Interview mit Prof. Dr. Alexander Güttler

„Jeder bekommt den Verband, den er verdient“


Prof. Dr. Alexander Güttler
Foto: Komm.Passion GmbH
Prof. Dr. Alexander Güttler

Zuletzt hat es der Fall Schulze Föcking gezeigt: Reizworte wie Massentierhaltung, Glyphosat, Gentechnik und Artensterben bestimmen die Debatte um die konventionelle Landwirtschaft. Viele Erzeuger fühlen sich zu Unrecht stigmatisiert und von der Politik allein gelassen.

az: Herr Güttler, was läuft da schief in der öffentlichen Debatte?

Güttler: In der emotional geführten Debatte um Themen wie Tierhaltung und Nachhaltigkeit ist ein entscheidender Punkt noch gar nicht angekommen. Wir befinden uns in einem enormen Wandlungsprozess, leben in einer extremen Massengesellschaft. Wir sind abhängig davon, dass wir Lebensmittel in großen Mengen herstellen. Das geht nicht ohne moderne Technik, auch wenn es gerade in Deutschland noch eine romantische Vorstellung vom kleinbäuerlichen Leben als Ideal in der Nahrungserzeugung gibt. Dabei arbeiten – gemessen an der Bevölkerung – nur ganz wenige Menschen in dieser Branche.

Das heißt, wer die konventionelle Landwirtschaft kritisiert, kritisiert eigentlich unsere industrielle und arbeitsteilige Gesellschaft?

Güttler: Richtig. Und das ist sehr naiv. Alle interessieren sich für Bio, wollen nachhaltig produzierte Lebensmittel, die gesund sind, von allerfeinster Optik und vor allem billig sein müssen – sonst kaufen wir sie nicht. Und das funktioniert in einer Massengesellschaft nur mit Technik.

Trotzdem haben viele Konsumenten Vorbehalte. Nach einer ganzen Reihe von Skandalen fehlt das Vertrauen, dass die Konzerne diese Technik auch maßvoll einsetzen.

Güttler: Diese unsägliche Glyphosat-Diskussion ist ja ein gutes Beispiel hierfür. Es gibt Standards, nach denen solche Mittel bewertet und dann auch zugelassen werden. Und wenn diese Standards beinhalten, dass die von den Konzernen ermittelten Daten Teil dieses Zulassungsprozesses sind, dann muss man das erst mal akzeptieren. Gleichwohl muss auch auf politischer Ebene festgelegt werden, dass diese von der Industrie erhobenen Daten völlig transparent gemacht werden müssen. Hier haben wir es ja nicht nur mit den bösen Konzernen zu tun, die den Untergang bringen.

Aber ist das Vertrauen der Konsumenten nicht gerade aufgrund des intransparenten Handelns der Konzerne, zum Beispiel beim Diesel-Skandal, so erschüttert, dass es schwierig ist, Debatten ohne Vorurteile zu führen?

Güttler: Natürlich muss sich die gesamte Agrarindustrie beim Thema Lobbyismus fragen, ob solche Einflussnahmen in der öffentlichen Wahrnehmung nicht eher schaden als nutzen. Und man muss offen damit umgehen, dass es natürlich auch schwarze Schafe unter den Konzernen und Lobbyisten gibt. Aber an dieser Stelle muss von politischer Seite das Reglement geändert werden, damit solche Nebelkerzen wie beim Diesel-Skandal gar nicht erst gezündet werden können.

„Landwirte müssen in einer nationalen Kampagne als Helden der Nachhaltigkeit inszeniert werden.“
Prof. Alexander Güttler, 


Was schlagen Sie nun vor, um eine ‚unsägliche Glyphosat-Diskussion‘ besser ablaufen zu lassen?

Güttler: Die Kommunikation der Branche muss meiner Meinung nach auf zwei Ebenen stattfinden. Einerseits brauchen wir eine sachliche und völlig transparente, an reinen Fakten orientierte öffentliche Debatte, bei der auch der Normalbürger sehen kann, wer welche Daten erhoben hat und zu welchem Ergebnis gekommen ist. Auf der anderen Seite brauchen wir eine Kampagne, die das, was die Landwirtschaft heute schon gut macht, auch als Erfolge verkauft. Und es wird vieles gut gemacht. Jeder Landwirt interessiert sich für Tierwohl, für Umweltschutz, für Bio. Auf diesen Sektoren wurden in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte erzielt und von den Landwirten im täglichen Handeln in die Tat umgesetzt. Eigentlich müssen gerade die Landwirte in einer öffentlichkeitswirksamen, nationalen Kampagne mehr als Helden der Nachhaltigkeit inszeniert werden.

Wer ist dafür verantwortlich, eine solche Kampagne ins Leben zu rufen?

Güttler: Das sind in allererster Linie die Landwirte selbst. Sie müssen sich im persönlichen Kontakt mit den Menschen in ihrer direkten Umgebung mit dem darstellen, was sie bereits jetzt richtig machen. Aber eine wirkliche Marketingkampagne unter dem Motto ‚Wir sind auf dem richtigen Weg‘ kann nur auf Verbandsebene lanciert werden.

Sehen Sie die Verbände ausreichend gut aufgestellt, um das zu leisten?

Güttler: Sehen Sie die GroKo gut genug aufgestellt, um die anstehenden Probleme zu lösen? Jeder bekommt das, was er wählt. Jeder bekommt also auch die Regierung oder den Verband, den er auch verdient. Es liegt an den Landwirten selbst, sich in den Verbänden zu engagieren und die besten Vertreter aus ihren Reihen zu wählen, um etwas in Bewegung zu setzen. So funktioniert Demokratie.

Also wird der Landwirt sein Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen?

Güttler: Der Druck auf Verbände und Politik muss von unten kommen. Und er muss fachlich begründet sein. Aber man kann den Landwirten nur raten, diesen Druck auf ihre Verbände auch auszuüben, eben die richtigen Leute zu wählen. Damit diese gewählten Vertreter dann Druck auf die Politik ausüben, damit sich auf politischer und juristischer Ebene etwas bewegt. So zersplittert, wie Landwirte und Verbände derzeit sind, haben sie keine Chance gegen die öffentliche Meinung. Es ist wichtig, dass die Bürger verstehen, dass sich der Umstand, dass wir in einer Massengesellschaft leben, trotz aller Romantisierungen nicht umkehren lässt. Wir werden nicht zu einer Gesellschaft des vorvergangenen Jahrhunderts zurückkehren können. Und wenn man darüber hinaus noch ernsthaft die Lücke zwischen der dritten und der ersten Welt schließen will, die Menschen dort ernähren will, dann geht das nur mit Technologie. Das muss den Menschen klar werden.

Zur Person
Prof. Alexander Güttler, Jahrgang 1960, ist promovierter Diplom-Journalist und Fachkaufmann für Marketing. Von März 2009 bis April 2013 war er Präsident der Gesellschaft Public Relations Agenturen (GPRA).

Mitte 2000 gründet Güttler die komm.passion-Gruppe, er ist dort geschäftsführender Gesellschafter und CEO. Zuvor war Güttler unter anderem bei Kohtes & Klewes (heute pleon) Geschäftsführer Marketing/Atelier/Produktion, zugleich Gründungs-Geschäftsführer von corps (dem gemeinsamen Publishing-Center mit der Verlagsgruppe Handelsblatt).

Güttler ist Dozent an verschiedenen Hochschulen, Autor, strategischer Berater bei nationalen und internationalen Kampagnen, bei Transformationsprozessen und Interimsmanager bei Krisensituationen.



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