Nachwachsende Rohstoffe

Pack die Rübe in den Tank

Foto: Porsche

In Zusammenarbeit mit Porsche, Crop Energies, Puraglobe, dem Bundesumweltministerium und der Agentur für nachwachsende Rohstoffe werden alternative Kraftstoffe unter härtesten Bedingungen getestet: in einem Porsche Cayman GT4, 24 Stunden lang auf dem Nürburgring.

Autorennen haben – ökologisch gesehen – keinen guten Ruf. Da fahren Erwachsene (meist Männer) mit extrem teuren Spielzeugen stundenlang und lärmend im Kreis, um untereinander auszufechten, wer der Schnellste, Schönste, Beste von ihnen ist. So viel zur oberflächlichen Betrachtung inklusive sozial erwünschtem Naserümpfen.

Nun gibt es im vorliegenden Fall aber zwei Perspektiven, die das Spektakel in einem anderen Licht erscheinen lassen: Spaß und Wissenschaft. Für beides kann sich Smudo, eines der Mitglieder der bundesweit beliebten und seit Jahrzehnten erfolgreichen Band „Die Fantastischen Vier“, aus ganzem Herzen begeistern. In Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Profi-Rennfahrer Thomas von Löwis betreibt er seit 15 Jahren den Rennstall „Four Motors“, mit dem sie mit zwei weiteren Fahrern bei der Deutschen Langstreckenmeisterschaft (VLN) in der Sonder-Klasse der Alternativen Treibstoffe antreten.

Angefangen hat alles mit einem VW Beetle, der mit Biodiesel betrieben wurde. Über einen Ford Mustang und einen Renault Mégane hangelte sich das Team zu einem VW Scirocco und nun bereits in der zweiten Saison zu einem Porsche Cayman GT4 Clubsport. Ziel ist wie vom ersten Tag an, die Rennklasse zu gewinnen, auf diesem Weg das Auto so weit in Richtung Nachhaltigkeit zu trimmen wie möglich – und Spaß zu haben.

Wie viel Spaß das macht, vermittelt Smudo vor dem Rennen bei einer Runde auf seiner aktuellen Hausstrecke, dem Nürburgring. Bei strömendem Regen prügelt er den Bio-Boliden mitsamt einem gänzlich ungeübten Beifahrer über die Nordschleife und lässt die Muskeln des fast 400 PS starken Autos spielen. Dass auf dieser Rennstrecke bereits Profis wie Amateure ihr Leben gelassen haben, muss man an dieser Stelle einfach ausblenden. Dass die Nordschleife seit Niki Laudas spektakulärem Unfall im Jahr 1976 nicht mehr den Sicherheitsbestimmungen der Formel 1 genügt, ebenfalls.

Four Motors testen Bio-Material unter Extrembedingungen
Smudo, vor allem bekannt als Mitglied der Rap-Combo „Die Fantastischen 4“, ist in seinem Privatleben leidenschaftlicher Rennfahrer. Zusammen mit dem ehemaligen Renn-Profi Thomas von Löwis betreibt er den Rennstall „Four Motors“. Hier jagt er aber nicht nur nach Bestzeiten. Das Projekt ist Spielwiese für nachhaltige Technik.

Aber Smudo, über all die Jahre ein versierter Pilot geworden, kennt die Strecke im Schlaf, bringt die rasante Taxifahrt mit Bravour zu einem guten Ende. „Natürlich steht für mich der Spaß im Vordergrund, sonst würde ich das nicht machen“, sagt Smudo im Anschluss an die Fahrt. Aber im Laufe der Jahre sei für ihn der technische Aspekt der Autos immer wichtiger geworden. „Und es hat sich gezeigt, dass wir gut daran getan haben, über all die Jahre an dem Gedanken der Nachhaltigkeit festzuhalten“, betont er. Die allgemein gesellschaftliche Hinwendung zur Nachhaltigkeit habe den außergewöhnlichen Rennstall immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. „Dazu kommt ja noch, dass wir mit unseren Rennresultaten belegen, dass bio funktioniert.“

