Nahrungsmittelkonzepte bis 2030

Mit Insekten gegen den Hunger der Welt

Themen wie Tierwohl und Afrikanische Schweinepest sind zwar hochaktuell, jedoch nur von kurzer Halbwertszeit. Wer auf der internationalen Grünen Woche wissen wollte, wie sich die mittelfristige Zukunft gestaltet, kam voll auf seine Kosten. Das Global Forum for Food an Agriculture (GFFA) lud zu einigen Podiumsdiskussionen ein.

Wie wird sich der globale Markt für tierische Produkte bis ins Jahr 2030 entwickeln? Die Landwirtschaftsministerien aus Deutschland und der Schweiz wollten Licht in diese Frage bringen und holten Gäste aus aller Welt nach Berlin. Bereits nach der ersten Rednerin stand fest: Zukunftsängste wegen einer einbrechenden Nachfrage wird es dabei wohl nicht geben.

„Der Bedarf an tierischen Produkten wird ganz eindeutig massiv ansteigen.“ ist sich Shirley Tarawali, stellvertretende Direktorin des International Livestock Research Institute (ILRI) in Nairobi, sicher. Dafür ist die Bevölkerungsexplosion verantwortlich. „Viele Schwellenländer wie China und Indien haben eine stark wachsende Bevölkerung, die zunehmend wohlhabender wird und sich auch Fleisch leisten kann.“ Das globale Bevölkerungswachstum wird die Industrie in den kommenden Jahren zunehmend herausfordern. Der Marktpreis für Milch habe 2014 den von Reis überholt.

Die Industrie wird dabei das Kunststück vollbringen müssen, die steigende Nachfrage zu bedienen und gleichzeitig den Verlust von Ressourcen zu minimieren. Das sei nur möglich, wenn sich die Industrie zügig und mit großen Schritten weiterentwickelt, prophezeite Tarawali. Dafür müssen neue Technologien entwickelt und Produzenten auf der ganzen Welt zugänglich gemacht werden.

Lebensmittelverschwendung war auch bei vielen Gästen ein großes Thema. Paul Bredwell, Vice President des Umweltprogramms beim amerikanischen Geflügel-Giganten US Poultry, beklagte die Tendenz seiner Landsleute zur Verschwendung von Lebensmitteln. „Mit den jährlich weggeworfenen Lebensmitteln in den USA könnte man 91 mal das Empire State Building füllen. Das ist nicht akzeptabel! Das müssen wir beenden.“ Die Nachfrage selbst, so Bredwell, sei gleichbleibend, die Präferenz der Amerikaner gehe jedoch zunehmend zu Eiern von „freilaufenden“ Hühnern. Wie genau man nun „freilaufend“ definiere, das überlege man derzeit noch, so der Vertreter des Geflügelkonzerns. Amerikanische Kunden wollen nachhaltige Produkte, doch fürchten noch den Preis.

Ausnahmslos alle Teilnehmer aus allen Ecken der Erde bestätigen den Trend: Nachhaltig, sicher und erschwinglich sollen ihre Nahrungsmittel sein. Tarawali bestätigt: „Egal ob reich oder arm, jeder ist bereit, den Preis für sichere Lebensmittel zu zahlen.“



In Costa Rica beschreitet man derweilen andere Wege: Die Firma von Maria Fernanda Retana Gamboa stellt hochwertiges, aber auch sehr teures Rindfleisch her. Ihr Geschäftsmodell: Die Verwertungskette von der Kuh bis auf den Teller wird vom ihrem Unternehmen abgedeckt. Der Clou: hochwertiges Fleisch von einem speziellen „CO2-freien Rind.“ Und das Modell funktioniert. Das Fleisch wird gekauft.

Auch ein Milchproduzent aus Kenia schwört auf die Auslassung des Großhändlers. Durch die besonders heißen Umstände vor Ort gelange die Milch schneller und somit frischer zum Kunden. Die Milch kommt dabei von Kleinst-Betrieben, die mit Know-how und Kapital unterstützt werden.

Heiß diskutiert wurden Zukunftstechnologien. So bemerkte Salome Hofer, Vertreterin einer Schweizer Einzelhandelskette, es würde zunehmend schwerer werden, Nahrungsmittel ohne GVOs zu bekommen. Vielleicht müsse man sich zusätzlich über kurz oder lang nach neuen Proteinquellen umsehen. Insekten seien da eine lohnende Quelle. Synthetischem Protein oder In-Vitro-Fleisch dagegen räumte sie in den nächsten zehn Jahren keine Rolle ein. Dann doch lieber Insekten.
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