Interview mit Leo von Kameke, Solana-Gruppe

„Ich will das Potenzial ausschöpfen“


In der Kombination von Landwirtschaft und Pflanzenzüchtung steckt für Leo von Kameke „unheimlich viel Power“.
Foto: Solana
In der Kombination von Landwirtschaft und Pflanzenzüchtung steckt für Leo von Kameke „unheimlich viel Power“.

Kartoffelzüchter richten ihre Ziele langfristig aus. Welche Perspektiven sie heute im Auge haben und welche Rahmenbedingungen sie dafür brauchen, erläutert der Chef der Solana-Gruppe.

agrarzeitung: Auf welche Märkte richten Sie in Deutschland die Züchtung aus?

Leo von Kameke: Traditionell sind wir stark im Speisesegment und stabilisieren unser Portfolio. Wir registrieren gleichzeitig, dass der Verbrauch frischer Kartoffeln weiter abnimmt. In Deutschland werden jährlich nur noch knapp über 50 Kilogramm pro Kopf konsumiert. Zum Vergleich: 1950 waren es noch 186 Kilogramm! Allerdings haben sich die Zubereitungen verändert. Statt frischer Kartoffeln werden Pommes oder Chips verzehrt. Wir haben deswegen die Schwerpunkte in diese Richtung verlagert.

Hat die Corona-Pandemie das Ernährungsverhalten verändert?

Kurzfristig schon, wir hatten im Frühjahr nach dem Shutdown der Gastronomie ja die ‚Pommes-Krise‘, gleichzeitig waren die Regale mit Speisekartoffeln leer. Doch das ist meiner Meinung nach eine vorübergehende Erscheinung und wird am grundsätzlichen Trend hin zu verarbeiteten Produkten nichts ändern.

Und wie beurteilen Sie den zunehmenden Wunsch nach regionalem Bezug?

Im Grunde ist das keine neue Entwicklung. Da die Kartoffel zu circa 80 Prozent aus Wasser besteht, stehen Regionalität und kurze Wege für die Kartoffelbranche schon immer im Fokus.

Ein Wunsch ist auch, dass deutsche Ware ganzjährig verfügbar ist. Welchen Beitrag können Züchter leisten?

Dafür brauchen wir frühe, mittlere und späte Sorten mit guten Lagereigenschaften. Das betrifft Speiseware für den Lebensmitteleinzelhandel, aber ebenso wichtig sind Chips- und Pommes-Sorten für die verarbeitende Industrie. Ein gutes Beispiel ist unsere Chipssorte Verdi, die bekannt ist für ihre Kühllagereignung. Die Sorte lässt sich bei vier Grad lagern und auch am Ende der Lagerperiode noch prima backen. Belmonda und Queen Anne wiederum sind Beispiele aus unserem Speisesegment, die mit der Zeit sogar noch besser schmecken.

Wichtige Pflanzenschutzmittel fehlen. Bieten neue Sorten einen Ausweg?

Ein Hauptaugenmerk in allen Zuchtprogrammen sind Toleranzen gegen abiotischen Stress – zum Beispiel Hitze – und Resistenzen gegen Bakterien, Pilze oder Viren. Das ist die Grundlage, um nachhaltige Lösungen im Umgang mit dem sich verändernden Klima zu finden und um auch den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln effektiv zu reduzieren. Unsere Chipssorte Papageno ist ein Beispiel. Sie weist nicht nur Resistenz gegen Kartoffelzystennematoden auf, sondern ist darüber hinaus wenig anfällig für Phytophthora. Das erlaubt Einsparungen beim Einsatz von Fungiziden. Ein weiteres aktuelles Problem ist der Wegfall von Keimhemmungsmitteln. Dafür müssen wir Züchter eine Lösung finden. Man muss aber immer vor Augen haben: Eine Landwirtschaft ganz ohne Pflanzenschutz funktioniert nicht!