Dass das auch weiterhin so sein wird, glauben nicht nur die Rennstallchefs, sondern auch ihre Partner: Für das verwendete Racing Oil wird mithilfe patentierter High-Tech-Verfahren gebrauchtes Öl wiederaufbereitet und auf ein neues Hochleistungslevel gebracht. Angetrieben wird das Auto von einer neuen High-End-Kraftstoffgeneration: E20, einem Ottokraftstoff mit 20 Prozent Ethanol, nachhaltig erzeugt aus Reststoffen. Und in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut arbeiten die Materialforscher von Porsche an ultraleichten Karosserieteilen aus Leinen.

„Wir belegen mit unseren Rennresultaten, dass bio funktioniert. “
Michael „Smudo“ Schmidt, Musiker und Rennfahrer, 

„Der Grund, warum sich diese Akteure bei Four Motors engagieren, ist immer der gleiche: Sie wollen zeigen, dass ihre Produkte den Strapazen eines Langstreckenrennens bis hin zum 24-Stunden-Rennen standhalten. Was hier funktioniert, kann auch im Alltag funktionieren“, sagt Thomas von Löwis. Dazu komme noch das positive Image des Rennstalls, das nicht nur von den Erfolgen getragen wird. Dazu trägt auch die Prominenz des rappenden Piloten seinen Teil bei.

Das Öl

Puraglobe, Tochter einer US-Firma mit Sitz in Elsteraue und Zeitz, hat sich seit 2004 auf das Recycling von Altöl spezialisiert. Mit dem so- genannten „reraffinierten“ Öl stellt Puraglobe ein Basisöl zur Verfügung, das den höchsten Qualitätsansprüchen genügt. Daraus lassen sich laut Puraglobe mehr als 1000 Produkte herstellen – nicht nur das Hochleistungsöl für Motorsport. Die Produktion wird vom Bundesumweltministerium unterstützt, weil das Recycling massiv CO2 einspart: 1,3 Tonnen pro Tonne Öl. 15 Millionen Euro hat die Firma mit Stammsitz in Wayne, Pennsylvania, die neue Anlage in Ostdeutschland investiert. 100000 Tonnen Öl sollen hier pro Jahr veredelt werden.

Der Sprit

Crop Energies ist Lieferant des Treibstoffs in Smudos Bio-Porsche. Bioethanol ist nicht nur einer der leistungsfähigsten Kraftstoffe, die es gibt, es spart außerdem bis zu 70 Prozent CO2 gegenüber fossilen Kraftstoffen ein. Deswegen fährt Four Motors mit E20 – Benzin mit 20 Prozent Ethanolanteil – von Crop Energies.

Die Karosserie

Das Fraunhofer-Institut und Porsche arbeiten gemeinsam daran, einige Teile der Karosserie und des Innenraums aus nachwachsenden Rohstoffen zu produzieren. Schon in der Vergangenheit experimentierte Four Motors mit Hanffasern anstatt karbonfaserverstärkten Kunststoffen (CFK). Nun steht für die Materialforscher Leinen im Fokus.

Der Fahrer

Smudo, leidenschaftlicher Musiker und passionierter Rennfahrer. Mittlerweile sind seine Zeiten bisweilen besser als die seines Rennstall-Kollegen und ehemaligen Profis Thomas von Löwis.

 

Herr Ene, Teile der Karosserie eines Rennautos sind normalerweise aus Kohlefasern. Bei Four Motors wird gerade an einem nachwachsenden Ersatz geforscht: Leinen. Wie ist es möglich, Kohlefaser durch Leinen zu ersetzen?

