Horst Hermannsen zu Molkereigenossenschaften

Genossenschaften – keineswegs nur in Bayern – können nicht mit Vieh und Fleisch umgehen. Das haben sie in der Vergangenheit bewiesen, indem sie zum Beispiel ihre Südfleisch an die Wand fuhren. Dass die Genossen auch von den Märkten für Milch und Molkereiprodukte wenig verstehen, beweisen sie ebenfalls schon seit Jahren – bis heute. Der Genossenschaftsverband Bayern zieht daraus keine Lehren. Während sein Präsident, Stephan Götzl, den parteipolitischen Auftrag erfüllen möchte, die fragwürdige Energiewende mit Bürgerbeteiligung voranzubringen, verlieren die Genossenschaftsmolkereien am attraktivsten Milchstandort Deutschlands an Bedeutung. Aus Liebedienerei vor der Bayerischen Staatsregierung, der er so gerne angehören würde, blockiert Götzl die besten Milchfachleute seines Verbandes dem Vernehmen nach mit der Aufgabe, Energiegenossenschaften zu gründen. Dabei würde deren ganze Kraft für die Sanierung des Molkereisektors benötigt.

Zu viele süddeutsche Genossenschaften fürchten den Markt und lieben die staatliche Ordnungspolitik. So träumen etliche ihrer Protagonisten von der „guten alten Zeit“, als sie für die Intervention erzeugen durften. Sich ausruhen auf Standardware ist freilich bequemer, als sich um Wertschöpfungsprodukte, zugkräftige Marken oder wachsende Drittlandsmärkte zu kümmern. Verantwortung für ein Unternehmen setzt heute Marktkompetenz voraus. Und wer keine Marktorientierung hat, wird spätestens nach dem Ende der Milchquote 2015 verschwinden – und das ist gut so. Dann ist noch größerer Raum für erfolgreiche private Unternehmen oder skandinavische Molkereigenossenschaften, die mehr vom Gewerbe verstehen.  Es fällt eben auf, dass vor allem jene genossenschaftliche Molkereien in Bedrängnis kommen, bei denen bäuerliche Vertreter das“Sagen haben. Der übermäßige Einfluss des Ehrenamtes, gepaart mit mangelhaften betriebswirtschaftlichen Kenntnissen, ist das Grundübel. Familientraditionen sind zuweilen wichtiger als Professionalität. Die Praxis zeigt, dass der Verantwortungsradius häufig am Tellerrand des Milchpreises endet. Dieses Verhalten erschwert die Entwicklung wettbewerbsfähiger Firmen. Unverdrossen werden Standorte verteidigt, die aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht zu halten sind. Der Schutz von Eigeninteressen, das Kleben an Pöstchen und Ämtern, eine schwer nachvollziehbare Form des Lokalpatriotismus, gewürzt mit Ideologien des vergangenen Jahrhunderts, dürfen nicht weiter als Förderauftrag verbrämt werden, wenn die Unternehmen eine Zukunft haben wollen.

Fusionen sind auch künftig unausweichlich und förderlicher als Besitzstandswahrerei. Bisher gibt es aber dabei zu viele Vorstands- und Aufsichtratsmitglieder, die schon zuvor überfordert waren und nach dem Zusammenschluss gegen- statt miteinander arbeiten. Die aktuelle Höhe des Milchpreises wird noch immer als besonderes Leistungsmerkmal einer Molkerei missverstanden. Tatsächlich ist es oft nur der verzweifelte Versuch, Mitglieder zu halten. Wenn der Absatzmarkt den hohen Erzeugerpreis nicht rechtfertigt, dann ist das Ende abzusehen. Dass dabei die Bauern ihre Geschäftsguthaben verlieren, liegt in der Natur der Sache. Nur wirklich starke Partner, die auch morgen noch am Markt agieren, sind für die Milcherzeuger auf Dauer gute Partner.
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