Reduktionskampagnen

Zucker hat es schwer

Rewe-Kunden haben gewählt. Sie bevorzugen Schoko-Pudding mit weniger Zucker. Der wird die kalorienreichere Variante bald aus dem Regal verdrängen.
Foto: az Screenshot
Rewe-Kunden haben gewählt. Sie bevorzugen Schoko-Pudding mit weniger Zucker. Der wird die kalorienreichere Variante bald aus dem Regal verdrängen.

Die Zuckerpreise sinken und die Quote ist abgeschafft. Gefahr am Markt droht auch von Steuern und Supermarkt-Kampagnen zur Kalorienreduktion. Bisher sagt die EU aber eine noch gleichbleibende Produktion voraus.

Die Zuckerpreise liegen auf einem niedrigen Niveau und auch der Schutz durch die Zuckerquote ist abgeschafft. Dennoch sagt die EU-Kommission für den Zeitraum 2018/19 eine mehr oder weniger gleichbleibend hohe Zuckerproduktion voraus. In dem in dieser Woche veröffentlichten kurzfristigen Markttrend  wird von einem Minus bei der Anbaufläche von nur 1 Prozent ausgegangen. Das führen die Marktexperten auf die Vertragsbindung zurück, die in der Regel zwei bis drei Jahre umfasst. Beim Ertrag rechnet die Kommission mit einem Rückgang gegenüber 2017/18 von 3 Prozent auf 20,4 Mio. t. Die Hoffnung liegt auf dem Exportgeschäft. Für die weitere Zukunft sehen die Brüsseler Prognosen niedrigere Preisniveaus.

Entwicklung bei Weißzucker in US-$/t
Foto: EU-Kommission
Entwicklung bei Weißzucker in US-$/t

Handel kommt der Politik zuvor

Zu weiteren Preisdepressionen dürfte auch der aktuelle Negativ-Trend bei Zucker beitragen. Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisiert in dieser Woche in ihrem „Coca-Cola-Report“ die braune Brause als „flüssigen Krankmacher“. Gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation WHO macht sich Foodwatch für die Zuckersteuer stark. Großbritannien hat am 6. April bereits eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke auf der lnsel eingeführt.


In Deutschland und der EU ist es noch nicht so weit. Irland hat gerade erst erklärt, die Einführung einer Zuckersteuer zu verschieben, um auf die Zustimmung der EU-Kommission warten zu können. Auch Deutschlands Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will nichts übers Knie brechen. Sie hat die Forderungen nach einer Zuckersteuer zurückgewiesen. Das Problem müsse ganzheitlich angegangen werden: "Im Fokus steht die gesamte Lebens-und Ernährungsweise, nicht einzelne Nährstoffe", sagt Klöckner. Sie fordert eine Gesamtstrategie zur Reduzierung von Fett, Zucker und Salz und liegt damit auf Linie der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ).

Möglicherweise wird eine politische Reaktion - ähnlich wie bei der Haltungskennzeichnung bei Nutztieren - obsolet. Der Lebensmitteleinzelhandel scheint auch bei diesem Thema schneller zu sein. Ab Mitte Mai bieten die Rewe-Supermärkte einen zuckerreduzierten Pudding der Eigenmarke "Beste Wahl" an. Mehr als 100.000 Kunden konnten das Schokoladen-Dessert vorab in vier verschiedenen Süßungs-Varianten testen. Gewonnen hat der um 30 Prozent reduzierte Pudding, der im Mai die bisherige zuckerreichere Rezeptur ablösen wird. Auch die Discounter wie Lidl und Aldi haben das Thema bereits für sich entdeckt.
Zuckersteuer - ein sinnvolles Instrument? Das meinen Experten

PRO 
Prof. Dr. Hans Hauner, Ernährungsmediziner, TUM, München 

"Eine Steuer auf Süßgetränke ist an der Zeit. Der Zuckerkonsum – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen – geht weit über das gesundheitlich vernünftige Maß hinaus. Adipositas, Übergewicht und ihre Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen belasten mit bis zu zweistelligen Milliardenbeträgen unser Gesundheitssystem, jedes Jahr. Jeder Vierte in Deutschland ist adipös. Der Durchschnitt der Bevölkerung konsumiert Süßgetränke in einer Größenordnung, die nach epidemiologischen Studien zu einer zusätzlichen Gewichtszunahme von rund einem Kilogramm pro Jahr führt. Damit liegt Deutschland europaweit ganz oben. Eine Zuckersteuer könnte diesem Trend entgegenwirken. Im Fall von Süßgetränken entspräche dies auch dem Verursacherprinzip, denn Getränkeindustrie und Konsumenten leisten einen Beitrag dazu, die gesellschaftlichen Folgekosten dieser Produkte zu decken. Süßgetränke müssten 20 Prozent mehr kosten bezogen auf den Gesamtpreis, erst dann würden sich die Konsumenten für gesündere Alternativen entscheiden. Gute Erfahrungen hat man damit beispielsweise in Mexiko gemacht."

KONTRA 

Günter Tissen Hauptgeschäftsführer Wirtschaftliche Vereinigung Zucker 

"Eine Zuckersteuer macht niemanden gesünder oder schlanker. Es gibt keine „gesunden“ oder „ungesunden“ Nährstoffe. Zu einer ausgewogenen Ernährung gehört das gesamte Lebensmittelangebot. Entscheidend sind der Mix, der persönliche Bedarf und der persönliche Geschmack. Eine Zuckersteuer lässt das außen vor. Sie schert die Bedürfnisse vieler über einen Kamm und definiert, was schmecken darf und was nicht. Wäre damit etwas gewonnen? Zuckerreduktion heißt in festen Lebensmitteln immer Zuckerersatz. Wer ihn reduziert, muss ihn durch andere Zutaten ersetzen. Die verändern unser Essen – machen sie es auch besser? Zudem bringen sie auch Kalorien mit. Zuckerreduzierte Produkte haben oft genauso viele Kalorien wie ihre Ausgangsprodukte – manchmal sogar mehr. Und die sind entscheidend für unser Gewicht.  Verbrauchern ist das kaum bekannt. Sie verbinden „weniger Zucker" mit „weniger Kalorien" und glauben, sie könnten mehr davon essen. Die Hexenjagd auf Zucker kann schnell zum Bumerang werden." 
Die Fragen stellte Dr. Angela Werner

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