Pflanzenschutz

"Wir brauchen wirksame Beizmittel"


"Auditierungen sichern eine hohe Beizqualität." sagt Klaus Schlünder, Vorsitzender der AG Saatgutbeizung im Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP).
Foto: KWS
"Auditierungen sichern eine hohe Beizqualität." sagt Klaus Schlünder, Vorsitzender der AG Saatgutbeizung im Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP).

Erst hat es insektizide Beizmittel getroffen, jetzt stehen auch fungizide Wirkstoffe vor dem Aus. Die Saatgutbranche fürchtet um einen wichtigen Baustein im Pflanzenschutz.

agrarzeitung: Warum liegen Pflanzenzüchtern Beizmittel am Herzen? Reicht es nicht, gesündere Sorten zu züchten?

Klaus Schlünder: Die Pflanzenzüchtung liefert doch schon sehr gesunde Sorten! Züchtung und Selektion sind aber ein langer Prozess, während sich Krankheiten, Viren, Bakterien und Insekten äußerst schnell anpassen und Resistenzen brechen. Leider lassen sich auch nicht für alle Krankheiten oder Schädlinge geeignete Resistenzen finden. Manche wiederum dürfen mit den in Europa zulässigen Verfahren nicht eingekreuzt werden. Deswegen brauchen wir die Saatgutbehandlung. Sie ist außerdem sehr zielgerichtet und effektiv. Das Pflanzenschutzmittel wird am Saatkorn aufgebracht – ausschließlich dort, wo es benötigt wird. Umgerechnet kommt, verglichen mit der Spritzung, überhaupt nur auf 0,5 bis ein Prozent der Ackerfläche Wirkstoff an.

Stehen denn noch genügend Beizmittel zur Verfügung?

Die Palette der insektiziden und fungiziden Beizmittel hat sich in den vergangenen Jahren erheblich reduziert. Und die Situation wird sich aufgrund der anstehenden Wiederzulassung vieler Wirkstoffe noch weiter verschärfen. Der Wiederzulassungsprozess gestaltet sich zunehmend schwieriger. Die EU-Zulassungsbehörde verlangt häufig nachträglich zusätzliche Studien, für die komplexe Daten erhoben werden müssen. Oft schaffen es die Hersteller dann nicht, innerhalb der vorgegebenen Fristen alle Daten zum Risiko für Bienen, Vögel, Kleinsäuger oder die Umwelt vorzulegen. Werden die Fristen aber nicht eingehalten, bleiben die Daten, auch wenn sie dann vorliegen, unberücksichtigt und der Wirkstoff geht verloren.

Die Beizung als vorbeugende Maßnahme wird auch angewendet, wenn es keinen Befall gibt. Ist das sinnvoll?

Die Beizung schützt das Saatkorn vor Viren, Pilzen und Bakterien im Boden. Nur dort, wo keine Erreger im Boden sind, wäre die Beizung vorbeugend. An vielen Standorten trifft dies nicht zu. Geht das Saatgut aufgrund eines Befalls überhaupt nicht auf, gibt es auch nichts, was man mit anschließenden Spritzmaßnahmen schützen könnte.

Auf Beizmittel gegen Rapsschädlinge müssen Landwirte aber bereits verzichten.

Und gerade das Beispiel zeigt, wie wichtig Beizen sind. Im Raps ist es seither zu Ertragsreduktionen gekommen. Außerdem muss der bisher durch die Beizung geleistete Schutz der Rapspflanzen vor Insekten nun durch mehrfache Flächenspritzungen mit Pyrethroiden kompensiert werden.

Zur Person
Die Verfügbarkeit von Beizmitteln schrumpft. Der Wegfall insektizider Beizen mit Neonicotinoiden hat zuerst Raps und Mais getroffen. Seit diesem Jahr spüren auch die Rübenbauern das Fehlen dieser Wirkstoffgruppe. Ab dem kommenden Jahr entfallen außerdem wichtige fungizide Beizmittel. Der Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP) beobachtet die Entwicklung mit Sorge. Klaus Schlünder (KWS Saat SE) ist seit 2009 Vorsitzender der AG Saatgutbeizung im BDP und in gleicher Funktion auch bei den europäischen und internationalen Saatgutorganisationen ESA und ISF tätig.

Beizungen sind wegen Abdrift bei der Aussaat in Verruf gekommen. Wie lassen sich diese Risiken begrenzen?

