeiten in Zehnjahreszyklen. Doch glücklicherweise starten wir nicht bei null. Zum anderen müssen die Landwirte mitziehen. Sehr gesunde Sorten sind häufig etwas ertragsschwächer, und deswegen darf bei der Sortenwahl nicht mehr allein die Ertragseinstufung an erster Stelle stehen. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass sich gesunde Sorten durchsetzen.

Ein weiteres Thema ist die Düngeverordnung. Landwirte klagen, dass sie mit den reduzierten Stickstoffmengen kaum noch Qualitätsweizen erzeugen können.

Der Zusammenhang stimmt so nicht mehr. Es gibt zahlreiche neuere Weizensorten, die bei einem schwächeren Proteingehalt hervorragende Backqualitäten liefern. Dem trägt auch das Bundessortenamt Rechnung, das seit zwei Jahren nicht mehr den Rohproteingehalt für die Einstufung der Backqualität berücksichtigt.

Der Agrarhandel zahlt aber weiterhin nach Protein, vor allem in Überschussregionen, wo ein Teil des Weizens in den Export geht.

Hier steht die aufnehmende Hand in der Bringschuld, Lösungen zu finden, um Landwirte für ihre tatsächlichen Qualitäten zu entlohnen. Es geht doch nur ein Teil der deutschen Ernte in den Export. Mit dem Weizen, der hier bleibt, wollen sich zunehmend die Mühlen als Teil regionaler Wertschöpfungsketten profilieren. Daran kann sich durchaus auch der Agrarhandel beteiligen und sich so wiederum als lukrativer Partner der Landwirtschaft empfehlen.

Welchen politischen Rahmen wünschen sich die Pflanzenzüchter für ihre Arbeit?

Wir brauchen die neuen Züchtungstechnologien wie zum Beispiel Mutagenesen, um die von der Agrarpolitik gewünschten gesünderen und nährstoffeffizienteren Sorten zügig entwickeln zu können. Gerade das Weizengenom ist so komplex, dass wir auf präzisere Werkzeuge angewiesen sind, um gewünschte Eigenschaften passgenauer zu identifizieren und sie dann in neuen Sorten aktiv werden zu lassen. Es ist für uns extrem wichtig, dass wir hier in Europa und Deutschland ungehindert forschen dürfen, um Erfahrungen zu sammeln, aber auch um im internationalen Wettbewerb die notwendige Flughöhe beizubehalten. Ansonsten bremsen wir uns selber aus.

Mit Patenten auf neue Genetik ließen sich die Entwicklungskosten besser amortisieren. Was halten Sie davon?

Wir mittelständischen Pflanzenzüchter wehren uns vehement gegen solche Patente. Durch Patente blockierte Genetik wäre das Aus für unsere vielfältige Züchterlandschaft. Unser ‚Open-Source-System‘ mit dem freien Zugang auf die gesamte Genetik am Markt war und ist der Garant für Zuchtfortschritt. Auch in der Zukunft. Was passiert, wenn dieser Zugang durch Patente versperrt wird, lässt sich in den USA beobachten. Dort dominieren und kontrollieren Konzerne den Saatgutmarkt und die Vielfalt. Die Innovationskraft der Züchtung ist auf der Strecke geblieben. Darunter leidet schlussendlich die gesamte Wertschöpfungskette und am stärksten der Landwirt.

Und wie geht es mit der Diskussion um Nachbaugebühren weiter?

Leider gar nicht. Die Politik in Berlin, aber auch der Deutsche Bauernverband, lässt uns hier im Regen stehen. Nach wie vor fehlt den deutschen Pflanzenzüchtern der durchgängige Sortenschutz. Schätzungsweise gehen der Züchterschaft bis zu 50 Prozent der ihr zustehenden Nachbaugebühren verloren. Hochgerechnet sind das mehr als 15 Millionen Euro pro Jahr. Dieses Geld fehlt für Investitionen in die Entwicklung gesünderer Pflanzen. Die Landwirtschaft schneidet sich hier doch ins eigene Fleisch, wenn sie Trittbrettfahrer in den eigenen Reihen zulässt, die Züchtungsfortschritt nutzen, ohne dafür zu zahlen. Zudem beträgt die Nachbaugebühr nur 50 Prozent der normalen Lizenz! Jeder Landwirt sollte das Vogel-Urteil des EuGH beachten, nachdem er verpflichtet ist, jährlich seinen Nachbau zu melden.

Was erwarten Sie 2021 für die Saatgutbranche?

Wir müssen im Saatgutvertrieb Antworten auf die starke Konsolidierung in der Landwirtschaft und im Agrarhandel finden. Wenn große Hauptgenossenschaften stärker zusammenarbeiten oder führende private Agrarhändler wie Beiselen und ATR fusionieren, berührt uns das auch. Einen zweistufigen Vertrieb wird es für Getreidesaatgut allein wegen der riesigen Mengen und der aufwendigen Logistik zwar nach wie vor geben, aber an einer Straffung der Abläufe kommen wir nicht vorbei. Große Erwartungen habe ich an die Digitalisierung. Das Jahr 2020 hat gezeigt, wie schnell es hier Fortschritte geben kann. Warum sollten wir keine digitale Plattform für Saatgut in Angriff nehmen?

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