Interview mit Marktanalystin Stefanie Strebel

„Angriff ist die beste Verteidigung“

 Stefanie Strebel fordert die Branche zu aktiver Imagepflege auf.
Foto: KS Agrar
Stefanie Strebel fordert die Branche zu aktiver Imagepflege auf.

Die Unternehmerin Stefanie Strebel plädiert dafür, dass die Agrarwirtschaft die Pflege ihres Images proaktiv in die Hand nimmt – und zwar durch das Setzen positiver Botschaften. Im az-Interview zeigt sie einen Weg auf, wie das gelingen könnte.

az: Sie haben ein Konzept geschrieben für ein ‚Jahr des Landwirts‘ in Deutschland. Was hat es damit auf sich?

Strebel: Die Idee dazu kam mir bei der Recherche zu meinem Buch ‚Landwirtschaft in aller Welt‘. Ich habe mich gefragt, warum die australische Landwirtschaft, obwohl die Voraussetzungen ähnlich sind wie bei uns, so viel besser in der Bevölkerung angesehen ist. Dies hat sehr viel mit einer hervorragenden Imagearbeit dort zu tun. So haben die Australier das ganze Jahr 2012 unter den Fokus der Landwirtschaft gestellt und den Wirtschaftszweig mit unterschiedlichen Kampagnen gefeiert. Mein Konzept zum Jahr des Landwirts hat den australischen Ansatz zum Vorbild und beinhaltet mehrere Maßnahmen, die zum Ziel haben, auch bei uns das Image der Landwirtschaft zu verbessern.

Warum genau sollten die deutsche Agrarwirtschaft und Agrarpolitik sich eine australische Kampagne zum Vorbild nehmen?

Strebel: Australien ist wie Deutschland eine Industrienation. Die Landwirtschaft hat auch in Australien einen relativ geringen Anteil am Bruttoinlandsprodukt und am Anteil der Arbeitskräfte. Aber in Australien wird der Beruf des Landwirts in der Bevölkerung anders als hier mit großem Respekt und mit Dankbarkeit wahrgenommen. Das Jahr des Landwirts wurde dort gefeiert, weil die Australier stolz sind auf die Leistung, die ihre Landwirtschaft erbringt. Einen solchen Stolz sollten wir uns hierzulande auch zu eigen machen.

Was spricht dafür?

Strebel: Deutschland ist im internationalen Vergleich ein relativ kleines und auch ein sehr dicht besiedeltes Land. Trotzdem sind wir in der Landwirtschaft in vielen Bereichen weltweit an der Spitze – und das bei immer ressourcenschonenderer Produktion. Auch wird die Qualität der Nahrungsmittel ‚Made in Germany‘ international sehr geschätzt. Wir haben also viele Gründe, um auf unsere Landwirtschaft stolz zu sein. Deshalb frage ich mich, wo unser berühmter Bauernstolz, den es einmal gab, heutzutage hingekommen ist.

Wer kann den Stolz in der Bevölkerung wecken?

Strebel: Alle, die die moderne Landwirtschaft unterstützen wollen, müssen dafür an einem Strang ziehen: der unternehmerische Landwirt, der Agrarhandel, die Verarbeitungsbranche, die Verbände, Agrarpolitiker und andere gesellschaftliche Multiplikatoren.

Welchen Beitrag würde ein ‚Jahr des Landwirts‘ konkret leisten?

Strebel: Die Agrarwirtschaft muss zunächst positive Emotionen, vor allem bei den Menschen in den Städten, wecken. Das könnte über Straßenfeste und Straßenumzüge mit Traktoren gelingen. Solche Straßenfeste würde man in einem ‚Jahr des Landwirts‘ nach meinem Konzept in jeder der vier Millionenstädte in Deutschland feiern. Das wurde auch in Australien so gemacht. Solche Festivals würden Vertreter der Agrarwirtschaft auf einer ganz anderen emotionalen Ebene als bisher mit den Menschen in urbanen Ballungsräumen in Kontakt bringen. Eine weitere Maßnahme wäre eine Social-Media-Schulung von Multiplikatoren, damit diese mit positiven Botschaften zur modernen Landwirtschaft besser wahrgenommen werden.

Wer sind denn aus Ihrer Sicht Multiplikatoren und warum muss man sie schulen?

Strebel: Multiplikatoren sind zum Beispiel Agrarpolitiker oder Vertreter von Branchenverbänden. Diese Multiplikatoren nutzen die sozialen Medien bislang leider oft nicht so professionell wie Kritiker der modernen Landwirtschaft. NGO beispielsweise agieren sehr effizient in den sozialen Netzwerken. Auf diese Weise prägen sie Debatten über landwirtschaftliche Themen.

Zur Person
Die Agrar- und Wirtschaftsingenieurin Stefanie Strebel (Jahrgang 1979) führt seit 2007 mit ihrem Geschäftspartner Lars Kuchenbuch die KS Agrar GmbH in Mannheim. Im Juni 2016 hat Strebel das Buch „Landwirtschaft in aller Welt“ im Agrimedia Verlag veröffentlicht.


Sie schlagen auch Tagespraktika für Bundestagsabgeordnete auf agrarwirtschaftlichen Betrieben vor: Mit welchem Ziel?

Strebel: Die Abgeordneten sollten alle Teile der Wertschöpfungskette vom landwirtschaftlichen Betrieb über den Fleischverarbeiter oder die Molkerei bis hin zum Schlachter aus eigener Anschauung kennen.

