Pflanzenproteine

Aus der Nische in den Mainstream


Chips aus Kichererbsen sind glutenfrei.
Imago Images Winfried Rothermel
Chips aus Kichererbsen sind glutenfrei.

Ob Sojamilch, Erbsenburger oder Lupinenmehl: Landwirte können von Verbraucherwünschen nach mehr Eiweiß aus pflanzlichen Rohstoffen profitieren. Allerdings fristet dieser Trend noch ein Nischendasein und erfordert Anpassungen in der Produktionskette.

Der Trend zur vegetarischen, veganen oder zumindest flexitarischen Ernährung erhöht die Nachfrage nach Lebensmitteln aus Pflanzenprotein statt tierischem Eiweiß. Daraus erwachsen Chancen für Landwirte in Deutschland, erwarten Analysten und Marktkenner. Das zeigt sich bereits in den Anbauzahlen. Nach den Statistiken der Union zur Förderung von Oel- und Proteinpflanzen (Ufop) wurden 2013 in Deutschland 16.500 ha mit Ackerbohnen bestellt; 2018 waren es bereits 55.300 ha. Lupinen wuchsen hierzulande 2018 auf 23.400 ha; heimische Sojabohnen standen auf 24.100 ha. Besonders der Anbau von Futtererbsen hat laut den Ufop-Statistiken stark zugenommen. Wurde die Hülsenfrucht 2013 noch auf 37.900 ha angebaut, waren es 2017 bereits rund 86.000 ha; im Dürrejahr 2018 immerhin 71.000 ha.

Zwar zeigen die Ufop-Statistiken nicht, wie viele Hektare bei diesen Körnerleguminosen auf die Futterverwendung entfallen und wie viele auf die Lebensmittelverwertung, da hierzu nach Angaben der Organisation noch keine Erhebungen vorliegen. Doch Marktkenner berichten, dass Stärkeproduzenten bisweilen beispielsweise Futtererbsen einkaufen und dann für die Lebensmittelverwertung aufbereiten würden. Wie sehr es sich bei allen diesen Eiweißpflanzen in Deutschland derzeit dennoch um ein Nischensegment handelt, zeigt der Vergleich mit Winterraps, der 2018 trotz rückläufiger Tendenz immerhin auf 1,2 Mio. ha angebaut wurde.

Der Wursthersteller Rügenwalder Mühle hat sein Sortiment um vegetarische Produkte erweitert.
Imago Images Sven Simon
Der Wursthersteller Rügenwalder Mühle hat sein Sortiment um vegetarische Produkte erweitert.
Dennoch betrachtet die Ufop diese Nische als chancenreich: Es gebe bereits zahlreiche Produkte aus ganzen Körnerleguminosen, Schroten und Mehlen aus Körnerleguminosen, Proteinkonzentraten oder –isolaten, die als Lebensmittel oder Lebensmittelzutat im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) angeboten werden: „Der Markt wächst hier sehr dynamisch und ständig kommen neue Produkte hinzu“, heißt es dazu von der Organisation in Berlin. Beispiele für verarbeitete Produkte wären Pflanzenmilch, veganes Eis, Fleischersatzprodukte wie Burgerpatties oder der Kichererbsenbrei beziehungsweise Brotaufstrich Hummus. Zwar steckt im heimischen Kichererbsenanbau aufgrund des zu kühlen Klimas hierzulande kurz- und mittelfristig Experten zufolge kaum großes Potenzial. Beliebte vegane Speisen aus Kichererbsen wie Falafel oder Hummus können laut Ufop aber in leicht abgewandelter Rezeptur auch aus Erbsen und Ackerbohnen hergestellt werden.

Höhere Erlöse für Spezialitäten

Stefanie Strebel, Geschäftsführerin der Ceresal GmbH in Mannheim, weist auf das Erlöspotenzial hin, welches die Nische der Hülsenfrüchte im Lebensmittelbereich für Landwirte bietet. Das Unternehmen ist auf die Vertragsproduktion und Vermarktung von Inhaltsstoffen für die Lebensmittelproduktion wie eben Pflanzenproteine oder glutenfreie Mehle spezialisiert. Zwar sei der Mehrwert gegenüber der Vermarktung von Körnerleguminosen im Lebensmittel- statt Futterbereich schwer zu beziffern, weil „Lebensmittelhersteller ja nicht unverarbeitete Hülsenfrüchte kaufen, sondern die daraus gewonnenen Proteine und Mehle“, so Strebel im Gespräch mit der agrarzeitung (az). Erbsenproteinkonzentrat beispielsweise würde mit Preisen von rund 2 €/kg gehandelt. „Für Futtererbsen liegen die Marktpreise derzeit bei rund 230 bis 240 Euro je Tonne“, so Strebel.