Die Produktionsweise von Bauteilen aus Leinen ist der Produktion von Teilen aus Kohlefasern nicht unähnlich. Tatsächlich hat Leinen auch Vorteile gegenüber dem Kunststoff: Die einzelnen Fäden der Kohlefasern müssen sehr energieaufwendig hergestellt werden, ehe man aus ihnen ein Gewebe zusammenfügen kann. Bei Leinen ist das einfacher, da wir es mit einer natürlichen Faser zu tun haben. Wenn das Gewebe erst mal fertig ist, werden sowohl die Kohlefaser- als auch die Leinenbauteile mit Harz ausgegossen, um dem Bauteil Stabilität zu geben.

Mit dem Verbundwerkstoff lassen sich die gleichen Sachen machen wie aus Kohlefaser?

Das kommt auf die Materialanforderungen an. Leinen hat für gewisse Anforderungen bessere Materialeigenschaften, weil es elastisch ist. Kohlefaser-Bauteile brechen, wenn sie zu stark eingedrückt werden, das Leinen-Teil deformiert und federt zurück.

Warum ist die Technik für Porsche interessant?

Hauptsächlich wegen Verwendung nachwachsender Rohstoffe bei der Gewichtsreduzierung der Fahrzeuge. Darüber hinaus wegen einer seiner mechanischen Eigenschaften: Wir können uns theoretisch vorstellen, das Material im Innenraum der Fahrzeuge zu nutzen. Die hohe Elastizität könnte einen Beitrag zum Unfallschutz leisten. Denkbar wäre zum Beispiel, das Material als Aufprallschutz zu verwenden.

Welche Nachteile hat Leinen?

Wir müssen an der gleichbleibenden Produktqualität arbeiten, weil es sich um einen natürlichen Rohstoff handelt. Aber da machen wir große Fortschritte.


Hintergrund

"Mit Energie vom Acker"

Foto: Cropenergies

Crop Energies packt Alkohol in den Tank. Was von Zucker oder Futtergetreide nicht als Viehfutter genutzt wird, wird zu Alkohol destilliert und als Bio-Ethanol für einen E20-Kraftstoff genutzt. Der besteht (wie die Typenbezeichnung schon andeutet) zu 80 Prozent aus Superbenzin und 20 Prozent aus Bioethanol. Hergestellt wird der hochreine Alkohol (wie auch das reraffinierte Getriebeöl von Puraglobe) in Zeitz in Sachsen-Anhalt. Alle Rohstoffe kommen aus dem Umland, unter anderem aus der benachbarten Zuckerfabrik. Bis zu 360 Millionen Liter Bioethanol können in Zeitz jährlich hergestellt werden. Hauptabnehmer sind laut Crop-Energies-Chef Joachim Lutz die Mineralölkonzerne – wenn auch bei Weitem nicht in dem Umfang, wie es möglich wäre. „In Belgien liegt der Marktanteil von E10-Benzin bei 80 Prozent. In Deutschland bringt es diese Variante des Superbenzins erst auf 13 Prozent Marktanteil“, sagt Lutz. „Das ist schade, denn E10 ist der bessere Kraftstoff. Ethanol hat eine deutlich höhere Oktanzahl als Benzin und spart noch dazu im Schnitt 70 Prozent der Treibhausgase ein.“ Während Brasilianer seit Jahrzehnten auch ihre deutschen Autos klaglos mit mindestens 20Prozent Ethanol fahren und die Franzosen und Belgier immer stärker E10 nachfragen, sind viele Deutsche keptisch. „Dabei vertragen 93Prozent der hier zugelassenen Benziner E10. Bei den in Deutschland hergestellten sind es sogar 99 Prozent. In Frankreich ist das noch klarer, da steht an jeder Zapfsäule ‚E10 kompatibel ab Baujahr 2000‘“, sagt Lutz.

Umso mehr erwartet er sich vom nächsten Schritt die Einführung von E20. Darin steckt – klar – doppelt so viel Alkohol wie in E10, die CO2-Belastung gegenüber Super95-Benzin sinkt um 20 Prozent, die Belastung mit Feinstaub sogar um 60 Prozent. „Und das alles geht nicht mal zulasten der Motorleistung – im Gegenteil. Unser E20 bringt es auf klar mehr als 100 Oktan.“




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