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Individuelle Informationen zu Tierhaltung oder Ackerbau bieten Wertschöpfungspotenziale für die gesamte Lieferkette, vom Landwirt bis zum LEH. KI im Stall und auf dem Acker und Smart-Farming-Tools machen es möglich. 

In den vergangenen Jahren hat sich das Bewusstsein des Verbrauchers beim Konsum von Lebensmitteln verändert: Die Aspekte Tierwohl, Umwelt, Regionalität und die eigene Gesundheit gewinnen an Bedeutung. Um die vielseitigen Bedürfnisse der Konsumenten zielorientiert anzusprechen, muss die Lebensmittelproduktion transparent gemacht werden und rückverfolgbar sein. Die Haltungsform der Rinder beim Kauf eines Steaks, der CO2-Fußabdruck für eine Tüte Milch oder der Schutz der Biodiversität bei der Produktion von Backwaren entscheiden mehr und mehr über den Einkaufspreis, den der Verbraucher bereit ist zu zahlen. Unternehmen im vor- und nachgelagerten Bereich profitieren dabei zunehmend von landwirtschaftlichen Betriebsdaten und nutzen diese, um Logistik, Unternehmensprozesse und Produktion zu optimieren.

Schlummernde Potenziale beim Landwirt

Relevante Daten zur Effizienzsteigerung und Produktdifferenzierung umfassen das ganze Erzeugungsumfeld des landwirtschaftlichen Betriebs. Dazu gehört die Haltungsform der Nutztiere, die unter anderem Informationen zu Auslauf, Tierwohl und Tiergesundheit umfasst. Mithilfe von Fütterungsdaten können Standards für Produkte, die frei von gentechnisch veränderten Organismen sind, umgesetzt werden. Die verabreichte Futtermenge ermöglicht Prognosen zu Tierwachstum oder Milcherzeugung und kann damit die Kapazitätsplanung in verarbeitenden Unternehmen wie Schlachtbetrieben und Molkereien verbessern. Im Acker- und Futterbau ist neben der Bodenbearbeitungsform die Applikation von Saatgut, Pflanzenschutz- und Düngemitteln und die Anlage von Blühstreifen und Biodiversitätsmaßnahmen relevant. Für die Ausweisung der Treibhausgasemissionen werden diverse Betriebsdaten, die von der Güllelagerung bis zur Waldfläche reichen, benötigt. Die Vielzahl der Datenbereiche weist auf eine hohe Bandbreite von möglichen Standards hin, aus denen neue Produkte entstehen können. Der Landwirt sitzt auf diesem Schatz der Daten, von dem bei intelligenter Steuerung in Zukunft die ganze Kette enorm profitieren kann. 

Zentrale Herausforderung ist es, die Verbraucheranforderungen mit angepassten Standards zu adressieren, die relevanten Daten auf dem Hof zu erheben und am Point of Sale (POS) im Supermarkt transparent zu machen. Wie gelangen aber die Daten vom Hof in die Regale am POS? Um die Rückverfolgbarkeit und Transparenz zu ermöglichen, setzen Unternehmen vermehrt auf die Entwicklung integrierter Wertschöpfungsketten. Sie ermöglichen Transparenz bis auf Einzeltier- beziehungsweise Teilschlagebene und nachweisbare Regionalität. Generell empfiehlt es sich, zwischen integrierten Wertschöpfungsketten mit Rückverfolgung auf Basis einer Einheit beziehungsweise eines Tiers und Ketten mit gepoolten Lebensmitteln wie etwa Milch zu unterscheiden. Bei Letzterem ist eine Trennung zwischen verschiedenen Qualitäten, Produktionsformen oder Betrieben nur durch Separierung der Chargen möglich. Im Ackerbau werden Ketten für gepoolte Lebensmittel aufgebaut, da die Rückverfolgung eines einzelnen Korns nicht umsetzbar ist. Bei Getreide wird dies durch eine separate Erfassung und separates Mahlen und Backen ermöglicht.

Sensordaten von der Kuh können der Industrie verfügbar gemacht werden

Wesentliche Chancen der integrierten Wertschöpfungsketten liegen in der passgenauen Adressierung von Zielkundenanforderungen und der Verfügbarkeit von Systemen zur Datenerfassung. Dazu gehören Smart-Farming-Systeme für das Betriebs- oder Herdenmanagement oder für präzise Applikation. Sensoren, beispielsweise an der Kuh, erfassen Daten zur Tiergesundheit, Fütterung und der Bewegung, die direkt in eine Cloud übertragen und für die Industrie verfügbar gemacht werden können.

Die Rückverfolgung in integrierten Wertschöpfungsketten erfordert jedoch zeitliche und finanzielle Ressourcen. Denn die Organisation der Logistik, die Trennung von Chargen und die Reinigung der Transport- und Produktionsmaschinen bei Chargenwechsel verursachen Zusatzaufwand. Zur Umsetzung eignen sich daher kleine und mittlere Verarbeitungsfirmen, bei denen Chargenwechsel leichter durchführbar sind als in Großbetrieben. Der Mehrpreis eines Standards muss mit dem Aufwand gegengerechnet werden. Um Landwirte zu gewinnen, muss eine überzeugende Mehrwertkommunikation erfolgen und finanzielle Anreize müssen gesetzt werden. Weiterhin müssen Datenschutz und Datensicherheit gewährleistet werden, zum Beispiel über entsprechende AGB-Vereinbarungen.

Aktuell etablierte Projekte werden von den Unternehmen oft als Aushängeschild für ihr Engagement im Bereich Nachhaltigkeit und Biodiversität genutzt. Ein Beispiel ist das Projekt „Lerchenbrot“ von BASF. Produktion und Verkauf des Lerchenbrotes werden dabei mit regionalen Partnern organisiert. Teilnehmende Landwirte legen beim Säen Fenster für Feldlerchen auf ihren Äckern an, die der am Boden brütende Vogel für Start und Landung nutzt. Die Plattform Field Manager im System Xarvio ermöglicht den Erzeugern dabei eine präzise Aussaat und Dokumentation.

Aufpreis von 10 Cent für mehr Biodiversität

Das Lerchenbrot wird über eine Bäckereikette für einen Aufpreis in Höhe von 10 Cent pro 750 g Brot regional vertrieben. Laut Markus Röser, Leiter Kommunikation und Nachhaltigkeit in der BASF-Agrarsparte in Nordeuropa, haben die vier zu Beginn an dem Projekt beteiligten Landwirte bereits die Anbaufläche des Getreides für das Lerchenbrot von 40 ha auf 100 ha ausgedehnt. Zusätzlich seien neue Landwirte in ganz Deutschland gewonnen und „weitere knapp 8600 Hektar“ für das Lerchenbrot ausgesät worden. Laut Röser finde eine Skalierung auch über weitere Produkte wie etwa den Lerchenschnaps statt. Der Vertrieb laufe gut an, sei allerdings sehr abhängig von der Intensität der Kommunikation. „Sobald die Kommunikation zum Lerchenbrot etwas nachlässt, schwenken die Konsumenten zu den günstigeren Brotvarianten um“, sagt Röser.

Kurzum: Daten vom Landwirt bieten noch enorme, ungenutzte Potenziale für die Verbesserung der operativen Effizienz der Industrieunternehmen und die Differenzierung von Lebensmitteln am POS.

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