In der vierten Generation

Seit 2014 ist Leo von Kameke in der Solana-Gruppe tätig und verantwortete zunächst die landwirtschaftlichen Aktivitäten. Seit 2018 führt der studierte Agrarökonom die Solana-Gruppe als geschäftsführender Gesellschafter in vierter Generation. Ihm zur Seite in der Geschäftsführung steht der Kaufmann Tobias Mette. Die Solana-Gruppe züchtet, produziert und vertreibt Kartoffelsorten und Pflanzkartoffeln in rund 50 Länder weltweit. Das traditionsreiche, unabhängige Familienunternehmen, das 1905 gegründet wurde, beschäftigt heute rund 220 Mitarbeiter weltweit. Zur Unternehmensgruppe gehört die Solana GmbH & Co. KG mit der Firmenzentrale in Hamburg sowie die SaKa Pflanzenzucht GmbH & Co. KG und die Solana Research GmbH.

Welche Züchtungsmethoden brauchen Sie, um aktuelle Zuchtziele zu verfolgen?

Das Genome Editing würde den Pflanzenzüchtungsprozess erheblich vereinfachen und effizienter gestalten. Leider dürfen Europas Pflanzenzüchter diese neuen Züchtungsmethoden nicht anwenden und haben somit einen signifikanten Nachteil gegenüber multinationalen Konzernen, die solche Methoden außerhalb der EU nutzen können. Wir müssen leider davon ausgehen, dass unser Markt mit Produkten und Sorten aus Ländern, in denen Genome Editing erlaubt ist, geradezu geflutet werden wird. Denn es gibt keine Nachweismethode, um solche Pflanzen zu erkennen – auch wenn dies jüngst von einigen Nichtregierungsorganisationen fälschlicherweise behauptet wurde.

Solana investiert dennoch viel Geld in die Züchtung und Forschung. Rechnet sich das?

Es würde sich besser rechnen, wenn der Schutz geistigen Eigentums in Deutschland funktionieren würde. Derzeit werden in Deutschland nur 18 Prozent der potenziellen Nachbaugebühren bei Kartoffeln gezahlt. Bei Getreide sind es zwar 65 Prozent, aber bei Weitem keine 100 Prozent. Durch diesen illegalen Nachbau entgehen Deutschlands Züchtern mehr als 15 Millionen Euro jährlich, die in die Forschung und Züchtung von neuen, besseren Sorten investiert werden könnten! Dies ist auch ein Appell an die Landwirtschaft, denn Innovation gibt es nicht zum Nulltarif.

Was wünschen Sie sich von der deutschen Agrarpolitik?

Aktuell sehr beunruhigt sind wir Kartoffelzüchter über das geplante Insektenschutzprogramm, das die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln in Schutzgebieten untersagen würde. In solchen Schutzgebieten befinden sich aber entlang der Nord- und Ostseeküste schon immer die Gesundlagen, die Züchter und Vermehrer nutzen, um mit möglichst wenig Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gesundes Pflanzgut zu produzieren. Wenn das nicht mehr möglich ist, müssten wir in ungünstigere Lagen ausweichen – mit der Konsequenz, dass der Bedarf an Pflanzenschutzmitteln steigt. Oder die Pflanzgutproduktion wird gleich ins Ausland verlagert. Beides wäre aber nicht sinnvoll. Das gleiche Problem haben übrigens auch andere Fruchtarten. Deswegen fordern alle Pflanzenzüchter, dass im Insektenschutzprogramm entsprechende Ausnahmen für Zuchtgärten sowie für die Pflanz- und Saatgutproduktion gemacht werden, um die Landwirtschaft weiterhin mit gesundem Pflanz- und Saatgut beliefern können.

Wie steht die deutsche Kartoffelbranche im internationalen Vergleich da?

Da geht es der Kartoffelbranche wie der gesamten deutschen Landwirtschaft. Beim Thema Digitalisierung droht Deutschland leider den Anschluss zu verschlafen. Das ist im internationalen Vergleich zum Teil schon recht peinlich. Die Forderung nach ‚5G an jeder Milchkanne‘ hört sich zwar etwas platt an, trifft aber doch den Kern: Wenn Netze nicht flächendeckend zur Verfügung stehen, ist der ländliche Raum abgehängt. Dabei ist die Landwirtschaft beim Thema Digitalisierung heute schon Vorreiter! Das zweite wichtige Thema, bei dem Deutschland und Europa den Anschluss verlieren, ist – wie bereits erwähnt – die Anwendung von neuen Züchtungsmethoden.

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