Künstliche Intelligenz

Plus an Tierwohl im Stall


Lucas Schnackenberg, Daniel Fiske und Saskia Strutzke (v.l.) haben den Prototypen eines neuartigen Sensors (Foto l.) entwickelt. Er sendet Gesundheitsdaten der Kuh an eine App.
ATB
Lucas Schnackenberg, Daniel Fiske und Saskia Strutzke (v.l.) haben den Prototypen eines neuartigen Sensors (Foto l.) entwickelt. Er sendet Gesundheitsdaten der Kuh an eine App.

Selbstlernende Technik findet auch in der Tierhaltung neue Anwendungsgebiete. Es wird viel geforscht und entwickelt. Die Ziele sind vor allem, die Kosten im Stall zu optimieren.

Für Masthähnchenhalter Peter Vollmers aus Stade steht vor allem das Tierwohl im Fokus, weshalb er mit neuartigen Technologien seine Ställe optimiert. „Je wohler sich die Tiere fühlen, desto gesünder sind sie“, sagt Vollmers. Die Technik helfe ihm nicht nur dabei, die gesetzlichen Vorgaben etwa bei den Schadgaswerten (CO2 und NH3) einzuhalten und zu dokumentieren. Er könne damit auch Lüftungsrate und Temperatur im Stall regeln – rein theoretisch von überall –, solange er eine Internetverbindung habe, sagt er. Über eine Fernwartungssoftware greift er dann über sein Handy auf den Rechner im Stall zu.

Den Gang in den Stall ersetzt die Technik bei Vollmers nicht, aber er sieht dennoch viele Vorteile. Etwa, weil er über die in seinen Ställen installierten Kameras auch zu Ruhezeiten kontrollieren kann, ob eventuell Tiere unruhig sind. Dann könne er über die Lüftungsregelung eingreifen oder die Verschattung verändern. Gesteuert wird alles über einen Computer im Stall. „So etwas plant man bei uns Geflügelhaltern bereits beim Stallbau, zusammen mit Beratern und dem Stalltechnikhersteller“, so Vollmers, der in fünf Ställen insgesamt 160000 Masthähnchen nach Tierwohl-Standard hält.

Daten werden dokumentiert

Die Daten für Futter- und Wasserverbrauch sowie die Temperatur und Stallklima werden zudem für die Mastberichte durchlaufend dokumentiert. Vollmers bereitet sich die Daten grafisch auf. Das helfe ihm, bei seinen sechs bis sieben Durchläufen pro Jahr im Stall den Tieren beste Bedingungen zu bieten. „Der 19. Masttag im Juni bietet andere Bedingungen als der 19. Masttag im Dezember“, so Vollmers. Er versucht daher, anhand von Datenreihen die Situationen aus den Vorjahren zu vergleichen und seine Einstellungen daran anzupassen.

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In der Geflügel- sowie in der Schweinemast ist der Grad der Technisierung weitaus mehr vorangeschritten als etwa in der Milchviehhaltung. Doch mit dem steigenden Einsatz von Melkrobotern auf den Höfen werden künstliche Intelligenz und digitale Techniken auch in deutschen Kuhställen zum Thema. An diesem Punkt hat Saskia Strutzke angesetzt. Die Agrarwissenschaftlerin, die bei der Entwicklung ihrer Idee am Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) in Potsdam arbeitete, hat zusammen mit ihren zwei Kollegen aus der IT-Branche einen Nasensensor entwickelt, der Gesundheitsdaten der Kuh aufzeichnet. In einer eigens entwickelten App erfolgt dann die Auswertung der Daten. Ein Prototyp dieses selbstlernenden Geräts, das optisch einem Antisaugring ähnelt, ist bereits getestet; eine Kleinserienproduktion soll im Sommer starten.

Atemverhalten ein Anzeichen für Stress

„Wir setzen bei der Atmung der Kuh an, die bisher oft aufwendig über die Stoppuhr kontrolliert werden muss“, erklärt Strutzke. Denn das Atemverhalten biete Anzeichen für Stress bei den Wiederkäuern, sogar dann, wenn ansonsten noch keine Krankheitsmerkmale erkennbar seien. Strutzke will damit nicht nur Stress in der Herde oder Einfluss durch das Stallklima feststellen. Sie erwartet, dass selbst Euterentzündungen und Lahmheiten über die Atmung frühzeitig zu erkennen sind.

„Selbst wenn eine Kuh ihre Schmerzen noch nicht über die Lahmheit zeigt, wird sie bei Belastung unter Schmerzen die Atmung verändern. Das werden wir mit dem Sensor messen und in der App visualisieren können“, erklärt die Gründerin. Der Landwirt könne mit dieser neuen Technik die Gesundheit von Beständen mit Hunderten Tieren automatisiert überwachen und frühzeitig Maßnahmen ergreifen, um wirtschaftliche Folgen zu minimieren. Schwieriger wird es, wenn es darum geht, Kosten und Nutzen der modernen Technologien gegeneinander aufzurechnen. Der Nasenring etwa soll zusammen mit der Nutzung der App pro Tier im Monatsabo angeboten werden. Wenn damit teure Behandlungen von Euterentzündungen zu vermeiden seien, könne sich der Einsatz rechnen, ist Strutzke überzeugt.

Bei Masthähnchenhaltung ist der Nutzen schwierig als finanziellen Vorteil zu beziffern, meint Landwirt Vollmers. Den Grund sieht er darin, dass tierärztliche Behandlungen beim Geflügel noch immer „viel zu günstig seien“. „Ich möchte Behandlungen aber, wo immer es geht, vermeiden – und dabei hilft mir eben die Technik“, erklärt er.

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