In den vergangenen zehn Jahren ist – in Zusammenarbeit mit den Behörden – viel für den Anwenderschutz und die Umweltsicherheit erreicht worden. Bei der Beizung ist der Staubabrieb durch substanzielle technische Investitionen enorm reduziert worden. Außerdem ist die Aussaattechnik weiterentwickelt worden, um die Staubabdrift auf ein Minimum zu begrenzen.

Ist darauf wirklich Verlass?

Eine hohe Beizqualität und eine niedrige Staubbelastung werden durch neutrale Auditierungen von Beizanlagen im SeedGuard-System sichergestellt. Heute sind in Deutschland 100 Prozent der Produktion von Zuckerrüben- und Rapssaatgut abgedeckt. Bei Maissaatgut sind es über 90 Prozent. Im Bereich Getreide haben wir ebenfalls schon viel erreicht. Im QSS, dem Qualitäts-Sicherungs-System für Z-Saatgut, sind alle aufbereitenden Betriebe erfasst. Auch diese Betriebe unterziehen sich neutralen Audits und arbeiten kontinuierlich an einer Qualitätssteigerung. Der Landwirt, der Z-Saatgut kauft, erhält professionell gebeiztes Saatgut.

Wie sieht es bei Nachbau aus?

Die Beizung von Nachbausaatgut wird bis dato durch kein Qualitätssicherungssystem erfasst oder kontrolliert. Bis Ende 2020 müssen aber alle Beizgeräte amtlich kontrolliert werden – ähnlich dem Spritzen-TÜV im Pflanzenschutz.

Die Zulassungen von Beizmitteln sollen dennoch verschärft werden. Wie beurteilen Sie die geplante Windauflage?

Die aktuell von den Zulassungsbehörden für Pflanzenschutzmittel angedachte Windauflage berücksichtigt in keiner Weise die Verbesserungen der Beizqualität, die wir erreicht haben. Diskutiert wird, dass Saatgut nur noch bei Windgeschwindigkeiten von unter fünf Meter pro Sekunde ausgebracht werden darf. Das entspricht 18 Kilometer pro Stunde. Wenn man die Wetterdaten in Deutschland anschaut, herrschen in vielen Gegenden zur Aussaat im Frühjahr oder Herbst höhere Windgeschwindigkeiten. Dort müsste der Landwirt dann generell unbehandeltes Saatgut aussäen.

Wie beurteilen Sie die E-Beizung als Alternative zur chemischen Beizung?

Die E-Beizung ist für die Bereiche, in denen sie Wirkung zeigt, eine gute Alternative. Allerdings wirkt diese Behandlung nur gegen Krankheiten, die sich auf der Samenschale befinden. Bodenbürtige Krankheiten, die die Keimung beeinträchtigen, können damit nicht bekämpft werden.

Welchen Beitrag können Biostimulanzien leisten?

Die Anzahl der verfügbaren Biostimulanzien wächst derzeit rasant, allerdings sind nur begrenzte Erfahrungen zur Wirksamkeit verfügbar. Ob durch den Einsatz von Biostimulanzien oder Nährstoffbeizen der Einsatz von klassischen Beizmitteln reduziert werden kann, hängt sicherlich von den weiteren Erfahrungen ab.

Das Interview führte Dagmar Behme.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Helmut Lehner
    Erstellt 5. April 2019 18:09 | Permanent-Link

    Wir in Deutschland sind im Moment extrem erfolgreich dabei, uns selbst abzusägen, egal ob Autoindustrie oder Landwirtschaft. Aber das mit der Landwirtschaft wird dann Genosse Putin für uns erledigen - damit wir eine Puppenstube oder besser gesagt eine Märchenlandschaft für den Verbraucher gestalten können. (Leider will der diese nutzen und nichts zahlen....)
    Russland baut seinen Agrarsektor im Moment gewaltig aus. Das größte Agrarunternehmen Russlands, die Akosem-Agrar AG (https://www.ekosem-agrar.de/)
    bewirtschaftet 504.000 Hektar (VJ 322.000 ha). Die Milchproduktion pro Tag wurde innerhalb 15 Monaten auf 2.000 to pro Tag gesteigert!!
    Es ist für Russland kein Problem uns zu ernähren. Tja, bei uns läuft im Moment gewaltig viel schief. Die Politik hat kein Rückgrat – das ist die Mutter des gesamten Übels. Viele Grüße von der schönen Schwäbischen Alb.

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