Sprich: Jeder, der beispielsweise an einem staatlichen Tierwohl-Label mitarbeitet, sollte mal auf einem Schweinemastbetrieb oder in einem Schlachthaus gewesen sein…

Strebel: ...genau, denn so ein Know-how-Transfer würde der Versachlichung der Debatte unheimlich guttun. Politiker könnten auch die gegensätzlichen Positionen zu landwirtschaftlichen Themen besser ausloten, wenn sie sich zuvor direkt vor Ort ein Bild gemacht haben.

Aber es gibt ja auch Aspekte, die schwer zu vermitteln sind, beispielsweise das Schwänzekupieren bei Schweinen oder das Töten von männlichen Küken. Muss die Branche manche Praktiken nicht einfach abstellen, um mehr Akzeptanz zu schaffen?

Strebel: Ja, das muss sie. Doch gerade im Bereich der Tierhaltung laufen bereits Initiativen aus der Branche heraus, um das Tierwohl zu verbessern. Genau solche Initiativen muss die Agrarwirtschaft in der gesellschaftlichen Debatte hervorheben und auf die erzielten Erfolge hinweisen, beispielsweise auch in der Pflanzenproduktion. Warum redet keiner darüber, dass wir dort in vielen Bereichen Weltmeister sind, und das bei einem immer geringeren Einsatz von Dünger und Pflanzenschutz pro Endprodukt?

Die Verbände der Agrarindustrie reden regelmäßig genau darüber, indem sie Pressemitteilungen mit Statistiken zum gesunkenen Betriebsmitteleinsatz bei gleichzeitig steigenden Erträgen herausgeben. Offenbar dringen sie mit ihrer Botschaft aber nicht durch…

Strebel: ...deshalb muss die Branche ja zunächst einmal eine positive Emotionalität für die Landwirtschaft erzeugen, etwa über das besagte ‚Jahr des Landwirts‘. Denn auf dieser Basis können auch fachliche und sachliche Informationen viel besser transportiert werden und Gehör finden. Das Jahr des Landwirts würde aber übrigens nicht nur ein Signal nach außen setzen.

Sondern?

Strebel: Es wäre auch ein wichtiges Signal nach innen, in die Branche hinein, ganz nach dem Motto: ‚Ihr könnt stolz auf das sein, was ihr leistet, und auf das, was ihr an positiven Veränderungen bereits vollzogen habt. Man sagt ja nicht umsonst, dass Landwirt der wichtigste Beruf der Erde ist.

Dennoch spürt man unter Landwirten und in der Agrarwirtschaft allgemein oft eine gewisse Resignation. Eine Tendenz, sich beleidigt zurückzuziehen…

Strebel: ...ich frage mich, warum wir in der Agrarwirtschaft uns immer so leicht in die Defensive drängen lassen. Warum schaffen wir es nicht, eigene Themen zu setzen? Es gibt diesen alten Spruch ‚Angriff ist die beste Verteidigung‘. Und ein positiver Angriff wäre es, beispielsweise über ein ‚Jahr des Landwirts‘ eigene, positive Akzente zu setzen, um endlich aus dieser Opferrolle herauszukommen.

Wie viel Geduld muss die Landwirtschaft Ihrer Meinung nach aufbringen, bis ein positiver Imagewandel gelingen kann?

Strebel: Wenn ich mit jungen Familien in meinem privaten Umfeld spreche, stelle ich immer wieder fest, dass die Landwirtschaft bereits viele positive Gefühle bei den Menschen weckt. Urlaub auf dem Bauernhof etwa erfreut sich hoher Beliebtheit. Oder denken Sie nur einmal an die vielen Kinderbücher, die es zum Thema Bauernhof gibt. Diese Sehnsucht spielt der Branche in die Karten.

Wieso treibt Sie das Image der Landwirtschaft so um? Sie als Inhaberin eines Broker- und Marktanalyseunternehmens sind in einem Bereich tätig, der weitestgehend unterhalb des Radars der öffentlichen Wahrnehmung stattfindet. Sie können doch froh sein, dass Sie selbst nicht in der Kritik stehen.

Strebel: Ich bin auf einem Bauernhof groß geworden und dadurch weiß ich, welche menschlichen Krisen entstehen können, wenn die gesellschaftliche Stimmung gegenüber der Landwirtschaft so negativ ist. Das stimmt mich persönlich sehr traurig. Zudem habe ich als Unternehmerin und Marktteilnehmerin natürlich auch ein Interesse daran, dass die Landwirtschaft in unserem Land zukunftsfähig ist und die Anerkennung bekommt, die sie verdient.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Franz Rist
    Erstellt 11. Mai 2018 17:28 | Permanent-Link

    Sehr geehrte Agrarzeitung
    ein prima Interview.
    Man muss Fr. Strebel darin voll unterstützen
    VG Franz Rist

  2. Thomas Schmidt
    Erstellt 11. Mai 2018 21:01 | Permanent-Link

    Die Frau Strebel, nur haben wir eine schlechte Vertretung, die sich rückwärtsgewandt vor allem mit Subventionen und Verbandspolitik beschäftigt, aber im 21. Jahrhundert nicht angekommen ist. Wie wäre es Mal, unsere Bauerngelder für professionelle Umfragen auszugeben statt für sprechende Schweine.

  3. Josef Willim
    Erstellt 14. Mai 2018 08:24 | Permanent-Link

    Gutes Interview mit Stefanie (Strebel) von Stefanie (Pionke). Ich bin auch auf einem Bauernhof aufgewachsen und sehe das auch so.
    Beste Grüße

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