 Beyond Meat hat mit der PHW-Gruppe den bekannten Geflügelfleischhersteller von Produkten der Marke Wiesenhof als Vertriebspartner an Bord.
Imago Images Arnulf Hettrich
Beyond Meat hat mit der PHW-Gruppe den bekannten Geflügelfleischhersteller von Produkten der Marke Wiesenhof als Vertriebspartner an Bord.
Auch die Ceresal-Geschäftsführerin sieht daher viele Chancen im Anbau von Hülsenfrüchten, selbst wenn Landwirte erst Investitionen tätigen müssten, um das volle Wertschöpfungspotenzial abzugreifen: „Mehl aus Leguminosen wie Erbsen oder Lupinen beispielsweise ist auch deshalb bei Lebensmittelherstellern gefragt, weil es im Unterschied zu Getreidemehl allergenfrei, vor allem glutenfrei, ist“, erläutert sie. Doch Landwirte müssten auch in der Lage sein, eine allergenfreie Produktions- und Lieferkette für Leguminosen aufzubauen: „Das heißt beispielsweise, dass sich im Mähdrescher, in Transportfahrzeugen und in der Lagerung keine Weizenrückstände befinden dürfen.“

Imago Images / Panthermedia

Weitere Artikel zum diesem Thema finden Sie in unserem Report Ernährungstrends.

Strebel, die Ceresal vor fünf Jahren gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Lars Kuchenbuch als zweites Standbein zum gemeinsamen Getreidemaklerunternehmen KS Agrar gründete, ist überzeugt, dass der Trend zur pflanzlichen Ernährung andauern wird: „Es setzt sich ein breiter, gesellschaftlicher Konsens darüber durch, dass die pflanzliche Ernährung für den menschlichen Organismus gesünder ist – und, im Vergleich zur Fleischerzeugung, auch nachhaltiger“, sagt Strebel, auch mit Blick auf die Klimaschutzdebatte.

Die Analysten von ‚Markets and Markets‘ bestätigen diese Einschätzung in ihrer Prognose für den globalen Pflanzenproteine-Markt bis 2025: Generierte dieser Bereich 2019 noch eine Wertschöpfung von 18,5 Mrd. US-$, werden es ihren Analysen zufolge 2025 bereits 40,6 Mrd. US-$ sein. Sowohl öffentliche Einrichtungen als auch Großkonzerne der Nahrungsmittelindustrie wie etwa Archer Daniels Midland oder Dupont Danisco würden ihre Forschungsaktivitäten in dem Bereich ausbauen.

Fleischverarbeiter erweitern ihr Sortiment

Die Ufop weist auf einen wachsenden Trend zu solchen Produkten auch in der hiesigen Ernährungsindustrie hin: Immer mehr Lebensmittelhersteller hierzulande würden sich damit auseinandersetzen, tierische Proteine durch pflanzliche Proteine zu ersetzen oder sogar „offensiv Marketing betreiben“, teilte die Ufop hierzu mit. Ein Beispiel ist der Wursthersteller Rügenwalder Mühle, der Ende 2014 sein Sortiment um vegetarische Produkte erweitert hat. Hohe Bekanntheit besitzt auch Beyond Meat mit dem trendigen Pflanzenburger aus Erbsenprotein als wesentlicher Zutat. Das Start-up hat mit der PHW-Gruppe den bekannten Geflügelfleischhersteller von Produkten der Marke Wiesenhof als Vertriebspartner an Bord. Die PHW-Gruppe ist ferner Gründungsgesellschafter bei Foods United Inc., einer Wagniskapitalgesellschaft, die in Unternehmen des Bereichs alternative Proteinquellen investiert – von der Rohstoffbeschaffung bis hin zur Vermarktung.

Die Ufop sieht in solchen Engagements klassischer Fleischverarbeiter einen Beleg dafür, „dass der Wandel der Kundenwünsche als Chance für die Landwirtschaft in Deutschland und nicht als Gefahr gesehen werden sollte“.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Schneider Michael
    Erstellt 22. April 2020 09:34 | Permanent-Link

    Also wo soll da ein Chance für Landwirte sein, wenn ein Glas Hafergetränk nur ein zentel der Fläche braucht als ein Glas Kuhmilch!!!
    Wir müssen Landwirtschaft neu denken und brauchen einen Deal mit den Verbrauchern, sprich Politik, und das kann ich aus meiner eigen Erfahrung sagen, ist sehr schwer.
    Also weiter hoffen das es Regnet,
    der Grünlandrebell

stats