Trotz Krise

Optimiert und individuell


Foto: Imago / Westend61

Analysten bescheinigen nachhaltigen Produkten in ihren zahlreichen Facetten eine vielversprechende Zukunft. Die Corona-Pandemie führt zu einer Verschiebung der Schwerpunkte in den Ernährungstrends, die von Vegan bis zu „Smart Diets“ reichen.

Die Corona-Pandemie hat innerhalb der dominanten Ernährungstrends zu einer veränderten Schwerpunktsetzung geführt. Das globale Virusgeschehen wird aber nicht die wachsende Orientierung der Verbraucher, vor allem in westlichen Industrienationen, hin zu nachhaltigen Ernährungsweisen infrage stellen. Diese Prognose treffen zumindest die Marktanalysten von Mintel in ihrem Ausblick „Global Food and Drink Trends 2030“. Darin prognostizieren sie, welche Verbraucherwünsche die Märkte für Lebensmittel und Getränke im laufenden Jahrzehnt bestimmen werden.

Die Coronakrise führt den Analysten zufolge dazu, dass Landwirte, Lebensmittelverarbeiter und der Lebensmittelhandel von den zunehmend kritischen Konsumenten stärker daraufhin beobachtet werden, ob sie nachhaltig im Sinne der Gesundheit der Verbraucher, Mitarbeiter sowie Geschäftspartner in den vor- und nachgelagerten Stufen der Wertschöpfungskette wirtschaften.

Der Trend zu „Smart Diets“, also der mithilfe von digitalen Technologien und Datenanalysen individuell angepassten Ernährungsweisen, wird besonders mit Blick auf die Stärkung des Immunsystems und der Gesundheit an Bedeutung gewinnen. Generell habe die Coronakrise das Vertrauen in die Wissenschaft gestärkt, so die Mintel-Analysten weiter. Davon profitieren neben der Virologie und Medizin auch Ansätze der modernen Landwirtschaft wie die Züchtung trockentoleranter Nutzpflanzen. Erzeugnisse, die als „frei von Pflanzenschutzmitteln“ vermarktet werden, wie etwa in städtischen Indoor-Farmen produzierte Kräuter, würden dabei zunächst als Türöffner für ein steigendes Vertrauen in Wissenschaft, Forschung und moderne Technologien wirken. 

Der stolze Konsument

Auf konkrete Entscheidungen des Käufers an der Supermarktkasse heruntergebrochen, bedeutet dies, dass Verbraucher zunehmend bewusst konsumieren und stolz darauf sein wollen, nachhaltig wirtschaftende Unternehmen zu unterstützen. Dazu zählen Lebensmittelproduzenten, die auf Tierwohl, Vermeidung von Plastikmüll durch pflanzenbasierte Verpackungen oder gleich auf vegane und vegetarische Ernährungsstile setzen. Ein höherer Anteil Konsumenten wird bis 2030 den Erwartungen der Analysten zufolge pflanzliche Alternativen gegenüber tierischen Proteinen bevorzugen – also den veganen oder In-vitro-Burger und die Hafermilch.

Für erfolgreiche Unternehmen bedeute dies, in der Markenkommunikation Menschen und Umwelt deutlich vor den Profit zu stellen, so die Prognose bis 2025. Lebensmittelkonzerne würden bereits darauf reagieren, indem sie stärker miteinander und mit Nicht-regierungsorganisationen kooperierten. Als Beispiel dafür, wie die konventionelle Agrar- und Ernährungswirtschaft den Anforderungen der kritischen Verbraucher begegnen will, nennt Mintel die globale Nachhaltigkeitsinitiative für die Agrarwirtschaft, die SAI-Plattform, die in der2. Jahreshälfte 2019 mit Pilotprojekten in Europa und den USA gestartet ist. Dahinter verbirgt sich ein Zusammenschluss von großen Nahrungsmittelverarbeitern wie Nestlé, Coca-Cola, Unilever oder der Barilla-Konzern, Molkerei-Schwergewichten wie Arla Foods, Fonterra oder Friesland Campina sowie Agrarhändlern wie ADM und Bunge. Die Unternehmen wollen nach eigenem Bekunden in der Initiative eine nachhaltigere Produktion im Stall oder Acker vorantreiben, das Tierwohl stärken, Arbeitsbedingungen verbessern und CO2-Emissionen senken.

Datenkraken erwünscht

Unterdessen wird Big Data zwar häufig mit „Datenkraken“ und Problemen rund um Datensicherheit und Datenhoheit in Verbindung gebracht. Doch dienen digitale Gadgets wie Fitness-Tracker oder Smartwatches einer individuell optimierten Ernährung, treten diese Bedenken offenbar in den Hintergrund. Verbraucher teilen bereitwillig ihre persönlichen Daten mit einer Vielzahl an digitalen Tools aus dem Universum des Internets der Dinge, beobachtet Mintel. Der Konsument von morgen werde daher zunehmend personalisierte Rezepte und individualisierte Ernährungspläne nutzen. Das Einkaufsverhalten wird durch die Auswertung personalisierter Daten bestimmt. Respekt vor dem Datenschutz immer vorausgesetzt, gebe dies Unternehmen die Möglichkeit, nicht nur individualisierte Ernährungspläne und Rezepte zu vermarkten, sondern auch individuell angepasste Produkte. Das bedeutet aber auch, dass Unternehmen mehr in flexiblere, agile Produktionssysteme wie etwa den 3-D-Druck investieren müssten.

Landwirte profitieren bedingt

Auch die Berater der Boston Consulting Group (BCG) sehen im Trend der personalisierten Ernährung einen Markt mit Wachstumspotenzial – wenngleich es sich bislang nur um eine Nische handelt. Ob Läufer, die durch den personalisierten Proteindrink ihre sportliche Leistung steigern, oder chronisch Kranke, die durch eine individuell angepasste Ernährung ihre Gesundheit stärken wollen: Hier entstehe ein Markt sowohl für Datenanalysen, digitale Tools und letztlich die Inhaltsstoffe und somit Nahrungsmittel für die personalisierte Diät. Die Lieferanten dieser Inhalts- und Zusatzstoffe würden zwar deren Erzeugung beherrschen, müssten aber den Zutritt zu diesem Markt, dem die BCG Ende 2019 noch „exponentielles Wachstum“ vor allem in den USA, China und Japan bescheinigte, als Einstieg in ein neues Geschäftsfeld begreifen. Die Strategen raten daher beispielsweise zu Beteiligungen an Start-ups, um Risiken zu begrenzen. In der Tat flossen in den zehn Jahren von 2009 bis 2019 insgesamt 2,3 Mrd. US-$ in Start-ups aus dem Bereich neuartiger Lebensmittel, geht aus Daten des Forward Fooding Foodtech Data Navigator hervor.

Doch profitieren auch Landwirte von den Ernährungstrends – oder sind die Gewinne der Ernährungsindustrie und Start-ups vorbehalten? Als Rohstofflieferanten können sich Erzeuger auch in Stellung bringen. Doch noch sind die Nischen klein. Zudem können sie, etwa im Fall veganer und „Frei- von“-Erzeugnisse, mit besonderen Anforderungen an die Produktionskette verbunden sein.

 

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