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Öko-Zertifikate sind stärker zu vereinheitlichen – Schwachstellenanalyse

Agrarzeitung Ernährungsdienst 15. Mai 2004; Von Brigitte Stein, Frankfurt a. M.

Bei Lebensmitteln aus kontrolliert ökologischer Landwirtschaft kam es in der Vergangenheit hin und wieder zu Beanstandungen, die auch größere Wellen schlugen. Mit einem besseren Kontrollsystem wären solche Fälle vermeidbar gewesen. Dies ergab eine Schwachstellenanalyse im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau.

Der Schlüssel zu besseren Kontrollen liegt in einer stärker risikoorientierten Bewertung der Unternehmen, die kontrolliert werden müssen, meint Jochen Neuendorff von der Gesellschaft für Ressourcenschutz, der die Studie erstellte. Bei einem höheren Risikopotenzial sollte unbedingt intensiver kontrolliert werden. Der Kontrolleur sollte auf kritische Punkte innerhalb des Unternehmens stärkere Aufmerksamkeit legen und weniger schematisch den Gesamtbetrieb überprüfen. Zudem könnten einheitliche Zertifikate mit recht wenig Aufwand eine deutlich verbesserte Sicherheit bringen, wie das mit der Internetdatenbank www.bioc.info bereits begonnen hat.

Die bislang aufgedeckten Unregelmäßigkeiten im Öko-Markt wurden in der Studie analysiert. Dabei sollten diese Fälle im Öko-Markt nicht überbewertet werden: Tatsächlich wurden bei 5.422 kontrollierten Betrieben im Jahr 2000 nur 26 Verstöße an einzelnen Partien festgestellt. Zunächst fiel in der Studie auf, dass in weit mehr Fällen über landwirtschaftliche Betriebe Sanktionen verhängt wurden als über Verarbeitungs- und Importunternehmen. Dies liegt allerdings auch daran, dass weit mehr landwirtschaftliche Betriebe kontrolliert wurden und für sie ein wesentlich dichteres Regelungsnetz gilt. Für reine Handelsunternehmen besteht bis Juli 2005 nicht einmal Kontrollpflicht.

Bei den Kontrollen im Ackerbau beispielsweise musste nach der unzulässigen Verwendung von bebeiztem Saatgut oder dem Einsatz verbotener Dünge- und Pflanzenschutzmittel der Öko-Hinweis entfernt werden oder es kam zum Vermarktungsverbot. In der Tierhaltung fielen unzulässige Haltungsbedingungen auf sowie der Zukauf konventioneller Tiere oder der Einsatz unzulässiger Futtermittel. In Verarbeitung und Import wurden unzulässige Zutaten oder fehlende Vermarktungsermächtigungen bemängelt. Bei Betrugsfällen kam es zu Umdeklarierungen und Fälschung von Dokumenten. Ausgenutzt wurde die Tatsache, dass Teile eines Handelunternehmens nicht kontrollpflichtig waren und Zertifikate gefälscht wurden. Daran schloss sich eine mangelhafte Prüfung durch den Abnehmer der Ware an. Den verschiedenen Kontrollstellen war zudem der Datenaustausch untereinander zur stufenübergreifenden Kontrolle des Warenflusses bis vor kurzem nicht möglich. Diese Lücke ist seit März mit den Änderungen der EG-Öko-Verordnung geschlossen.

Potenzielle Risikobereiche

Größeres Risikopotenzial macht Neuendorff auch aus, wenn Ware von einem betriebsfremden Dienstleister transportiert wird. Auch im schnelldrehenden Segment Obst und Gemüse lassen sich unkorrekte Warenströme leicht verschleiern. Bei Fleisch bergen Großbetriebe in der Schlachtung ebenfalls Risiken.

Mehrere Problemzonen bei den Kontrollstellen deckt Neuendorff auf, an denen Verbesserungen notwendig sind, wenn dem Image der Öko-Produkte nicht durch weitere Unregelmäßigkeiten Schaden zugefügt werden soll. Ganz generell lautet die Kritik, es werde zu schematisch kontrolliert: „Bei der Inspektion werden noch zu wenig risikoorientierte Schwerpunkte gesetzt.“ So gebe es zu viele Routineverfahren, der Informationsfluss sei verbesserungsbedürftig, die Mitarbeiter wünschen sich eine bessere Schulung sowie branchenspezifische Faustzahlen, die sie bei ihrer Kontrolle unterstützen könnten. Zudem verstehen sich die Kontrollstellen zu sehr als Dienstleister, bemängelt Neuendorff. Sie führten zu wenig unangemeldete Kontrollen durch, auch wenn die gesetzlichen Vorgaben nach unangemeldeten Kontrollen durchaus eingehalten werden. Neuendorff plädiert für mehr spontane Betriebsbesuche.

Dafür fehlt es an anderer Stelle im Öko-Kontrollsystem an Standards, nämlich bei den Formularen und Zertifikaten. Eine stärkere Standardisierung in der Dokumentation innerhalb der Betriebe könnte das Aufdecken von Unregelmäßigkeiten erleichtern. Dieser Mangel zieht sich durch bis hin zu Zertifikaten der Kontrollstellen, die bei unterschiedlichen Formaten auch unterschiedliche Aussagekraft haben. Eine EDV-gestützte Registrierung von Partien, Transporten oder auch Betrieben bietet nach Neuendorffs Einschätzung zwar die größte Sicherheit entlang der gesamten Kette, allerdings mit einem recht hohen Aufwand, der für kleine Partien unangemessen scheint.

Koordination der Behörden

Schwachstellen findet Neuendorff aber nicht nur bei den Kontrollstellen. Auch die Behörden sind ja Teil des Kontrollsystems. Sie könnten akribischer den Verbraucher vor irreführenden Auslobungen schützen, die eine Öko-Qualität vortäuschen. Auch die missbräuchliche Nutzung des Biosiegels werde nicht konsequent verfolgt. Zudem übten die Behörden ihre Aufsicht über die Kontrollstellen schematisch aus, ohne nach Risikopotenzial zu schauen. Oftmals seien Weisungen an die Kontrollstellen nicht praktikabel umsetzbar. Zwischen den Behörden fehle häufig eine länderübergreifende Koordination.

Die gesetzlichen Regelungen kritisiert Neuendorff ebenfalls. Hier sieht er eine teilweise zu hohe Detailgenauigkeit, von der insbesondere landwirtschaftliche Betriebe in der Dokumentation überfordert würden. Andererseits seien Risikozonen des Öko-Marktes noch immer nicht ausreichend geregelt, wie beispielsweise die Abgrenzung von ökologischen und konventionellen Betriebsbereichen.



Risikobewertung

Das Risiko für Verstöße gegen die EG-Öko-Verordnung wächst
- wenn die Qualitätsanforderungen an konventionelle und ökologisch erzeugte Ware immer identischer werden;
- je kürzer ein Produkt gelagert werden kann;
- je rascher ein Produkt umgeschlagen wird
- je größer der Preisunterschied zwischen konventioneller und Öko-Ware ist;
- je leichter ein Betrieb über unzulässige Zutaten verfügen kann (bei paralleler konventioneller und ökologischer Produktion);
- je kleiner das Haftungsrisiko des Unternehmens ist.

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